Die Wahrheit meiner Mauerjahre

Zu den zahlreichen sympathischen Eigenschaften des Reporters Christoph Dieckmann zählt, dass er stets die Position, von der aus er andere Menschen beobachtet, in seine Texte einschließt – mal nebenher, mal ausdrücklich. Seine letzte Reportagensammlung „Mein Abendland“ (2017) trug den Untertitel „Geschichten deutscher Herkunft“ und führte von Thomas Müntzer zum „Fulda Gap“ des Kalten Krieges, mit einer Coda ins – deutsche – Morgenland. Zuvor aber galt es, knapp 140 Seiten Autobiografisches zu absolvieren, nebst erweiterter Lebensverhältnisse in der früheren DDR.

„Woher wir geboren sind“ sein jüngster Band mit Reportagen, die – hier teilweise erweitert – zwischen 2017 und 2020 in der „Zeit“ erschienen sind, beginnt wieder mit immerhin 120 Seiten biografischer „Prägungen“. Alles ist dabei: das heimische Pfarrhaus (nebst Exkurs zum Pfarrhaus in der deutschen Kulturgeschichte allgemein), das Leben als Filmvorführer (nebst feinen Filmreminiszenzen), natürlich Fußball, Rockmusik und der vergangene Osten, der jetzige Osten und der Osten überhaupt. Noch einmal wird die Wende gewendet, nebst der Ost-Berliner Proto-Wende vom 1. Mai 1989.

[Christoph Dieckmann: Woher sind wir geboren. Deutsche Welt- und Heimreisen. Ch. Links Verlag, Berlin 2021. 272 Seiten, 22 €.]

Fast wundersam: Nichts davon ist wirklich Wiederholung, schon deshalb nicht, weil der Dieckmann-Sound einem immer wieder suggeriert: Ich habe hier etwas ganz Besonderes zu erzählen, das dich, mich und uns alle betrifft: „Die Wahrheit meiner Mauerjahre begleitet mich bis heute, wie das sogenannte Volk. Nach unserer Herkunft und Prägung frage ich immer. Davon handelt dieses Buch.“ Es ist immerhin sein elftes.

Schwindelgefühle angesichts seiner Sammelwut

Das erste enthielt noch Reportagen, die er 1987 bis 1989 für den legendären „Sonntag“ schrieb. Es ging um „My Generation“, um Joe Cocker, Bob Dylan, Udo Lindenberg und die verlorene Zeit. Auch hier macht er sich wieder auf die Suche nach der verlorenen Zeit. Es kann einem schwindlig werden, was er dabei alles einsammelt. In zumindest zeitlich aufsteigender Linie führt es ihn von Aachen und Karl, dem großen und eisernen Einiger, über Wittenberg mit seiner „Judensau“ zum Judenhasser Luther, über Münster und Osnabrück zum Westfälischen Frieden, der für ihn den „Rechtsverbund Europa“ begründete.

Dann zur Walhalla bei Regensburg, wo Karl Marx fehlt, zur Siegessäule in Berlin. In Hamburg, auf den Spuren der „Kolonialhauptstadt“, wird er von der Bundeswehr pfleglicher behandelt, als es die NVA getan hätte. Das im Volksmund Tansania-Park genannte Schutztruppen-Ehrenmal gerät in den Blick, Generalmajor Paul von Lettow-Vorbeck, einst Kommandeur in Deutsch-Ostafrika, und dessen kriegsverherrlichendem Jugendbuch „Heia Safari!“ werden die Leviten gelesen.

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Nun geht es nach München und zur Räterepublik, schließlich nach Berlin, wo in der Akademie fleißig am „Kölner Dom des Kommunismus“ gearbeitet wird: der Marx-Engels-Gesamtausgabe MEGA. Die nächste Strecke führt gen Osten. Beginnend mit einer Winterreise zum KZ im polnischen Chelmno, dann nach Moskau. Folgt St. Petersburg, dann Georgien, wo Aufarbeitung der Vergangenheit als „Luxus oder Landfriedensbruch“ gilt, und Albanien, das „europäische Nordkorea“. Schließlich geht es im Tross des „knorrigen Katholiken“ Winfried Kretschmann nach Japan und Korea. Endend mit dem Trostzuspruch an Deutschland: „Uns unterscheiden gespaltene Vergangenheiten und widersprüchliche Erinnerungen. Diese Grenze lässt sich überwinden. Unsere doppeldeutsche Geschichte ist ein gemeinsamer Schatz.“

Das alles ist Lektion für Lektion ein anschaulicher Crashkurs in Landeskunde. Zugleich handelt es sich um anteilnahmsvolle, wohltuend abwägende Menschenbeobachtungen, geprägt von einem christlich grundierten, weltweisen Humanismus. Noch so eine Losung: „Man vermeide jede Heiligung der Heimat. Nicht Nation, nicht Ideologie – die persönliche Geschichte erschaffe Identität, in Gestalt der immer heutigen Erinnerung.“