Eduard Löwen und sein zweiter Versuch bei Hertha BSC

Als Hertha BSC sich im Sommer 1999 intensiv um einen talentierten Mittelfeldspieler bemühte, wollte der Verein den jungen Mann nicht gleich mit den Reizen der Metropole Berlin überfordern. Um einem Kulturschock vorzubeugen, wurden dem potenziellen Neuzugang daher vor allem die ruhigen und idyllischen Flecken der Stadt gezeigt. Bei der Fahrt durch die Stadt präsentierte sich Berlin so ungewohnt grün, dass der Berater des Spielers irgendwann die Frage stellte, ob Hertha eigentlich einen Revierförster verpflichten wolle oder einen Fußballer.

Sollte es noch irgendwo den detaillierten Routenplan der Spritztour geben, die Herthas damaliger Manager Dieter Hoeneß 1999 mit dem 19 Jahre alten Sebastian Deisler unternommen hat: Eduard Löwen wäre daran vermutlich sehr interessiert. Der 23-Jährige sucht für sich noch den richtigen Platz in der großen Stadt. Wichtig wäre ihm, dass „ich ein bisschen Ruhe habe“.

[Mehr guten Sport aus lokaler Sicht finden Sie – wie auch Politik und Kultur – in unseren Leute-Newslettern aus den zwölf Berliner Bezirken. Hier kostenlos zu bestellen:leute.tagesspiegel.de]
Löwen mag es familiär und beschaulich. Auch deshalb ist er Anfang des Jahres mehr oder weniger aus Berlin geflüchtet, weg zum FC Augsburg. „Ich habe mich in Berlin nicht allzu wohl gefühlt“, hat er damals erzählt. „Verein und Stadt – beides war für mich etwas schwierig.“ Neun Monate später ist er wieder da: bei Hertha BSC und in Berlin.

Löwens Rückkehr erzählt einiges über die besonderen Umstände, mit denen der Profifußball in der Coronavirus-Pandemie konfrontiert ist, aber auch über ein maximal turbulentes Jahr für Hertha BSC. Als Eduard Löwen im Januar aus dem Trainingslager in Florida abreiste, um auf Leihbasis zum FC Augsburg zu wechseln, schien das ein Abschied für immer zu sein. Herthas Trainer hieß Jürgen Klinsmann, und der hatte Löwen sehr deutlich zu verstehen gegeben, „dass ich wenig Spielpraxis bekommen würde“. Der Spieler und sein Berater drangen darauf, die Leihe nach Augsburg auf anderthalb Jahre (und nicht nur ein halbes) festzuschreiben und dem FCA auch gleich eine Kaufoption einzuräumen. „Wir sehen uns langfristig hier in Augsburg“, erklärte Löwen kurz nach seiner Ankunft beim FCA.

„Ich sehe das Ganze als Neustart“, sagt Löwen

Mitte voriger Woche bekam er dann einen Anruf von Bruno Labbadia, Klinsmanns Nach-Nachfolger als Trainer. Am Samstagmittag waren alle Formalien geklärt, am Abend machte er sich auf den Weg nach Berlin. „Es ging alles sehr schnell“, sagt Löwen, dessen Rückkehr am Montag offiziell verkündet wurde. Am Donnerstag stand er erstmals mit der Mannschaft auf dem Trainingsplatz. „Ich sehe das Ganze als Neustart“, sagt er.

Seine Verpflichtung zeugt von den Schwierigkeiten, mit denen sich Hertha auf dem extrem komplizierten Transfermarkt in den vergangenen Wochen konfrontiert gesehen hat. Obwohl Geld reichlich vorhanden schien, ging es weniger um das Wünschenswerte als um das Machbare. Denn als Arne Maier unmittelbar vor Ende der Transferperiode recht vehement seinen Wechsel forcierte, benötigte Hertha jedenfalls auf die Schnelle noch einen Ersatz – und erinnerte sich an Löwen.

Im Sommer 2019 kam er vom Absteiger 1. FC Nürnberg

Dabei lässt sich nicht unbedingt behaupten, dass er bei seinem ersten Versuch in Berlin, nach seinem Wechsel vom Absteiger 1. FC Nürnberg, bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Doch das lag auch ein wenig an den Umständen. „Er ist eigentlich nie richtig hier angekommen“, sagt Manager Michael Preetz. Wegen seiner Teilnahme an der U-21-Europameisterschaft stieg Löwen im Sommer 2019 verspätet in die Vorbereitung ein und verpasste dann auch noch einen Teil des Trainingslagers, weil er für seine Hochzeit Sonderurlaub bekommen hatte. Sieben Mal stand er in der Hinrunde der Vorsaison für Hertha auf dem Platz, nur zweimal schaffte er es in der Startelf.

In Augsburg war das anders: In 17 Rückrundenspielen kam Löwen 16 Mal zum Einsatz. „Im Endeffekt war das eine gute Erfahrung“, sagt er. „Ich bin reifer hierher zurückgekommen.“ Nicht zuletzt das Telefonat mit Trainer Labbadia hat ihn überzeugt, es noch einmal bei Hertha zu versuchen. „Er ist der Meinung, dass ich viel Spielzeit bei ihm bekommen könnte“, berichtet Löwen.

Wildes Gedränge im zentralen Mittelfeld

Doch einfach wird es wohl auch diesmal nicht werden: Im zentralen Mittelfeld herrscht bei Hertha wildes Gedränge. Arne Maier ist zwar zum Aufsteiger Arminia Bielefeld gewechselt, dafür sind mit Löwen und Matteo Guendouzi zwei Mittelfeldspieler neu gekommen. Inklusive der fachfremden Niklas Stark und Maximilian Mittelstädt, die zuletzt im Mittelfeld zum Einsatz gekommen sind, hat Labbadia für zwei, maximal drei Positionen auf der Sechs und der Acht insgesamt sieben Kandidaten zur Verfügung.

Löwens Vorteil ist, dass er flexibel einsetzbar ist. Außerdem verfügt er über eine gewisse Präsenz, er ist robust, hat eine solide Technik und einen sehr guten Schuss. Labbadia bescheinigt Löwen gute Möglichkeiten, „aber er muss seine Fähigkeiten noch besser ins Spiel bekommen“. Ob ihm das dauerhaft gelingt, wird womöglich auch davon abhängen, ob Eduard Löwen, der Junge vom Dorf, sich diesmal besser auf den Verein Hertha BSC und die große Stadt Berlin einlassen kann. „Es liegt auch an mir, dem Ganzen etwas offener gegenüberzutreten“, sagt er. „Dann werde ich mich schon gut zurechtfinden.“