Ein Leben wie ein Traum – und wie ein Alptraum

Diego Armando war vier Jahre alt, als ihm sein Vater einen Ball schenkte. Die Familie Maradona wuchs in ärmlichen Verhältnissen in Villa Fiorito auf, einem Slum am Stadtrand von Buenos Aires. Den Ball, so berichtet es Maradona später selbst, will er am Abend sogar mit ins Bett genommen haben. Er konnte sich nicht mehr von ihm trennen.

Aber einmal passierte es dann doch, wie es Jimmy Burns in „Die Hand Gottes“, seiner nicht autorisierten Maradona-Biografie, schildert. Weil der kleine Diego in eine Jauchegrube gefallen war. Ein Onkel soll damals zufällig vorbeigekommen sein und ihn aus der Kloake gezogen haben. Maradona habe sich danach geschüttelt und sei zurück zu seinem Ball gegangen. „Das ist Diegos Leben: Er fällt immer wieder in die Scheiße und kommt immer wieder heraus“, kommentierte Autor Burns die Szene später.

Nachdem sein unvergleichliches Talent entdeckt wurde, erhielt Maradona den Spitznamen „El Pibe de Oro“ – Goldjunge. Mit 15 gab er sein Ligadebüt für die Argentinos Juniors, mit 16 wurde er Nationalspieler, mit 17 Torschützenkönig und mit 19 bereits Südamerikas Fußballer des Jahres. Damals wurde er von Reportern gefragt, ob er der neue Pelé sei. Er antwortete nur: „Ich will einfach nur Maradona sein.“

1981 wechselte er zu den Boca Juniors, 1982 holte ihn der FC Barcelona für die damalige Rekordablösesumme von 7,3 Millionen US-Dollar in die spanische Liga. Für Barcelona schoss er im Oktober 1982 in Belgrad sein vielleicht schönstes, aber längst nicht sein berühmtestes Tor.

Wirklich göttlich wurde er ohnehin erst beim SSC Neapel, wo er zeitweise sogar den Vesuv überragte. Nach dem ersten Sieg mit Napoli versuchte er die Euphorie noch zu bremsen und sagte: „Nicht Maradona hat das Spiel gewonnen, sondern Gott.“

Nachdem er die Mannschaft 1987 und 1990 zu den bis heute einzigen Meisterschaften führte, waren Gott und Maradona für die Neapolitaner längst eins – und vielleicht auch für ihn selbst. Seine Popularität in jenen Jahren war so groß, dass Maradona fast zwangsläufig abheben musste. Aus den Fenstern der Stadt hingen Fahnen mit seinem Konterfei, überall wo ihr Held auftauchte, bildeten sich Menschentrauben.

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Nur auf dem Fußballplatz konnte er sich noch frei fühlen. Dort, mit dem Ball am linken Fuß, wurde Maradona wieder zum Kind. Unbeschwert und unnachahmlich. In seinen größten Momenten ist er nicht zu stoppen, es scheint beinahe so, als wollte er den Ball wieder mit ins Bett nehmen, so wie als kleiner Junge. Maradona ist schnell, er schießt präzise und dribbelt wie kein zweiter.

Im Jahr 1986 ist Maradona auf der Höhe seiner Schaffenskraft. Beinahe im Alleingang führte er Argentinien in Mexiko zur Weltmeisterschaft. Im Viertelfinale schoss er gegen England das WM-Tor des Jahrhunderts, das ein argentinischer Radioreporter seinen Zuhörern so schilderte:

„Enrique am Ball, spielt zu Maradona, hat ihn, wird von zweien gedeckt, Reid, Hodge, geht nach rechts, dreht sich, lässt sie stehen, ein Genie, stürmt, stürmt, der nächste, der nächste und noch einer, spielt zu Burruchaga, nein, nein, weiter alleine, Fenwick kommt, weg, immer noch Maradonnna, jetzt noch Shilton, er liegt, vorbei, Diego, Diego, Genie, Genie, Genie, ta-ta-ta-ta-ta, Gooool, Gooool argentino, ich möchte weinen, verzeihen Sie mir, heilige Götter, viva Fußball! Diego, Diego Maradonnna, das Dribbling aller Zeiten, kosmisch, von welchem Planeten kommst du, Diego? Ihr Götter, habt Dank für diesen Maradona, diese Tränen!“

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Maradona zeigte in diesem Moment seine göttlichen Füße, nachdem er zuvor im Spiel seine göttliche Hand so weit nach oben ausgefahren hatte, dass er, der nur 165 Zentimeter große Zauberer, sogar Englands Torwart Peter Shilton übersprang und den Ball ins Tor schummelte.

Im Finale gegen Deutschland konnte Maradona nicht zaubern, weil ihm Lothar Matthäus beinahe wortwörtlich auf den göttlichen Füßen stand. Und doch wäre Maradona nicht Maradona, wenn er das Spiel nicht entschieden hätte. Als Matthäus eine Sekunde nicht aufpasste, spielte Maradona einen kleinen, aber feinen Pass auf Jorge Burruchaga, der anschließend den 3:2-Siegtreffer erzielte. Und auch wenn Maradona im 86er-Finale eher blass blieb, so prägte er die Weltmeisterschaft in Mexiko auf eine Weise, wie es keinem Spieler vor und nach ihm bei einer WM vergönnt war.

Insgesamt nahm Maradona an vier Weltmeisterschaften teil. 1982 verabschiedete er sich mit einer Roten Karte aus dem Turnier, nach dem Titelgewinn 1986 stand er 1990 noch einmal gegen Deutschland im Finale, verlor aber diesmal, weil sein damaliger Gegenspieler Guido Buchwald noch besser auf ihn achtgab, als Matthäus vier Jahre zuvor. 1994 erlebte Maradona in den USA den sportlichen Tiefpunkt, als er nach einer positiven Dopingprobe vom Turnier ausgeschlossen wurde.

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Endgültig unten angekommen, konnte ihn auch der geliebte Fußball nicht mehr retten. In den Jahren zuvor war er längst dem Kokain verfallen, die Camorra nutzte seine Popularität für ihre Interessen aus. 1991 musste er Italien verlassen und wurde zur „unerwünschten Person“ erklärt. In Abwesenheit erhielt er eine 14-monatige Bewährungsstrafe – wegen Zuhälterei und Drogenhandels.

Zuhause lief es nicht viel besser, Staatspräsident Carlos Menem entzog ihm den Diplomatenpass, den er als „Botschafter des Sports“ besaß. Er verlor eine Vaterschaftsklage und schoss eine paar Monate vor der 94er-WM mit einem Luftgewehr auf Journalisten – er traf nicht, anders als früher so oft auf dem Rasen.

Diego Maradona, hier im Jahr 2013, sorgte nach seinem Karriereende nur noch selten für positive Schlagzeilen.Foto: CARLO HERMANN / AFP

Mit 43 wäre er beinahe an einem Herzinfarkt gestorben, nachdem Comeback-Versuche und Entziehungskuren gescheitert waren. Dafür prangte auf seinem rechten Arm das Gesicht von Che Guevara, Maradona ließ sich von Kubas Staatschef Fidel Castro hofieren, in diesen Tagen war aus dem flinken Goldjungen von einst längst ein aufgeschwemmter Mann geworden. Und doch liebten sie ihren Diego Maradona in Argentinien immer noch.

Auch weil Maradona die Öffentlichkeit suchte, wie die ihn. Er wurde argentinischer Nationaltrainer und scheiterte krachend. Er arbeitete in den Vereinigten Arabischen Emiraten und in Weißrussland, machte sich im Fernsehen lächerlich und wirkte dabei beinahe absurd komisch. Dabei war er längst zur tragischen Figur geworden.

„Diego hatte ein Leben wie ein Traum. Und wie ein Alptraum“, sagte sein langjähriger Fitnesstrainer Fernando Signorini. Ebenfalls von Signorini stammt dieses Zitat: „Er lebt jeden Moment, als wäre es sein letzter. Wenn Diego einmal nicht mehr da ist, wird er noch mehr geliebt werden.“ Am Mittwoch ist Diego Armando Maradona in Buenos Aires an einem Herzstillstand gestorben. Er wurde 60 Jahre alt.