Ein frohes neues Jahr für Hertha BSC

Bruno Labbadia legt Wert auf Details, selbst auf solche, die auf den ersten Blick nebensächlich erscheinen mögen. Am vergangenen Donnerstag zum Beispiel. Da zog der Trainer von Hertha BSC mit seiner Mannschaft eigens ins Olympiastadion um, um dort den neu verlegten Rasen zu testen. Und als die Trainingseinheit beendet war, ließ sich Labbadia von den Greenkeepern noch in die Geheimnisse der Rasenkunde einweihen.

Herthas Trainer ist jemand, der immer wissen will, „warum funktioniert es noch nicht so, wie es funktionieren sollte“. Das galt auch für den neuen Rasen, der zwar eine deutlich bessere Standfestigkeit gewährleistete als das alte Geläuf, der aber noch nicht über die internationale Schnelligkeit verfügte. Was aber, wie Labbadia von den Greenkeepern erfuhr, auch gar nicht möglich sei. Zwei bis drei Spiele werde es wohl noch dauern.

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Mit Labbadias Mannschaft verhält es sich in dieser Saison ein bisschen wie mit dem neuen Rasen im Olympiastadion. Es braucht Geduld, obwohl oder gerade weil die Dinge noch nicht immer so funktionieren, wie sie funktionieren sollen. Der erste Auftritt im neuen Jahr, das letztlich souveräne 3:0 gegen den FC Schalke 04, gab aber zumindest Anlass zur Hoffnung. „Ich möchte, dass die Mannschaft diesen Schub mitnimmt“, sagte Labbadia.

Verglichen mit Schalke befindet sich Hertha BSC in einer nachgerade komfortablen Situation. Aber auch für die Berliner und ihren Trainer war die Gemengelage durchaus kompliziert. „Wir haben eine sehr außergewöhnliche und intensive Woche hinter uns, in allen Bereichen“, sagte Labbadia. Die 1:4-Niederlage in Freiburg kurz vor Weihnachten hatte einiges durcheinandergewirbelt. Sie hat den Verein arg mitgenommen und wohl auch Zweifel genährt, ob das alles in der vorhandenen Konstellation zu einem glücklichen Ende führen könne.

Zum Glück ging es gegen Schalke 04

Dass es nach der kurzen Pause gleich gegen den notorisch erfolglosen Tabellenletzten Schalke ging, erwies sich im Nachhinein als Segen – hätte aber auch leicht zum Fluch werden können. Eine Niederlage und damit zugleich Schalkes erster Sieg nach fast einem Jahr wäre die größte anzunehmende Blamage für Hertha gewesen. „Das sind Dinge, die ich nicht an mich ranlasse“, sagte Labbadia. Die Situation des Gegners wurde in der Spielvorbereitung nur sparsam thematisiert. Der Trainer versuchte bei seinen Spielern die Lust am Gewinnen zu wecken, „anstatt darüber nachzudenken, was könnte passieren, wenn man verliert“. Das seien die falschen Gedanken, um in ein Spiel reinzugehen, sagte er. „Ich hasse das.“

Nach einer schwer erträglichen Anfangsphase war Labbadias Spielern die Lust am Gewinnen tatsächlich immer deutlicher anzumerken. Hertha brachte die Dinge mehr und mehr unter Kontrolle. So löste sich die komplizierte Gemengelage erst einmal in Wohlgefallen auf – weil ausnahmsweise mal fast alles so funktioniert hatte, wie es funktionieren sollte.

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Labbadia hatte bei der Personalauswahl einige Entscheidungen treffen müssen. Alle erwiesen sich als richtig. In der Viererkette ersetzte Niklas Stark den verletzten Kapitän Dedryck Boyata, nachdem er zuletzt fast nur noch im defensiven Mittelfeld aufgelaufen war und bei seinen letzten Einsätzen als Innenverteidiger arg fehlerhaft gewirkt hatte. Gegen Schalke aber war Stark sehr präsent und umsichtig. Das galt auch für seinen Nebenmann Omar Alderete, der etwas überraschend den Vorzug vor Jordan Torunarigha bekommen hatte.

Im defensiven Mittelfeld übernahm Lucas Tousart den Platz als alleiniger Sechser. Der Franzose, Herthas teuerster Einkauf der Vereinsgeschichte, machte sein vielleicht bisher bestes Spiel für seinen neuen Klub. Vladimir Darida, zuletzt auch eher unscheinbar und schwerfällig, überzeugte mit Kreativität im Spiel nach vorne, bereitete die Tore zum 2:0 und zum 3:0 vor. „Er ist ein Spieler, der seiner Mannschaft Energie geben kann mit seinen Pässen“, sagte Labbadia. Genau das tat Darida gegen Schalke.

Cunha präsentierte sich deutlich verbessert

Entscheidend für den positiven Gesamteindruck war aber auch das Auftreten von Matheus Cunha, den Labbadia nach der Niederlage in Freiburg heftigst kritisiert hatte. „Er hat eine sehr gute Antwort gegeben“, sagte Herthas Trainer, „hat sehr diszipliniert mitgearbeitet.“ Am vorentscheidenden 2:0 unmittelbar nach der Pause war er maßgeblich beteiligt. Cunha eroberte in der eigenen Hälfte den Ball, schaltete umgehend um und bediente letztlich den Vorlagengeber Darida.

Den Treffer erzielte Jhon Cordoba, der trotz seiner fast zweimonatigen Verletzungspause gleich wieder in der Startelf stand. Laut Labbadia war die Entscheidung für ihn und gegen Krzysztof Piatek eine überaus enge, weil beide Stürmer im Training einen guten Eindruck hinterlassen hätten. Trotzdem lag die Entscheidung für Cordoba auf der Hand – weil er in engen Räumen besser zurechtkommt, körperlich robuster ist und sich dadurch besser zu behaupten versteht. Piatek kam eine knappe Viertelstunde vor Schluss, als Schalke zunehmend resignierte – und traf mit seiner ersten Aktion zum finalen 3:0.

So fügte sich alles zum Guten, zu einem erfolgreichen Start ins neue Jahr. „Der Sieg hilft uns in der Entwicklung“, sagte Bruno Labbadia, „auch wenn noch nicht alles gut war.“ Und zur besseren Einordnung sollte Hertha vor allem eines nicht vergessen: Gerade der FC Schalke ist im Moment eben alles andere als gut.