Die zivilisierten Barbaren

Sie hatten gern die Haare schön: Eine Ausstellung auf der Museumsinsel zeigt die Germanen als unsere entfernten Verwandten




Kolorierte Gipsfigur eines germanischen Reiters mit Pferd, 1913.Foto: Römisch-Germanisches Zentralmuseum Mainz/V. Iserhardt

Die Probleme beginnen bereits mit dem Namen. Ein Volk der Germanen hat es nie gegeben, es wurde von den Römern erfunden. Der Begriff geht auf Cäsar zurück, der in seinem Kriegsbericht „De bello Gallico“ alle Stämme rechts des Rheins als Germanen bezeichnete. Später hat der Historiker Tacitus in seiner Schrift „Germania“ Sitten und Bräuche der dortigen Menschen eingehend beschrieben. Allerdings kannten Cäsar und Tacitus das meiste, was sie erzählten, nur vom Hörensagen. Die so genannten Germanen selbst haben keine vergleichbaren Texte hinterlassen. Sie betrieben keine Historiografie. Ihre Runenschrift, aus der wohl im 3. Jahrhundert ein Alphabet mit 24 Zeichen entstand, diente hauptsächlich der Alltagskommunikation.

Schwer zu greifende Gruppe

Die Ausstellung „Die Germanen. Eine archäologische Bestandsaufnahme“ stellt diese so schwer zu greifende Gruppe zum ersten Mal in den Mittelpunkt einer umfassenden musealen Betrachtung. Um die Verwendung des Germanen-Begriffs gibt es seit zwei Jahrzehnten in der archäologischen und historischen Forschung hitzig geführte Debatten. Die Ausstellungsmacher haben sich entschieden, ihn zu benutzen, weil sich, wie der Archäologe Michael Schmauder im Begleitbuch schreibt, „bestimmte Begriffe nicht aus dem allgemeinen Sprachgebrauch und Bewusstsein wegdenken lassen“. So wird auf der Berliner Museumsinsel, in der James-Simon-Galerie und im Neuen Museum, nun beides präsentiert: der Mythos und, so weit sie sich fassen lässt, die historische Wirklichkeit.

Die Ausstellung beginnt ungefähr zur Zeit Cäsars und endet mit der Völkerwanderung um 400, als Stämme wie die Goten, Vandalen und Sueben nach Süden aufbrachen und über den Limes tief ins römische Imperium vordrangen. Zwei großformatige bildliche Rekonstruktionen hängen einander gegenüber und zeigen, welche Kulturen am Rhein aufeinanderstießen: das römische Bonn und eine germanische Siedlung. Während Bonn eine von einer Wehrmauer umfasste Stadt mit schachbrettartig angelegten Gebäuden war, lebten die Germanen in dörflich zusammengerückten Gehöften neben Äckern und Wiesen.

Wilde Wälder, tiefe Sümpfe

Tacitus hat Germanien als „schauererregende“ Wildnis geschildert, bedeckt „entweder mit unwirtlichen Wäldern oder mit wüsten Sümpfen“. Mit der Realität hatten seine Worte wenig zu tun, das Land war hochgradig kultiviert, Siedlungen waren oft in Sichtweite voneinander angelegt, es gab jahrhundertealte Heerpfade und Handelswege, die bis nach Skandinavien und zum Schwarzen Meer reichten. Landwirtschaft und Handwerk dominierten, die Menschen lebten in langgestreckten Häusern mit ihrem Vieh zusammen. Die Ausstellung im Untergeschoss der James-Simon-Galerie ist selbst wie ein Langhaus angelegt, eingefasst von sich konvex ausbuchtenden Wänden.

Mehr als 700 Exponate sind zusammengekommen, darunter Prunkstücke wie ein vollständig erhaltenes Holzschild, das zusammen mit militärischen Ausrüstungsteilen aus dem Thorsberger Moor bei Flensburg geborgen wurde. Nicht weniger beeindruckend sind viele Alltagsgegenstände. Ein Haufen von sorgsam zugeschnittenen Geweihteilen entpuppt sich als Hinterlassenschaft eines Kammmachers. So wie sie in der Vitrine liegen, sieht es aus, als könne der Mann gleich zurückkommen und weitermachen mit seiner Arbeit.

Kämme für die Nachwelt

Kämme fungierten als Rangabzeichen. Besonders kostbare Exemplare wurden als Beigaben in die Gräber von Stammesführern gelegt. Einige besonders schöne Beispiele sind in der Ausstellung zu sehen, darunter ein pyramidaler Kamm aus Thüringen. Er trägt in Runen die Inschrift „kaba“, was Kamm heißt. Auf Haar- und Barttracht legten die Germanen offenbar großen Wert. Berühmt ist der Sueben-Knoten, ein filigran geflochtener Männerdutt, der über dem rechten Ohr getragen wurde. In der Ausstellung ist er an einer Figur von 1913 zu sehen, die einen Krieger mit Pferd, Schild und Lanze darstellt.

Es sind nur wenige zeitgenössische Abbildungen von Germanen überliefert, die eindrucksvollsten stammen von Römern. Zwei Reliefs aus Mainz zeigen die Barbaren als besiegte Kriegsgegner. Sie waren menschliche Beutestücke, wurden in Ketten gelegt und meistbietend verkauft. Auf den Porträts sind sie muskulös und kräftig, sehen mit ihren gelockten Kurzhaarfrisuren nach römischer Mode aber durchaus zivilisiert aus. Krieg war allgegenwärtig in der Spätantike, die germanischen Stämme kämpften gegeneinander und gelegentlich auch zusammen gegen die Usurpatoren aus dem Süden.

Kriegsdienst für Bürgerrecht

Trotzdem muss man sich das Verhältnis von Römern und Germanen als symbiotisch vorstellen. Um ihr Imperium verteidigen zu können, waren die Römer auf Hilfskräfte angewiesen. Germanische Söldner lassen sich bis ins heutige Syrien nachweisen, nach 25 Dienstjahren konnten sie ein eingeschränktes römisches Bürgerrecht erhalten. Selbst der legendäre Partisan Arminius, ein Cherusker-Fürst, hatte in der römischen Armee gedient, bevor er die Seiten wechselte und in der Varusschlacht drei ihrer Legionen vernichtete.

Man sollte Zeit mitbringen für die enzyklopädisch ausschweifende Ausstellung, es lohnt, sich in Details zu vertiefen. Aus einem broschekleinen Messingbeschlag, gefunden im dänischen Syddanmark, blickt einem ein menschliches Gesicht entgegen, kunstvoll reduziert auf Striche und Bögen. Ein halbkreisförmiger Reif aus Schleswig-Holstein zeigt ineinander verschlungene Tiere, flankiert von menschlichen Köpfen. Das Rinderfigürchen, das aus Berlin-Schöneberg stammt, wurde vielleicht bei religiösen Riten verwendet, die aus dem römischen Stierkult entstanden.

Forschung und Verklärung

Die „Germania“ von Tacitus war lange vergessen, ihre einzig erhaltene Abschrift ist im 15. Jahrhundert in der Abtei Hersfeld entdeckt worden. Damit wurden die Germanen zum Thema humanistischer Forschung, auf die im 19. Jahrhundert die nationalistische und völkische Verklärung folgte. Nun galt Arminius als Befreier, auf dem Hermannsdenkmal bei Detmold reckt er sein Schwert nach Westen, dem „Erbfeind“ Frankreich entgegen. Der Vaterländische Saal im Neuen Museum ist der ideale Ort, um diese Rezeptionsgeschichte zu erzählen.

Hier haben sich, arg beschädigt im Bombenkrieg, die von Wilhelm von Kaulbach Mitte des 19. Jahrhunderts entworfenen Fresken erhalten, die einen Fries nordischer Mythen bilden. Zwerge, Walküren und Nymphen treten auf, über der Eingangstür schwebt der Allvater wie ein Engel mit ausgebreiteten Armen in den Raum. Christliche Ikonografie mischt sich mit dem Totenkult der Götterdämmerung. Man wusste nicht recht, wie man sich die Germanen vorzustellen hatte. Es sind entfernte Verwandte, die in erstaunlich diversen Gesellschaften lebten (“Germanen. Eine archäologische Bestandsaufnahme“. James-Simon-Galerie und Neues Museum, bis 21. März, Di–So 9.30–18.30 Uhr, Do bis 20.30 Uhr. Das Begleitbuch (Theiss-Verlag) kostet 50 Euro).