Die Welt ist aus dem Takt

Man hätte jetzt gerne so eine Smiley-Ampel wie an den Autobahn-Baustellen, mit Mundwinkeln, die alle paar Kilometer weiter nach oben gehen. Wie lange dauert es noch? Der Mensch, wenn er wartet, tut es entspannter, wenn er weiß, welche Strecke noch vor ihm liegt. Der zivilisierende Effekt der elektronischen Fahrplantafel an der Bushaltestelle ist nicht hoch genug einzuschätzen. Selbst wenn es ein paar Minuten länger dauert als angezeigt.

In diesen Tagen warten wir, ohne zu wissen, wie lange unsere Geduld noch strapaziert wird. Die US-Wahl zieht sich im Schneckentempo dahin, und der Name des nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten wird auch dann nicht endgültig klar sein, wenn die magische 270er- Marke überschritten ist.

Im Vergleich zur Corona-Pandemie ist das natürlich ein Klacks: Die einen hoffen, der neuerliche Lockdown sei vor Weihnachten beendet, Christian Drosten sagt, es ist auch Ostern noch nicht vorbei. Hinzu kommt die Verunsicherung angesichts sich wieder häufender Terroranschläge. Dresden, Paris, Nizza, Wien, fängt das jetzt wieder an, oder hat die schreckliche Serie nach Madrid, London, Paris, Berlin nie richtig aufgehört? Auch die Uhr des Klimawandels tickt weiter, nur dass gerade keiner hinhören will.

US-Wahl, ein Warte-Marathon im Miniaturformat

Die Lage ist diffus, die Welt aus dem Takt. Und es fühlt sich anders an als im Frühjahr. Der erste Lockdown war etwas noch nie Dagewesenes, die Krise rief nicht nur Ängste hervor, sie setzte auch Fantasien frei, Solidarität. Selbst die Melancholie paarte sich mit einem starken Gemeinschaftsempfinden.

Menschen sangen und applaudierten auf Balkonen, musizierten und tanzten in Splitscreen-Kollektiven. Geisterspiele wurden erfunden, man schickte sich Corona-Witze und -Videos, schlug sich mit Zoom-, Skype- und anderen Online-Techniken herum. Die Überforderung erschöpfte nicht nur, sie setzte auch Energien frei. Es war eine Mischung aus Furcht und Erregung.

Der zweite Lockdown wird Zwangspause genannt, er kommt Hand in Hand mit dem Novemberblues. Der zweite? Man scheut sich, ihm eine Nummer zu geben, wann erleben wir den dritten, den fünften Lockdown? Nachrichten von einem mutierten Virus machen die Runde, ist der ersehnte Impfstoff womöglich nur Teil der Lösung? Die US-Wahl, dieser Marathon im Miniaturformat, lässt ahnen, was die Corona-Langstrecke uns tatsächlich abverlangt.

Wohl dem der warten kann. Eine Schlange am Bahnhof Berlin-Südkreuz.Foto: Frank Sorge / imago images

Geduld, sagt der amerikanische Philosoph Joseph Kupfer in seinem Buch „Wenn Waiting is Weightless. The Virtue of Patience“, ist eine „Disposition, die den Aufschub bei der Befriedigung unserer Bedürfnisse akzeptiert“. Er nennt es eine mühelose, unaufgeregte Haltung, die uns davon abhält, verärgert und genervt zu sein oder in unüberlegte Eile zu verfallen.

Im Frühjahr hatte die Entschleinigung noch etwas Positives

Kupfer siedelt die Geduld in der Mitte zwischen Resignation und Ungeduld an. So gesehen, hat das Warten auf den Impfstoff nichts mit einer Geduldsprobe zu tun, denn von Mühelosigkeit, gar Gelassenheit kann nicht die Rede sein. Die Balance zwischen den Extremen von Aluhut-Coronaleugnung und Fatalismus zu halten, ist eine riesige Herausforderung, ökonomisch, politisch, medizinisch, psychologisch.

Im Frühjahr konnte man der Entschleunigung auch heilsame Aspekte abgewinnen, den Halt auf freier Strecke bei allem Homeschooling- und Verdienstausfall- Stress irgendwie sinnvoll nutzen. Für mehr Sport, die Entdeckung der nahen Umgebung und das Entrümpeln des Hausstands. Jetzt sind die Spazierwege ausgeschritten, die Streamingformate erprobt, und die familiäre Gruppendynamik ist ausreichend strapaziert.

Während sich Eltern in den markierten Abhol-Wartezonen vor Schulen und Kitas bis zum Erscheinen des Nachwuchses gedulden, stellen sie sich eher die Frage, ob es sinnvoll ist, den Kindergeburtstag vom November auf den Dezember zu verschieben. Überhaupt, etwas planen, ist nicht schon das vermessen? Die Infektionszahlen sind Ende des Monats wohl kaum wieder okay.

Womöglich hat die Gegenwart noch monatelang keine Zukunft

Der Winter unseres Missvergnügens steht vor der Tür. Es ist leichter zu warten, wenn die Sonne höher steigt und die Tage länger werden, als wenn das Thermometer unweigerlich sinkt. Im März und April gab es eine Perspektive: das Sommerlicht, die Ferien, den nächsten Saisonstart – nicht das Ende des Tunnels, aber doch ein paar Hoffnungsschimmer.

Wir halten eine Weile die Füße still, und im Juli ist das Schlimmste vorüber. Die aktuelle Perspektive ist dagegen betrüblich. Sie sieht nach Weihnachten im engen Familienkreis aus, ohne Kirchenkonzerte und Verwandtschaftstournee; die Silvesterparty fällt sowieso aus. Und dann? Wohl deshalb hatten die vollen Kneipen vor einer Woche etwas von letzter Runde, von Tanz auf dem Vulkan: noch einmal die Sau rauslassen.

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Fortsetzung folgt vorerst nicht, das Ende bleibt offen. Womöglich hat die Gegenwart nicht nur jetzt keine Zukunft, sondern noch Monate lang, wenn nicht gar Jahre. Ein schwer erträglicher Gedanke angesichts der Fortschrittsgläubigkeit und Zielstrebigkeit, auf der die westlichen Gesellschaftsmodelle basieren.

Das Wort Geduld geht auf das germanische ga-thuldis zurück, verrät das Online-Lexikon, mit der indogermanischen Verbwurzel tol oder tla. Das heißt soviel wie „tragen“, „ertragen“ und hängt im Deutschen etymologisch auch mit Vokabeln wie „wagen“ und „standhaft“ zusammen.

Andere verweisen auf die religiöse, spirituelle Dimension des Begriffs, von wegen der Duldsamkeit bei Verfolgungen oder auf dem Weg zur Erkenntnis. So gesehen, schwenken wir gerade in die Yoga-Phase der Pandemie ein.

Wert warten kann, ist ergolgreicher

Die Geduld ist in unseren Breitengraden eine unattraktive Tugend, Warten gilt als Zeitverschwendung. „Ihr größter Fehler“? Beim vielfach von Prominenten ausgefüllten Proust-Fragebogen gehört die Ungeduld zu den meistgenannten Schwächen. Eine Art Kavaliersdelikt.

Eine der berühmtesten Geduldsstudien, der Marsh- mallow-Test aus den 1960er Jahren, ergab jedoch, dass Kinder, die sich die Süßigkeit nicht gleich in den Mund stopften (und mit einem zweiten Marshmallow belohnt wurden), als Erwachsene erfolgreicher waren, wegen höherer Selbstdisziplin, Stressresistenz und Frustrationstoleranz. Jüngere Studien belegen aber auch, dass enttäuschte Erwartungen zu verminderter Geduldsfähigkeit führen.

Menschen sterben, Menschen genesen, und die Gesunden versuchen, nicht krank zu werden. Mehr Sauerstoff im Blut, mehr Langmut im Gemüt, dieser altmodische Begriff passt besser zu dem, was jetzt gefragt ist. Eine Gesellschaft in der Wartezone braucht Ausdauertraining für die kollektive Seele. Nichtsstun ist die neue Heldentat: Aristoteles hält die Geduld für ein Kind der Tapferkeit. Der Mann war übrigens Realist.