Ein Mann seines Jahrhunderts

Ohne den Kunstsammler Erich Marx lässt sich die Geschichte der Nachkriegskunst in Berlin nicht erzählen. Beuys, Warhol, Rauschenberg, Twombly: Seine überragende Kollektion legte den Grundstein für den Hamburger Bahnhof.




Erich Marx 2005 in seinem Berliner Büro, vor dem Porträt, das Andy Warhol von ihm gemalt hat.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Als im Dezember der erste Spatenstich für das neue Museum des 20. Jahrhunderts gefeiert wurde, da fehlte er, vielleicht als der wichtigste in der Runde: der Sammler Erich Marx. So mancher fragte sich, wie es dem damals 98-Jährigen Wohl gerade geht, bange auch, wie es mit seiner Kollektion weitergeht, einer der Grundpfeiler des künftigen Moderne-Museums am Kulturforum. Denn die Geschichte der Nachkriegskunst in der Neuen Nationalgalerie, insbesondere der 1960er und 1970er Jahre, lässt sich nicht ohne den Großsammler Marx erzählen, dessen Dauerleihgabe die Eröffnung des Hamburger Bahnhofs als Museum der Gegenwart überhaupt erst ermöglichte.

Als das Museum vor 24 Jahren mit 188 Werken seiner Kollektion eröffnete, nannte er diesenTag überglücklich einen Höhepunkt seiner Sammlertätigkeit. Mit Beuys, Warhol, Rauschenberg, Twombly und Anselm Kiefer brachte er die Staatlichen Museen endlich auf Gleichstand mit internationalen Häusern. Dass er als Geschäftsmann und Unternehmer einmal eine solche Rolle für das Kunstleben der Hauptstadt und die Strahlkraft ihrer Museen <NO1>einmal<NO>spielen würde, hat er rückblickend selbst immer mit einem gewissen Staunen registriert.

Als Sohn eines Lagerarbeiters im gerade sieben Häuser zählenden Dörfchen Brombach bei Lörrach aufgewachsen, war ihm die Kunst nicht gerade in die Wiege gelegt. Doch der ehrgeizige Eleve wollte schon früh die Enge seines Herkunftsorts verlassen und schaffte als einziger von 60 Schülern den Sprung in die Oberschule der nächsten Stadt. Als der Vater seine Arbeit verlor, verdiente er hartnäckig selbst sein Schulgeld, indem er Zeitschriften austrug und Versicherungsschilder an Häuser montierte, für fünf Pfennig das Stück. Auf die Dorfschule wollte er nicht zurück.

In Berlin machte Marx als Bauunternehmer sein Glück – und begann zu sammeln

Diese Energie, der unbedingte Wille voranzukommen, trieb Erich Marx zeitlebens an. Als er nach der Schule als 17-Jähriger nicht zum Militär eingezogen wurde, meldete er sich freiwillig und entschlüsselte bei der Luftwaffe englische Funksprüche. Ein Leichtes für den aufgeweckten Jungen, denn die Codes erinnerten ihn an Kreuzworträtsel, die er ohnehin gerne löste. Nach dem Krieg studierte er in Freiburg und Basel Jura, promovierte und machte Karriere zunächst als Leiter der Rechtsabteilung zu Burda, wurde Geschäftsführer bei Rhenania-Druck und schließlich Generalbevollmächtiger der Verlagsgesellschaft Madsack.

Doch das reichte dem ambitionierten Macher nicht. „Ich hatte das Ziel, etwas zu erreichen“, begründete er später seinen entscheidenden nächsten Schritt. Der beschlagene Jurist und Medienmanager ging 1967 nach Berlin, wo man damals in der Baubranche sein Glück machen konnte. Hier wurde er mit seiner Bauträgergesellschaft zu einem der Schwergewichte, insbesondere im Bereich Rehabilitationskliniken und Krankenhäuser. Beruflich aktiv noch bis ins hohe Alter, regierte er am Ende über „ein kleines Klinik-Imperium“, wie er es nannte, mit 37 Kliniken und über 7000 Betten. Zurückhaltend, ja bescheiden blieb der Badener trotzdem, dem man den süddeutschen Zungenschlag immer etwas anhören konnte. Den überragenden Unternehmer, potenten Sammler merkte man dem eher stillen Mann mit den buschig weißen Brauen nicht an.

Erich Marx mit dem Kurator und ehemaligen Beuys-Sekretär Heiner Bastian (r.) und dessen Frau Celine Bastian.Foto: Imago/Tinkeres

Wer ihn in seiner Firmenzentrale in der Charlottenburger Carmerstraße besuchte, wäre auf den ersten Blick kaum auf die Idee gekommen, dass von den bescheidenen Büros aus eine größere Holding geführt wurde. Die Bilder in den Fluren aber verrieten den Chef als Kunstfreund, die vier Grafiken des Worpsweder Künstlers Friedrich Meckseper in seinem Büro den Ursprung seiner Leidenschaft, zu der er erst mit 51 Jahren fand. Bei einem Galeriebesuch auf der Insel Sylt schlug die Liebe zur Kunst ein wie ein Blitz. Plötzlich spürte der rührige Geschäftsmann einen Mangel, der schon lange an ihm zehrte: ein kriegs- und nachkriegsbedingtes Defizit an kulturellen Erkenntnissen und Erfahrungen.

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Mit der gleichen Leidenschaft wie bei seinen beruflichen Projekten stürzte sich der Baulöwe nun in diese Gegenwelt zu den Zahlen und Bilanzen seines Brotberufs. Marx wurde Großsammler, angeleitet von dem früheren Beuys-Sekretär und Kunsthändler Heiner Bastian, dem er beim Kauf eines Cy Twombly begegnete. Bis dahin hatte er seine Entscheidungen aus dem Bauch getroffen, wenn auch mit gutem Auge für Qualität, wie er sich selbst attestierte. Mit Hilfe seines neuen Beraters wurden die Ankäufe nun mit System gemacht. Aus der „Ansammlung“ unterschiedlicher Werke entstand eine richtige Sammlung. Bastian entwickelte für Marx ein stringentes Konzept, fokussiert auf die großen Vier Joseph Beuys, Andy Warhol, Robert Rauschenberg und Cy Twombly – alle seine Altersgenossen.

Joseph Beuys und Erich Marx: Beide waren der gleiche Jahrgang

Mit Beuys, von dem er 1976 eine erste Zeichnung kaufte, fühlte sich Marx in besonderer Weise verbunden. Beide waren der gleiche Jahrgang, beide hatten die Erfahrung des Krieges gemacht. Marx wurde zu „Beuys’ Bank“, wie er später sagte, kaufte ein Werk nach dem anderen, darunter Spitzenstücke wie die „Straßenbahnhaltestelle“, „Das Ende des 20. Jahrhunderts“, „Richtkräfte“, die heute den Westflügel des Hamburger Bahnhofs füllen, darunter auch das 456 Zeichnungen umfassende Konvolut „Secret Block for a Secret Person in Ireland“. Sie werden alle ins Museum des 20. Jahrhunderts einziehen.

Bei der Planung war Marx neben dem Ehepaar Pietzsch und Egidio Marzona einer der wichtigen Player; nicht zuletzt auf ihren Druck hin als Leihgeber kam das Projekt erst voran. Lange Zeit war in Berlin gar nicht bekannt, welchen kapitalen Sammler die Stadt mit Marx besaß. Das sollte sich 1982 ändern, als er im Mies-van-der-Rohe-Bau seine Sammlung präsentierte. Beuys, Warhol, Rauschenberg und Twombly reisten zur Eröffnung an. Das sorgte für Freude – und für Ärger, denn zu der Zeit waren in Berlin zwei Mietshäuser von Marx besetzt. Beuys, der Taktierer, erklärte seine Solidarität mit den Besetzern und besuchte sie vor der Vernissage. Die Freundschaft von Sammler und Künstler trübte das keineswegs.

Der Sammler Erich Marx vor Andy Warhols „Mao“, einem Schlüsselwerk seiner Sammlung. Es hängt im Hamburger Bahnhof in Berlin.Foto: Stephanie Pilick/dpa

Nun wollte sich die Stiftung Preußischer Kulturbesitz den Bilderschatz von Marx sichern. Zur Erwerbung für die eigenen lückenhaften Bestände fehlte ihr jedoch das Geld. Wissend um dieses Dilemma öffentlicher Häuser, hatte Marx unter Obhut von Heiner Bastian seine Sammlung ohnehin so angelegt, dass sie den Ansprüchen einer Institution entsprechen würde. Der Bauunternehmer wurde nun unter anderen Vorzeichen zum Motor für die Entwicklung einer Immobilie: der Umwandlung des Hamburger Bahnhofs in ein Museum der Gegenwart, das 1996 eröffnete – mit der Sammlung Marx als Dauerleihgabe. Das bisher so gut wie vergessen an der deutsch-deutschen Grenze schlummernde Gebäude erwachte zu neuem Leben, heute ist es das bedeutendste Museum zeitgenössischer Kunst der Republik. Marx schuf die Voraussetzungen .

Acht Jahre später folgte Friedrich Christian Flick mit seiner Sammlung (die er jetzt allerdings wieder aus Berlin abzieht). Marx betrachtete sie damals mit einer gewissen Ambivalenz, zog sie doch die Aufmerksamkeit von seinen Gaben ab, für deren Großformate eigens die Grande Galerie am Nordflügel angefügt worden war. Und sie verschob den Akzent der Ausstellungen stärker in Richtung Aktualität. Dieser Konflikt – angeheizt durch Heiner Bastian als im Haus waltender Gastkurator und streitbarer Schutzpatron der Marx-Kollektion – schwelte weiter, bis zur zweimaligen Drohung des Sammlers, seine Werke wieder abzuziehen. 2007 trennte sich Bastian von Marx. Der Sammler und der Hamburger Bahnhof einigten sich nun darauf, dass die Werke nicht länger exklusiv gezeigt werden durften, sondern auch zusammen mit Museumsbeständen.

“Das Kapital” von Beuys, seine letzte Übergabe: Das Moderne-Museum wurde deshalb umgeplant

Seitdem war es ruhiger geworden um Marx. Vor fünf Jahren hatte er einen letzten großen Auftritt, wieder mit Beuys: mit der Übergabe des Schlüsselwerks „Das Kapital Raum 1970 – 77“, eine 30 Objekte umfassende Installation, vom Konzertflügel bis zu beschrifteten Schiefertafeln. Mit dem für einen zweistelligen Millionenbetrag erworbenen Ensemble unterstrich der Sammler nochmals sein Engagement für das künftige Museum des 20. Jahrhunderts. Zugleich demonstrierte er seinen Geltungsanspruch, denn der Zuwachs machte entsprechende Umplanungen für das neue Museum von Herzog de Meuron erforderlich.

Welche Bedeutung Erich Marx für die Staatlichen Museen hat, wird ersichtlich, wenn das Museum des 20. Jahrhunderts in vier Jahren fertiggestellt ist, wie es optimistisch beim ersten Spatenstich hieß. Allzu sicher sollte man sich da jedoch nicht sein.

Der Sammler und seine Lebensgefährtin Violetta Wojnowski bei einem Galadinner 2004.Foto: imago images/Tinkeres

Die Sammlung wird inzwischen von einer Stiftung betreut, welcher Marx’ Sohn Axel vorsteht. In einem Interview mit der Fotografin Herlinde Koelbl sagte sein Vater einmal, dass er immer eine gute Nase dafür gehabt habe, was gehen könnte. Das Gespür hatte ihn allerdings bei seinem eigenen Anwalt verlassen, dem er zuletzt Veruntreuung in Millionenhöhe zum Vorwurf machte. Zwei Mal erging deshalb Haftbefehl gegen den Anwalt; auch Marx’ Lebensgefährtin soll an den Abzweigungen aus der Vermögensgesellschaft beteiligt gewesen sein.

Erich Marx ging es um das Wohl der Kunststadt Berlin, so SPK-Präsident Hermann Parzinger

In jedem Vertrag, den er mit der öffentlichen Hand geschlossen habe, sagte er Koelbl damals, gebe es eine Klausel, dass er zurücktreten könne, wenn etwas zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht erledigt sei. Dieses Damoklesschwert hängt immer noch über der Sammlung, Verzögerungen im Museumsbau sind vorauszusehen. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz muss nun mit den Rechtsnachfolgern verhandeln. Wie der Stand der Dinge ist, dringt naturgemäß nicht nach draußen.

„Für uns war er nicht nur ein bedeutender Sammler, sondern ein Mäzen, dem es auch um das Wohl der Kunststadt Berlin ging“, sagte Stiftungspräsident Hermann Parzinger nun zum Tod des am Mittwochabend mit 99 Jahren im schweizerischen Grindelwald verstorbenen Sammlers. Möglich, dass auch die Sorge dahinter steht, wie es mit dem Museum der Moderne weitergeht. Erich Marx aber bleibt mit seiner Kunst ein Mann des Jahrhunderts.