E-Mail für die Bratsche

Und dann erwischt ihr Vater sie in flagranti: Seit einem halben Jahr schleicht sich Hiyoli ins Wohnzimmer, wann immer sie allein im Haus ist, um auf der Bratsche des Vaters zu üben. Jetzt schlägt er die Hände über dem Kopf zusammen: „Wer spielt denn da so falsch das Telemann-Konzert?“ Die Tochter fühlt sich ertappt. Nicht, weil der Vater ihr verboten hatte, die teure Bratsche zu benutzen. Sondern weil es gerade ein intimer Moment ist. Doch der Vater hat Verständnis: „Wenn dir das gefällt, dann sag’ doch was!“ Von da an nimmt sie Unterricht.

Heute ist Hiyoli Togawa selbst Bratschistin von Beruf. Zwanzig Jahre nach den Experimenten im elterlichen Wohnzimmer sitzt sie mit zurückgebundenen schwarzen Haaren, grauer Strickjacke und breitem Lächeln in ihrem Studio in Schöneberg und erzählt, wie es zu ihrem neuesten Soloalbum gekommen ist. „Songs of Solitude“ vereint 17 Stücke, elf stammen von Gegenwartskomponisten, die ihr während des Lockdowns eigens geschriebene Stücke geschickt haben; die übrigen sind Sarabanden von Bach. Ein Corona-Album, wenn man so will.

Als die Pandemie im vergangenen Frühjahr Deutschland erreicht, fällt für Togawa alles weg. Keine Konzerte mehr, kein Publikum, keine Termine, keine Reisen. Projekte werden abgesagt, der Lehrauftrag an der Musikhochschule München, an der sie zuvor Schülerin war und jetzt unterrichtet, ruht.

Und auch in Berlin ist plötzlich alles anders, die Straßen leer. „Ein Leben, das ich nie erwartet hätte“, sagt Togawa, die sich selbst als japanisch-australische Rheinländerin beschreibt. Plötzlich war die Welt unfrei, sie dagegen fühlte sich auf paradoxe Weise „komplett frei“ – keine Termine, keine Projekte. Und fragte sich: „Was ist meine Mission als Musikerin, wenn ich nicht für Menschen spielen darf?“ Die 17 Bratschensoli sind ihre Antwort darauf.

Wer Togawa gegenübersitzt, versteht, dass jemand wie sie Isolation und Stillstand nicht akzeptieren kann. Die Sätze fliegen mit rheinischem Zungenschlag aus ihrem Mund, überschlagen sich, enden manchmal woanders, als sie begonnen haben. Es ist, als würden ihre Worte sich gegenseitig überbieten. Zu viel gibt es zu berücksichtigen, zu viel zu entdecken in der Welt. Wie soll so jemand schon ein Jahr zu Hause sitzen und Bratsche üben, ohne Ziel?

Plötzlich war sie nicht mehr isoliert

Also tritt Hiyoli Togawa die Flucht nach vorn an und eine Welle los. Es beginnt mit einer kurzen E-Mail aus der Berliner Isolation nach Schweden, an den Chef des kleinen Klassiklabels BIS Records. Darin schreibt sie, sie wolle Komponisten aus aller Welt bitten, Bratschen-Soli zu schreiben, in denen sie sich mit der Zeit der Isolation auseinandersetzen.

Drei Tage später landet das erste Manuskript aus New York in ihrer Mailbox: José Serebriers „Nostalgia“. Die Begeisterung Serebriers und des Label-Chefs, hätten etwas losgetreten, erzählt Togawa heute. Etwas sei ins Rollen geraten, das nicht mehr zu stoppen war.

Plötzlich war sie nicht mehr isoliert, die Auftragskompositionen wurden Tore in die Welt. Der Brite John Powell, der Musik für Hollywood-Filme schreibt, etwa für „Shrek“ oder „Kung Fu Panda“, bringt Togawa dazu, neun Bratschenstimmen einzuspielen und zu einem energischen, fröhlichen Stück übereinander zu legen. Als sie davon erzählt, wippt sie im Takt, macht mit der Stimme den Rhythmus nach, „du du du-du, dum“, ein kurzer Wirbelsturm auf dem Sofa bricht los. „Es war, als würde ich endlich wieder Kammermusik spielen.“

Nicht nur Fröhliches landet in ihrem Postfach. Tigran Mansurian schickt ein Stück aus Yerevan, in der Nähe tobt ein von Aserbaidschan losgetretener Krieg in der ethnisch armenischen Region Bergkarabach. Sie spielt sein Stück und spricht via Videochat mit ihm. Mansurian sei besorgt gewesen, deprimiert, erzählt Togawa, das habe sie tief berührt. Sein Stück trägt den Titel „Ode an die Stille“. Eine Ode, die vielleicht gleichzeitig Gebet ist.

Togawa spricht gern in Wassermetaphern

Seitdem ist keine Ruhe mehr eingekehrt bei Hiyoli Togawa, innerhalb weniger Wochen kommen Manuskripte aus Yokohama, New York, Helsinki an. Die Stücke, so beschreibt die Bratschistin den Vorgang, fließen auf das Papier, dann durch ihre Hand in das Instrument. Sie wiederum darf eintauchen in die Welten.

Togawa spricht gern in Wassermetaphern, und so sind auch die eingemischten Bach-Stücke vergleichbar mit einer Wasseroberfläche: „Man gleitet einfach mit der Bewegung des Wassers, ohne sich je zu fragen, gehe ich nach rechts? Nach links? Ich muss einfach mit, muss loslassen.“

Einfach mitgehen. Das Experiment wagen. Wie damals im Wohnzimmer der Eltern – oder jetzt in einem Berliner Hinterhof, neben einer Autowerkstatt für Oldtimer. Von hier aus hat sie die eingesammelten Stücke nach Wannsee getragen und in der Andreaskirche aufgenommen. Auf dem Weg dorthin radelte sie vorbei an Berliner Parks, die sie liebt, vor allem die mit großen Bäumen, die wilden, wuchernden, nicht perfekt gepflegten.

Hier vergisst die Musikerin sogar manchmal, dass gerade Pandemie ist, beobachtet Menschen, die dort so sein können, wie sie wollen, sich ausprobieren, Tai Chi praktizieren, joggen oder spazieren. Manchmal bleibt sie an Gewässern stehen, sieht die Strömung, die Wirbel, ihre Augen müssen einfach mitgehen. Da ist es: Das Gefühl, nach dem sie gefahndet hat.