Ein Erfolg mit Nebenwirkung

Dass die Europapokalgeschichte von Borussia Mönchengladbach reich an Höhepunkten ist, lässt sich durch Fakten zweifelsfrei belegen. Für diese Fakten muss man allerdings tief in die Geschichte des Vereins zurückkriechen – bis in die siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, als der kleine Klub vom Niederrhein ein echtes europäisches Schwergewicht war.

Zwischen 1970 und 1980 spielte Borussia jedes Jahr international, acht Mal hintereinander landete die Mannschaft unter den letzten acht, fünf Mal stand sie in einem Endspiel, zwei davon entschied sie für sich.

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Die jüngere Europokalgeschichte von Borussia Mönchengladbach in den Jahren 2012 ff. ist hingegen eher eine Geschichte des Herantastens an dieses inzwischen ungewohnte Niveau. Es hat den Gladbachern einige Erfahrungen beschert, die man allenfalls unter dem Aspekt des Lerneffekts positiv bewerten konnte. Denn bei aller Freude über die noch vor zehn Jahren fast unvorstellbare Rückkehr auf die internationale Bühne: Gerade im Europapokal hat der Klub einige Tiefschläge einstecken müssen.

Die Mannschaft hat Spiele verloren, die sie nie hätte verlieren dürfen. Sie hat Spiele verloren, in denen sie mit vermeintlich übermächtigen Gegnern mithalten konnte, sich am Ende aber nicht für ihre Mühen belohnte. Und weil sich das über die Jahre auf fast beängstigende Weise stets wiederholt hat, ist bereits der Eindruck entstanden, dass die Gladbacher auf ihrem Weg keinen Schritt vorangekommen sind.

Bis zum Dienstagabend sah es so aus, als würde sich diese Geschichte auch in der neuen Saison fortsetzen. Bei ihrer dritten Teilnahme an der Champions League hatten die Gladbacher Inter Mailand und Real Madrid am Rande einer Niederlage – so wie in früheren Jahren auch schon den FC Barcelona, Juventus Turin oder Manchester City. In beiden Fällen aber mussten sie sich am Ende mit jeweils einem Punkt zufriedengeben. In den sieben Heimspielen, die Borussia seit 2015 in der Champions League bestritten hat, ist die Mannschaft stets in Führung gegangen. Gewonnen hat sie von diesen sieben Heimspielen allerdings nur eins. Vor einer Woche reichte gegen Real nicht einmal ein 2:0 nach 85 Minuten zum Sieg.

Scheitern ist nicht die einzige Option

Angesichts dieser Vorgeschichte ist das 6:0 der Mannschaft beim Auswärtsspiel am Dienstagabend gegen Schachtjor Donezk gar nicht hoch genug einzuschätzen. Donezk führte vor der Begegnung die Tabelle an, Donezk hat in Madrid gewonnen, Donezk ist – anders als die Gladbacher – regelmäßiger Gast im internationalen Fußball. Und trotzdem ließ die Mannschaft von Trainer Marco Rose nie einen Zweifel an der Rechtmäßigkeit ihres Sieges aufkommen. Zur großen Lust auf Europa gesellte sich diesmal auch eine große Entschlossenheit, die Angelegenheit für sich zu entscheiden.

Für den Klub und seine Fans ist das eine völlig neue Erfahrung, die dazu geführt hat, dass die Gladbacher nach drei Spieltagen zum ersten Mal überhaupt die Tabelle ihrer Gruppe anführen. Sie haben mehr Tore geschossen und weniger kassiert als jeder ihrer drei Kontrahenten. Allein einer Laune des Schicksals ist die Spitzenposition also nicht geschuldet.

Wäre die Gruppenphase ein Spiel, ginge Borussia jetzt mit einer halbwegs beruhigenden Führung in die Pause. Das ist schön, doch wenn jemand weiß, dass eine Führung noch gar nichts bedeutet, dann sind ist es die Gladbacher. Das Scheitern ist weiterhin möglich. Aber entgegen den bisherigen Erfahrungen hat der Auftritt gegen Donezk gezeigt: Das Scheitern muss nicht zwingend sein. Es wird für einen Klub wie Borussia Mönchengladbach immer eine Option bleiben. Aber er weiß jetzt: Es gibt auch noch eine andere.