Die Zweifel am Klassenerhalt sind nur noch mathematisch

Natürlich durfte auch am späten Mittwochabend ein Hinweis nicht fehlen. „Das Ziel bleibt der Klassenerhalt und dafür brauchen wir noch einige Punkte“, sagte Urs Fischer zur Hinrundenbilanz seines 1. FC Union. Nach der knappen 0:1-Niederlage bei Rasenballsport Leipzig haben die Berliner die Halbserie mit 28 Zählern auf dem sechsten Platz beendet. Das sei „für uns wirklich top“, sagte der Schweizer Trainer, um sofort eine Warnung hinterherzuschieben: „Wir sind noch nicht durch.“

Es ist momentan so etwas wie der Treppenwitz rund um das Überraschungsteam der Bundesliga. Bei jeder Gelegenheit werden die Berliner auf die tollen Leistungen und die gar nicht dazu passende Zielsetzung angesprochen. Jetzt müsst ihr aber langsam mehr wollen als den Klassenerhalt, schwingt dabei deutlich zu erkennen im Subtext mit. „Ihr könnt mich noch tausend Mal zum Europapokal oder zur Champions League befragen, aber ich werde mich immer gleich äußern“, hat Fischer schon vor einigen Wochen die immer noch gültige Marschroute vorgegeben. Ob in diesem Jahr 32, 34 oder doch die ominösen 40 Punkte für den Klassenerhalt nötig sein werden? Diese Rechnung habe er noch nie gemacht.

Rein mathematisch hat Fischer natürlich recht: Union kann noch absteigen. In der Praxis gibt es aber kein realistisches Szenario für diesen Fall. Der Vorsprung auf den Relegationsplatz beträgt 13 Punkte, auf die direkten Abstiegsränge sind es sogar 21. Die Plattform „FiveThirtyEight“, die statistikbasierte Vorhersagen für die Bundesliga aufstellt, beziffert Unions Abstiegswahrscheinlichkeit auf weniger als ein Prozent und prognostiziert für das Saisonende Platz acht mit 50 Punkten.

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Auch die Verantwortlichen der zwei letzten Gegner sehen die Berliner zurecht so weit oben in der Tabelle. „Wenn man auf die Punkte guckt, ist Union Berlin absolut ein Konkurrent“, sagte Leverkusens Trainer Peter Bosz, nachdem sein Team am Freitag in Köpenick verloren hatte. Ein Konkurrent um die Europapokalplätze wohlgemerkt. Ähnlich äußerte sich auch Leipzigs Julian Nagelsmann. Union sei verdient in der aktuellen Position und „wenn sie die Konstanz halten, traue ich ihnen sehr viel zu“, sagte der Rasenballsport-Trainer.

Dieses Lob von seinen Kollegen freut Fischer sicherlich, doch treiben lässt er sich davon nicht. Er spricht dann meist von einer Momentaufnahme. Der Schweizer geht seinen Weg und die Mannschaft folgt ihm. Man solle nicht „irgendwo etwas erzählen, nur weil es die Leute erwarten“, hat Fischer kürzlich gesagt.

„Wir haben eine überragende Hinrunde gespielt“

Und letztlich gibt es für die Berliner auch gar keinen Grund, ihre Herangehensweise zu verändern. Denn mit der aktuellen Situation fühlt sich die Mannschaft augenscheinlich sehr wohl. Dass bei Union nach solch einer Hinrunde niemand in Jubel ausbrechen wird, sollte das Team die Saison auf dem 13. Platz beenden, ist klar. Aber den erhöhten Druck durch eine neue öffentliche Zielsetzung brauchen die Spieler momentan offensichtlich nicht. „Das würde auch nicht zu uns passen, wir spielen unser zweites Jahr in der Bundesliga“, sagte Fischer.

In der Hinrunde hat Union die Erwartungen weit übertroffen. In Leipzig kassierte die Mannschaft erst die dritte Niederlage im 17. Spiel und auch dort wäre mit etwas Glück ein Punktgewinn möglich gewesen. Die Berliner liefern Woche für Woche mit einer beeindruckenden Konstanz starke Leistungen ab – mal mit ansehnlichem Offensivfußball, mal mit einer ultrakompakten Defensive wie in Leipzig. Dass mit Max Kruse und Joel Pohjanpalo die zwei namhaftesten Stürmer langfristig verletzt fehlen, hat die Mannschaft erstaunlich gut kompensiert. „Wir haben eine überragende Hinrunde gespielt und uns ein richtig großes Polster erarbeitet“, sagte Robert Andrich. „Aber es kann schnell gehen und wir wissen, wo wir herkommen.“

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Ähnlich präzise wie in seinen Spielanalysen äußerte sich Nagelsmann schon vor dem Duell mit den Berlinern zu deren Lage. Wenn Union stabil bleibe, sei die Mannschaft ein Konkurrent um die oberen Plätze, denn „man muss das Momentum sehen und nicht den Anspruch oder die Erwartungshaltung des Klubs“. Andererseits könne er auch nachvollziehen, warum ein Verein wie Union den Druck nicht erhöhe, indem man „herausbläst, dass man in den Europapokal will“. Sollten die Berliner weiter so konstant spielen, lasse sich das Thema ohnehin nicht vermeiden, sagte Nagelsmann.

Unions Kapitän Christopher Trimmel, der am Mittwoch in Leipzig eine Pause erhielt und am Samstag (15.30 Uhr, Sky) beim Auswärtsspiel in Augsburg wieder in die Startelf zurückkehren dürfte, sprach schon vor einigen Wochen von einem ganz pragmatischen Ansatz. Bis der Klassenerhalt rechnerisch erreicht sei, bleibe er bei der bisherigen Zielsetzung. „Danach können wir gerne über andere Dinge reden.“ Aktuell sieht es danach aus, als sei dieser Moment nicht mehr allzu weit entfernt.