Ein Künstler im Klub der Rebellen

Andreas Georg Hoge alias Andora ist der halb-offizielle Vereinskünstler des 1. FC Union. Er gestaltet alles von der Eckfahne bis zum Mund-Nasen-Schutz.




„Seit 2005 ist Union einer meiner stärksten, verlässlichsten Eckpfeiler und schließt den Kreis meines Lebens“, sagt Andora über…Foto: Matthias Koch/Imago

Die Eckfahne im Stadion an der Alten Försterei ist eigentlich ein Selbstporträt. Gestaltet ist sie in der Form eines kleinen, rot-weißen Haifischs: mit scharfen Zähnen, spitzbübischen Augen und Beule an der Nase. „Wie meine Nase im Profil“, sagt der Künstler Andora. „Gebrochen auf diversen Stehplätzen und in Kämpfen innerhalb und außerhalb des Stadions.“

Andora – bürgerlicher Name Andreas Georg Hoge – ist die „lebende Eckfahne“ des 1. FC Union. Eine hoch aufragende, schnell redende Wirbelwindfigur, der über fast vier Jahrzehnte zu einem der bekanntesten Pop-Art-Künstler im deutschsprachigen Raum wurde. Heute ist er 62 und hat nach allen Kämpfen seine Ruhe gefunden: als halb-offizieller Hauskünstler eines Fußballvereins, in den er sich schon als Kind verliebte. Den sogenannte „Kleinen Biss“ hat er 2009 für die Eckfahne entworfen, als „krönenden Abschluss meiner aktiven Laufbahn“.

[Alle Entwicklungen rund um den 1. FC Union finden Sie bei uns in einem eigenen Blog.]

Es ist eine Laufbahn voller sagenhafter Anekdoten, die Andora auf Berlinerisch und fast ohne Atempause nacherzählt. Seine Jugend verbrachte er an der Alten Försterei mit dem Spitznamen „Jimmy“, weil er seinen Nachnamen mit dem von Union-Legende Jimmy Hoge teilt. Später wurde er zu einem jener oft beschworenen Unioner, die in der DDR als Staatsfeinde betrachtet wurden, 1980 wurde er nach anderthalb Jahren Knast ausgebürgert. Danach begann er eine Karriere in der Kunst, mit Stationen in Hamburg, Moskau und New York. Er bemalte Schuhe, Dollarscheine und 1992 eine russische Proton-Rakete, die die Erde umkreiste. Später machte er angeblich sogar selbst eine Ausbildung als Kosmonaut.

Immer wieder tauchte er im Sport-Bereich auf. Er gestaltete einen Formel-1-Wagen, eine Ski-Uniform für die deutsche Olympiamannschaft und für Henry Maske „den schönsten Box-Mantel der Geschichte“. „Sport und Kunst sind zwei Dinge, die einen Menschen von sich selbst befreien“, sagt Andora. Fußball und Malen seien im Grunde genommen identisch, „weil man keinen einzigen Spielzug wiederholen kann“.

Besonders stolz ist er darauf, dass er seit 15 Jahren mit dem 1. FC Union als Motiv spielen darf. „Die lebende Eckfahne eines solchen Fußballvereins zu sein: das ist noch größer als meine Rakete.“

Andora, 1958 in Ost-Berlin geboren, kam nach seiner Ausbürgerung aus der DDR eher zufällig zur Kunst, spezialisierte sich auf…Doris Spiekermann-Klaas, VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Andora liebt Union. Er trägt den „Kleinen Biss“ auf seinem mit Farbe beklecksten Malerkittel, auf seinem Unterarm ist das Union-Wappen mit den Worten „1. FC Popkunst“ tätowiert. Er schwärmt von dem Verein als „Rebell“ des deutschen Profifußballs, der versucht, „die Gesellschaft voranzubringen“, etwa in der Debatte um die Rückkehr von Zuschauern.

Unions umstrittener Plan, mithilfe von Präventivtests das Stadion wieder zu füllen, liegt zwar erst einmal auf Eis. Bei einem Testspiel gegen den 1. FC Nürnberg an diesem Samstag (17.30 Uhr, Alte Försterei) wird er trotzdem der erste Bundesligist sein, der wieder vor Zuschauern spielt, wenn auch nur vor 5000. Andora findet es gut. dass Union „in erster Linie weiterdenken will”.

Wenn Andora über den Verein spricht, scheint es manchmal, als würde der Künstler über sich selbst reden. Die Idee von Union als „Rebell“ stammt schließlich nicht nur aus DDR-Zeiten, sondern auch aus den heutigen Bemühungen des Vereins, kommerziellen Pragmatismus mit Fannähe und Romantik in Einklang zu bringen. Ähnlich versteht sich Andora. Den Kapitalismus betrachtet er als etwas, das „die Menschen in ihrer Kreativität oft ausbremst“. Doch als Künstler weiß er auch, den Kapitalismus kreativ zu benutzen. „Ich bin ein Kind von Karl Marx und Coca-Cola,“ sagt der Mann, der gerne Geldscheine bemalt.

„Fußball ist wie Malen – man kann keinen Spielzug wiederholen“

Er sei wohl auch nicht der einzige Union-Fan, der ein bisschen von sich selbst in der Geschichte seines Vereins sieht, meint Andora. „Wenn man unsere jeweiligen Laufbahnen anguckt, könnte man fast meinen, wir sind Zwillinge.“ Dabei hat er erst spät wieder zu Union gefunden. Nach seiner Ausbürgerung verlor er den Klub jahrelang aus den Augen, ging nach der Wende davon aus, dass Union „den Niedergang aller Niedergänge“ erleben würde.

Erst 2005 tauchte er wieder in Köpenick auf – seitdem begleitet er den Verein künstlerisch, sowohl mit kleinen spontanen Werken als auch mit größeren wie die Eckfahne. Eine der ersten Arbeiten war die „Madonna von Oberschöneweide“, eine Hommage an das Verhältnis zwischen Union und dem Vorgängerverein Union 06.

Mit der religiösen Metaphorik unterlief dem Kosmonauten und Atheisten vielleicht auch ein kleiner Fauxpas. „Viele Künstler kriegen im Alter eine Religionshaut. Das finde ich krank,“ sagt er. Stattdessen hat er in Köpenick eine etwas andere Kirche gefunden. „Seit 2005 ist Union einer meiner stärksten, verlässlichsten Eckpfeiler und schließt den Kreis meines Lebens.“

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Mittlerweile könne er gar nicht mehr nachzählen, wie viele Union-Werke er geschaffen hat, sagt Andora. Neben der Madonna und der Eckfahne hat er seinen Klub auf Bällen, Gießkannen, Bauhelmen und Koffern verewigt. Für seine Freunde bei der niedersächsischen Rockgruppe „Fury in the Slaughterhouse“ hat er eine Gitarre gestaltet, auf dem unter anderem das Vereinsmotto „Nicht ohne Liebe“ steht. Auch am Umbau des Stadions hat er als Nachtwache und Kaffeekocher mitgewirkt. Die Alte Försterei nennt er heute eine „soziale Skulptur“.

Wenn das Stadion an diesem Samstag sein 100. Jubiläum feiert, wird Andora dort nur als Selbstporträt zu sehen sein, dafür aber öfter als nur vier Mal. Denn der „Kleine Biss“ ist mittlerweile nicht nur an den Eckfahnen zu sehen, sondern auch auf den Masken, die Union seit Anfang der Pandemie im Fanshop verkauft. Das findet der Künstler auch deshalb gut, weil er so seine Haifischnase im eigenen Gesicht tragen kann. „Ick sage immer: lieber Selbstdarsteller als jar nichts darstellen!“