Ein Amerika zwischen Football, Kirche und Drogen

Palmer ist tief gefallen. Zwölf Jahre war er im Knast. Jetzt kommt er raus auf Bewährung und versucht, wieder in die Spur zu finden. Einen ordentlichen Job zu bekommen, anständig zu bleiben, nicht in alte Muster zu verfallen – das kennt man alles. Wie oft ist dieser Film schon gedreht worden? Ein reuiger Sünder – fast immer ein Mann – boxt sich hoch, geht erneut k.o., steht wieder auf. Doch auch wenn das alles so altbekannt ist: Man sieht „Palmer“, der bei Apple TV läuft, mit Freude dabei zu.

Das liegt zuallererst an Justin Timberlake, der Palmer mit reservierter Aufrichtigkeit spielt. Er hält sich zurück, lässt den grimmigen Kern der Figur nur für Momente an die Oberfläche dringen. Palmer sagt lieber ein Wort weniger und trinkt ein Bier mehr, um den Frust im Inneren zum Schweigen zu bringen. Nach außen ist er höflich, sagt “Sir” zu älteren Männern, “Ma’am” zu seiner Großmutter (June Squibb), bei der er Unterschlupf findet.

Er lebt in einer dieser All-American-Kleinstädte im Süden der USA. Hier drehe sich alles um Kirche und Football, wie es einer von Palmers alten Freunden formuliert. In dieses konservative Milieu bettet Regisseur Fisher Stevens gesellschaftliche Diskurse. Die Nachbarin Shelly (Juno Temple), die neben dem Haus der Großmutter in einem Wohnwagen lebt, ist chrystal-meth-abhängig und hat einen Sohn. Viel mehr hat ihre Figur der Geschichte dann aber auch nicht hinzuzufügen.

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Brisante Themen streift der Film indirekt

Sam (Ryder Allen) gehört mit Psychiaterbrille, Seitenscheitel und Bäuchlein nicht gerade zu den coolen Kids seiner Klasse. Er hegt obendrein auch eine Vorliebe für Make-Up, Cheerleading und eine Animationsserie über eine Fee-Prinzessin. So eine Kind könnte leicht zur Karikatur geraten. Doch Allen spielt Sam mit einer unbekümmerten Natürlichkeit und gerade genug Zucker, dass man ihn ins Herz schließt. „Palmer” ist das Spielfilmdebüt des Achtjährigen, ein kleines Talent.

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Als Shelly ihren Sohn allein lässt, müssen sich Palmer und seine Großmutter um den Jungen kümmern. Dessen Vorlieben fordern Palmers Blick auf Fragen der Männlichkeit heraus. Es gehört zu den Stärken des Films, dass er die absehbare Wandlung des Erwachsenen mit Geduld und nötiger Beiläufigkeit schildert: von stillem Entsetzen über Akzeptanz hin zu echter Zuneigung.

(Auf Apple TV)

Andere Handlungsverläufe ahnt man ebenso voraus. Zum Beispiel, als sich Sams Lehrerin (Alisha Wainwright) für Palmer zu interessieren beginnt. Doch auch diese Entwicklung geht der Regisseur mit einer Zurückhaltung an, die den Film insgesamt auszeichnet. Stevens kennt man bislang eher als Schauspieler aus Serien wie „The Blacklist“, er inszeniert “Palmer” in angemessener Weise direkt. Nichts lenkt von den Figuren und den durchaus brisanten Themen ab, die Drehbuchautorin Cheryl Guerriero streift.

Fragen nach Geschlechteridentität und kulturell geprägten Rollenmustern kontrastiert „Palmer“ mit einem erdigen Soundtrack und typischen Szenen um Bowling, Football, Kirchgang und Barschlägerei – zweifellos auch im Hinblick auf ein etwas konservativeres Publikum. Den vertrauten Rahmen des Wohlfühldramas nutzt der Film als trojanisches Pferd, um liberale Anliegen dorthin zu transportieren, wo sie sonst vermutlich seltener verhandelt werden. Das ist mehr, als man von den meisten Varianten dieser uralten Story von der „zweiten Chance“ behaupten kann.