Die Zauberbude am Kurfürstendamm

Das letzte Bild steht noch auf der Staffelei. „Verheißung eines Winters“. Ein abstrakt-symbolistisches Schneegestöber in viel Weiß, etwas Blau und Orange. Angedeutete Gesichter, Linien, Winkel, die einem unbekannten Zeichensystem folgen. Auf der Palette, die darunter ruht, trocknen Tuben und Pinsel vor sich hin. Eine Schirmmütze liegt daneben.

56 Jahre lebt sie hier oben im Gartenhaus

Wie unberührt seit dem 6. Oktober 1975, als das Werk fertig wird. Beim Heranzoomen wird deutlich: Längst schon es ist ordentlich gerahmt. Alter und Krankheit zwingen seine Schöpferin mit dem Malen aufzuhören. Sechs Monate später, am 22. April 1976, stirbt Jeanne Mammen mit 86 Jahren in ihrer Geburtsstadt Berlin.

Der Stadt, deren Zwanziger-Jahre-Mythos sie mit ihren in der Weimarer Republik entstandenen Gemälden von Nachtgestalten und Revuegirls geprägt hat.

Ein engagierter Freundeskreis kümmert sich um die Bleibe

Dass ihre Atelierwohnung am Kurfürstendamm 29, die sie 1920 bezog, die Zeitläufte überdauert hat, verdankt sich den kulturbegeisterten Freundinnen und Freunden, die sie allabendlich dort empfangen hat. Sie gründeten die Mammen-Gesellschaft, die sich 2003 dem Berliner Stadtmuseum anschloss. Anlässlich des 130. Geburtstags der im November 1890 geborenen Malerin und Grafikerin macht das Stadtmuseum die 2019 als Gesamtkunstwerk rekonstruierte Wohnung jetzt digital zugänglich. In Form eines 3D-Rundgangs unter www.stadtmuseum.de/atelier-jeanne-mammen.

Gleichmäßigs Nordlicht. Das Atelierfenster im 4. Stock des Gartenhauses ist sechs Meter hoch.Foto: Stadtmuseum Berlin

Was für eine bescheidene Bleibe durch 56 Lebensjahre, ist der erste Gedanke, wenn man per Mausklick auf Zeitreise durch die Räume im Obergeschoss des Gartenhauses geht. Und der zweite: was für ein Glück, dass „die Zauberbude“, wie die Künstlerin und ihre Freunde das Atelier nannten, erhalten ist.

Auf Wunsch nun untermalt von Erik Saties weihevoller, abgenudelter Piano-Melancholie. Im Flur gerät eine Leiter in den Blick, die auch als Flurspiegel dient. Und ein an die Wand genageltes Hufeisen, das von der Hoffnung auf Glück erzählt.

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„Der Wirt dachte, Künstler brauchen nix“, erinnert sich Mammen an den Einzug am 1. April 1920. „Es gab nur fließend kaltes Wasser und zwei Stühle.“ Die in Paris als Tochter einer liberalen Kaufmannsfamilie aufgewachsene Künstlerin zieht gemeinsam mit Schwester Mimi ein.

Zusammen habe sie Malerei und Grafik in Paris, Brüssel und Rom studiert. Jetzt schlagen sie sich als Gebrauchsgrafikerinnen durch. Das erläutern anklickbare Audio- und Textinfos, ebenso wie das teils von Mammen selbst bemalte Mobiliar und ihre Werke.

Die Künstlerin baut Dekorationen. Zwischen 1949 und 50 aufgenommen.Foto: Rempor Studio Berlin

Bad und Küche? Fehlanzeige. Zur Berliner Ikone schafft man es auch ohne. Zwei Kochplatten und ein Waschbecken im 30 Quadratmeter-Atelier und die Toilette auf halber Treppe reichen. Zumindest wenn man eine Überlebenskünstlerin ist, die den Nationalsozialismus in der inneren Emigration mit Gelegenheitsjobs als Schaufensterdekorateurin übersteht und das Atelier als Schutzraum für immer abstraktere Gemälde und Plastiken nutzt, die der NS-Ästhetik zuwider laufen.

Bilder verkauft sie sogar auf der Straße

Emigrierte Freunde wie Max Delbrück verkaufen für sie Bilder im Ausland. Sie selbst sogar kurzzeitig auf der Straße, wie der sogenannte Bücherroller „Zur lächelnden Berolina“ im Schlafzimmer erzählt. Den Stand betreibt sie 1933 mit Hans Uhlmann an der Ecke Kurfürstendamm/Wielandstraße.

Das Ledersofa im Atelier ist ein Geschenk des Journalisten Erich Kuby, der in den Sechzigern zum Freundeskreis gehört, mit dem Jeanne Mammen zuvor das Nachkriegs-Kabarett „Die Badewanne“ gegründet hat. So wird aus der Reise durch Räume ganz schnell eine durch die Kulturgeschichte der Stadt.