Ein Cognac mit der Prinzessin

Guter Geschmack, nicht sein Ding. Beim Fotografieren groß Nachdenken, auch nicht seins. Starfotograf werden geht auch ohne, wie man sieht. Die Selbstcharakterisierungen stammen von Helmut Newton, seines Zeichens einer der einflussreichsten und umstrittensten Fotografen des vergangenen Jahrhunderts.

In Zitatform flankieren sie Weiß auf Schwarz dreißig seiner Fotos, die jetzt großformatig an der Mauer vor dem Berliner Heizkraftwerk Mitte plakatiert sind, fünf Minuten Fußweg vom U-Bahnhof Heinrich-Heine-Straße entfernt.

Die Agenten seines Nachruhms sind auf Zack

Auf 85 Metern verkehrsumbrauster Länge feiert die Freiluftausstellung „Helmut Newton One Hundred“ den auf den 31. Oktober fallenden runden Geburtstag des 2004 bei einem Autounfall in Los Angeles verstorbenen Meisters. Dass die Hommage nun punktgenau in die Zeit fällt, in der die gesamte Kultur am Montag wieder einpackt und in den Lockdown geht, passt zur lässigen Fortüne dieses Propheten des hedonistischen Zeitalters. Nichts darf mehr stattfinden, aber Newton umsonst und draußen läuft.

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Die Agenten seines Nachruhms sind auf Zack. Im Juli erst lief Gero von Boehms Dokumentarfilm „The Bad and the Beautiful“ in den Kinos, der anlässlich des 100. Geburtstags an diesem Sonnabend auch im Fernsehen zu sehen ist (3sat, 20.15 Uhr). Sein Haus-Verlag Taschen bringt unter dem Titel „Baby Sumo“ eine verkleinerte Ausgabe des legendären 35-Kilo-Bildband-Monsters „Sumo“ von 1999 heraus.

Helmut Newton (1920 – 2004) im Jahr 2002.Foto: dpa

Und die nimmermüde den Personenkult polierende Helmut Newton Stiftung hat sich mit dem Stadtmöblierer Wall zusammengetan, um 250 Citylight-Poster in ganz Berlin mit seinen Fotos zu bespielen und eben die Plakatstreifen vorm Kraftwerk anzupinnen. Als Ersatz für eine auf Juni 2021 vertagte Retrospektive im Museum für Fotografie.

[Mauer am Kraftwerk Mitte, Köpenicker Straße 70, bis 8. November]

Egal ob Mode oder Werbung, Newton sei ein Kampagnenfotograf gewesen, sagt Stiftungskurator Matthias Harder. „Deswegen bringen wir ihn raus auf die Straße, wo er in den Sechzigern und Siebzigern auch die Models hingebracht hat, und spielen das Spiel weiter, das er mit der Öffentlichkeit spielte.“ Ein Einfall ganz nach dem Geschmack des Fotografen der Schönen, Reichen und Wichtigen.

Das Porträt einer pittoresk geschminkte Damen zeigt sein Können

Provokante Newton-Nacktheit ist allerdings keine zu sehen. Stattdessen unretuschierte, schwarz-weiße Modefotografie aus mehreren Jahrzehnten, teils in Berlin fotografiert. Und eine bisher unveröffentlichte Aufnahme einer alten, pittoresk auf Rokoko geschminkten Dame. Diese „Princess of the Night“, wie Newton sie tituliert, hat er 1988 in einem Prager Kaffeehaus samt Cognac-Glas porträtiert. Diese einzige Nicht-Auftragsarbeit zeigt Newtons wahres Können.

Der „professionelle Voyeur“, als der er sich in der Dokumentation „The Bad and the Beautiful“ bezeichnet, wurde beerdigt, wo er 1920 geboren wurde: in Berlin. Jener Stadt, aus der die Nazis den Sohn eines jüdischen Fabrikanten 1938 verjagten. Und die ihm dann 2004 ein Ehrengrab auf dem Friedenauer Künstlerfriedhof bereitet hat und seinem fotografischen Nachlass im selben Jahr eine repräsentative Heimat im Museum für Fotografie am Bahnhof Zoo gab.

Matthias Harder, Kurator der Helmut Newton Stiftung, vor der Foto-Mauer am Kraftwerk Mitte.Foto: Jörg Carstensen/dpa

Die Kontroversen, die die „Big Nudes“, das berüchtigte Brathähnchen mit gespreizten Schenkeln oder die ewigen Model-mit-Model-Posen ausgelöst haben, gehören zur Popkultur. Sind Newtons Frauenakte Selbstermächtigungs-Amazonen, wie der selbst ernannte Feminist immer behauptet hat? Prominente Zeitgenossinnen sahen und sehen das anders. Susan Sontag nannte seine Bilder misogyn. Alice Schwarzer gar „faschistisch“.

Im Dokumentarfilm, der von Isabella Rossellini über Claudia Schiffer bis zu Charlotte Rampling und Grace Jones viele seiner Models vereint, macht Newton aus seiner ästhetischen Prägung durch die von ihm als Film- und Fotokünstlerin verehrte Leni Riefenstahl keinen Hehl.

„Ich bin in der Zeit aufgewachsen, natürlich hat mich das geprägt“, sagt er. Isabella Rossellini formuliert es so: „Er fotografierte Frauen, wie Riefenstahl Männer fotografierte.“ Wobei der von Newton in Mode und Werbung gepflegte Körperkult durchaus Brüche kannte.