Ein gebrauchter Abend für den 1. FC Union

Loris Karius war bedient. Im Stadion an der Alten Försterei waren erst 37 Minuten gespielt, und schon hatte er drei Tore kassiert. Sein Startelfdebüt für den 1. FC Union hatte sich der vom FC Liverpool ausgeliehene Torwart sicherlich anders vorgestellt. Seinen Frust ließ er am linken Pfosten seines Tores aus, zweimal trat er wütend mit dem Fuß dagegen und schrie dazu wütend in die Berliner Nacht.

Man musste mit dem Torwart ein bisschen mitfühlen. Weil Union mit seinem Stammtorwart Andreas Luthe zuletzt in der Liga so gut spielte, hatte Karius in den vergangenen Wochen kaum Möglichkeiten, um sich zu beweisen. Und nun, als er endlich seine Chance bekam und sein erstes Pflichtspiel seit März bestritt, spielte Union plötzlich schlecht.

Denn nicht nur für Karius war dies ein gebrauchter Abend, sondern ganz generell für Union. 2:3 (1:3) verlor der Bundesligist aus Köpenick gegen den Zweitligisten SC Paderborn, und schied damit in aus dem DFB-Pokal aus.

Es war ein durchwachsener Schlussakt zu einem sonst wunderbaren Jahr, und Karius war wohl nicht der einzige Unioner, der an diesem Abend vor Wut und Enttäuschung einfach nur schreien wollte. In einem wilden Spiel zeigte Union zu viele Schwächen, die von brutal effizienten Paderborner gnadenlos ausgenutzt wurden.

Angefeuert wurden die Gäste dabei von ihrem Trainer Steffen Baumgart. Auch er schrie an diesem Abend viel – seine Mannschaft aber letztlich zum Sieg. Heiserkeit, so sagt man gerne in Köpenick, ist der Muskelkater des Unioners, und der frühere Unioner Baumgart dürfte am Mittwochmorgen sehr heiser sein.

Die Mannschaft von Urs Fischer hatte offensichtlich müde Beine

Bei den Unionern war hingegen eher der normale Muskelkater erkennbar. Die Mannschaft von Urs Fischer hatte offensichtlich müde Beine, sie war in der Defensive zu unkonzentriert und verlor am Ende trotz eines mutigen Kampfes in der Schlussphase nicht unverdient. „Wir wussten, dass es ein hartes Spiel wird, wir haben es in der ersten Halbzeit verloren. Die Paderborner haben zu einfach die Tore geschossen. Es ist sehr bitter“, sagte Marvin Friedrich.

Richtig bedient war Fischer: „Wenn Du im bezahlten Fußball nicht über 90 Minuten ans Limit gehst, hast du keine Chance. Ich glaube, das hatte heute vor allem mit dem Kopf zu tun.“

Im Vergleich zum 2:1-Sieg gegen Borussia Dortmund am vergangenen Freitag hatte der Berliner Trainer drei Wechsel vorgenommen. Neben dem Debütanten Karius spielte auch Robert Andrich nach seiner abgesessenen Sperre wieder von Beginn an, während Sebastian Griesbeck zunächst wieder auf der Bank saß. Für Marius Bülter startete auf dem linken Flügel Keita Endo, der damit zum zweiten Mal in dieser Saison in der Startelf stand.

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Karius musste schon nach zwei Minuten hinter sich greifen. Den ersten Angriff von rechts verteidigte Union schlampig, und nach einem missglückten Schuss von Dennis Srbeny konnte Sven Michel den Ball aus zwei Metern Entfernung ins leere Tor schießen.

Die Hausherren reagierten schnell: nur vier Minuten später glich Grischa Prömel nach einer Flanke zum 1:1 aus, sowohl Robert Andrich als auch Taiwo Awoniyi hatten danach gute Chancen. Doch Union blieb anfällig, und Paderborn vor allem über die Außenpositionen weiterhin gefährlich.

Nach etwa 25 Minuten schickte der Engländer Chima Okoroji eine Flanke in den Strafraum, und von der Seitenlinie sah Baumgart den Ball schon im Tor. Als er stattdessen über alle Köpfe hinweg zischte, heulte der Paderborner Trainer wie ein verwundeter Esel.

In der Nachspielzeit traf Taiwo Awoniyi noch den Pfosten

Doch er musste nicht lange leiden. In der 31. Minute kam wieder eine Ecke von Paderborn, und wieder verteidigte Union schlecht. Den ersten Schuss konnte Karius von der Torlinie wegkratzen, doch Srbeny schob den zweiten Versuch ins untere Eck. Als Union dann vergeblich um den erneuten Ausgleich kämpfte, öffneten sich hinten wieder Räume für die Gäste, die fünf Minuten später mit einem gnadenlosen Konter ihr drittes Tor erzielten. Diesmal war es wieder Michel, der vor dem Tor kühl blieb, und den unglücklichen Karius zum 3:1 tunnelte.

Mit seiner zweiten tollen Parade des Abends hielt der Torwart dann kurz nach der Pause seine Mannschaft noch im Spiel, bevor sich Union durch ein Eigentor von Uwe Hünemeier zurückmeldete. In einer immer wilderen letzten halben Stunde hatten sowohl Prömel als auch Andrich gute Chancen zum Ausgleich, doch es sollte nicht reichen für Union.

An der Seite brüllte Baumgart seine Mannschaft über die Ziellinie, und hinten schaute Karius machtlos aus seinem Tor zu, als das Köpenicker Traumjahr 2020 in Frust und Ärger zu Ende ging.