Die Welt hat einen Stich

Klára Hosnedlová wäre auch eine gute Bühnenbildnerin geworden, eine gute Modedesignerin oder Regisseurin. Und doch war es klug, dass sie sich für die bildende Kunst entschieden hat. Dort kann sie alle Gewerke verbinden. Sie braucht sich nicht zu beschränken. Und sie kann ihre Installationen so kompliziert gestalten, wie es ihr gefällt. Ein schnelles Bild malen? Nichts wäre langweiliger für sie.

Dabei weiß die 30-Jährige sehr genau, wie man mit Farben umgeht. Ihr Auge ist akkurat wie ein Maschine, registriert kleinste Schatten, analysiert Hell und Dunkel, scannt Formen und übersetzt sie in Farbnuancen. Gelernt hat sie das an der Kunstakademie in Prag.

Die Frau kann malen. Tut es aber nicht. Stattdessen macht sie ihre Bilder mit der Sticknadel. Und damit ist sie so erfolgreich, dass ihr selbst eine Pandemie wenig anhaben kann.

Vor drei Jahren zog Klára Hosnedlová samt Partner und Hund von Prag nach Berlin. Die Kunstszene der tschechischen Hauptstadt ist klein, Berlin hat da wesentlich mehr zu bieten, an Ausstellungen, die zu sehen sind und an Chancen, selbst gesehen zu werden.

Klára Hosnedlová stellte im Berghain aus

In der kurzen Zeit in Berlin hat sie viel geschafft: Sie ist in das Programm einer erfolgreichen Galerie aufgenommen worden, sie hat in der Pariser Fondation Cartier ausgestellt und ihre Bilder gingen in Sammlungen mit klingenden Namen, etwa nach Turin in die Kollektion von Patrizia Sandretto Re Rebaudengo.

Auch in der Berliner Szene ist sie sichtbar: Sie war bei der Ausstellung im Berghain dabei, die selbst in New York Schlagzeilen machte. Clubgründer Norbert Thormann und das Kunstsammlerpaar Karen und Christian Boros hatten 120 aufstrebende Künstlerinnen und Künstler aus der Hauptstadt während der Coronapause in den legendären Club eingeladen. Auch diese Schau musste vorzeitig schließen.

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Etwa zeitgleich begann die Einzelausstellung in ihrer Galerie Kraupa-Tuskany Zeidler, dort füllt Hosnedlová im Moment zwei Räume im Kreuzberger Fabrikhof. Und es kommt noch besser. Ein Teil der Installation wird anschließend in Boros’ Kunstbunker an der Reinhardtstraße in einer neu zusammengestellten Dauerausstellung landen. Das wichtigste Sammlerpaar der Stadt ist ihr Fan.

Die neue Ausstellung zeigte eine technoidere Welt

Klára Hosnedlovás Installationen sehen oft wie perfekt inszeniert Bühnenbilder aus, etwa das pastellfarbene Ankleidezimmer, das sie 2018 für eine Schau im Prager Nationaltheater gemacht hat. Angelehnt war das Ganze an die Kulisse einer früheren Romeo und Julia-Inszenierung. In der Berliner Ausstellung zeigt sie nun eine sepiafarbene, viel technoidere Welt. Ihre Kunst ist wie eine große zusammenhängende Erzählung. Eine Episode baut auf die nächste auf.

In der Mitte des Raumes, der im Moment natürlich auch für die Öffentlichkeit geschlossen ist, prangt ein Lüster aus braun-goldenen Glaselementen.

An den Wänden hängen Bilder auf mehrteiligen Terrazzopanels, der oval angeschrägt Türausschnitt erinnert an das Innere eines Raumschiffs, hinter einer konkaven Wand verbirgt sich eine sehr cool designte Sofaecke – alles in retrofuturistischen Erdtönen gehalten. Wer an James Bond und Star Trek denkt, hat recht – und liegt trotzdem daneben.

Bilder auf Terrazzo-Panel in der Ausstellung „Nest“ von Klára Hosnedlová.

Referenzen an den Fernsehturm in Liberec

Die Farben, die Lampen, die Glasobjekte – all das hat Hosnedlová sich vom Fernsehturm in Liberec abgeschaut. Der Jested Tower, in den siebziger Jahren vom Architekten Karl Hubácek erbaut, ist heute Architektur-Highlight und Unesco-Kulturerbe, das mit seiner modernistischen, kegelförmigen Gestalt die Spitzen der umgebenden Berggipfel überragt.

Er enthält einen Sendemast, ein Panoramarestaurant und ein Designhotel. Ein nostalgisches Relikt aus sozialistischer Zeit. 1990 geboren, gehöre sie zur „ersten demokratischen Generation“, sagt Hosnedlová. Sie ist in einer Kulisse aufgewachsen, die nicht für sie gemacht wurde. Und nun baut sie in ihrer Kunst die meist männlich geprägte Umgebung mit weiblich-diversem Blick neu auf.

Hosnedlová hat eine Gruppe von Models in den Jested Tower geschickt. Inmitten der aluminiumverkleideten Innenräume, zwischen den Glasreliefs, Bars und Rampen, lies sie die Frauen verschiedene Dinge tun. Auf Fotos sieht man sie in silbernen Anzügen an einer langen Dinnertafel sitzen, mit Lupen und Nagelscheren hantieren, eine Katze streicheln, zusammen und doch jede für sich. Eine abgeschottete, diverse Gemeinschaft, die weder in die Vergangenheit, noch in die Zukunft gehört.

Hosnedlová fungierte als Regisseurin, die Mode machte sie zusammen mit einer Designerin, fotografiert hat die Szenen ein Profi. Zuschauer gab es keine. Der ganze Aufwand diente allein dem Zweck, Motive für weitere Bilder zu schaffen, die Hosnedlová in Berlin auf einen Baumwolluntergrund stickt.

Ihr Studio liegt am Tempelhofer Damm, die Altbauwohung ist Arbeits- und Wohnort in einem. Hosnedlovás Jack Russel empfängt die Besucher an der Tür. Während die Künstlerin in der Küche verschwindet, legt der Hund dem Gast sein Spieltier vor die Füße.

In der Ecke am Fenster steht ein Schreibtisch mit Computer. An der Wand pinnen ein paar Notizen, das war’s. Sie brauche nicht mehr Platz für ihre Arbeit, sagt Hosnedlová. Sticken kann sie überall, und die großen Glasskulpturen lässt sie in Böhmen in traditionellen Werkstätten anfertigen.

Man kann sich kaum vorstellen, das ein Mensch das gemacht hat

Hosnedlovás Bilder sehen von fern aus wie gemalt. Sie zeigen etwa den Oberkörper einer Frau mit transparentem Hemd, die eine Lupe auf ihr Mobiltelefon hält. Oder Hosenbeine und Highheels. Schnappschüsse, wie mit dem Mobiltelefon gemacht. Erst wenn man sehr nah herantritt, erkennt man, dass es Stickereien sind. Man kann sich kaum vorstellen, dass ein Mensch das gemacht hat.

Die regelmäßigen Stiche, die Schattierung der Haut, die Lichtreflexe auf der Krokohandtasche. Wer zu so etwas imstande ist, muss eine sehr ruhige Hand haben, eine irre Geduld und einen guten Grund, nicht einfach die Fotos der Performances auszustellen, die es durchaus wert wären.

Drei Wochen, täglich acht bis zwölf Stunden sitze sie an einem Stickbild, sagt Hosnedlová. Sie hat sich auch deshalb fürs Sticken entscheiden, weil ihr die malenden Kommilitonen zu schnell, zu aggressiv und zu laut waren. Sie will das Sticken trotzdem nicht in den Vordergrund stellen. Alles in ihrem aufwendigen Produktionsprozess ist Handarbeit: die Mode, die Möbel, die Skulpturen. Es gibt viel, das noch einmal neu erfunden werden will.