Die verstümmelte Welt besingen

„Die kleine Ewigkeit der Kunst“ hat Adam Zagajewski vor ein paar Jahren eines seiner Bücher genannt, ein Arbeitsjournal war das, ein „Tagebuch ohne Datum“.

Darin flanierte der große polnische Dichter und Essayist durch mehrere Jahrzehnte, gleichermaßen durch Gegenwart und Vergangenheit, und erzählte von seinem Leben, seiner Kunst, stets in dem Bewusstsein, dass die Kunst ihm ein Zuhause bot, sie ihm den entscheidenden Halt gab in einem von ständiger Entwurzelung geprägten Dasein.

Geboren 1945 im damals noch polnischen Lwów, dem einstigen Lemberg, wurde seine Geburtsstadt nach dem Zweiten Weltkrieg der Ukraine zugeschlagen. Daraufhin erfolgte die Umsiedlung seiner Familie ins westpolnische Gliwice.

Doch Polen sollte ihm nur in seinen jungen Jahren eine Heimat sein, nachdem er 1975 den sogenannten Brief der 59 unterzeichnet und das kommunistische Regime Polens offen kritisiert hatte. Zagajewski schloss sich einer Bürgerrechtsbewegung an, wirkte an der „Fliegenden Universität“ mit und durfte in diesen Jahren weder seine Lyrikbände noch – später ins Deutsche übertragene – Romane wie „Das absolute Gehör“ und „Der dünne Strich“ veröffentlichen.

Mit einem Gedicht über 9/11 wurde er weltberühmt

So verließ er Polen Ende der siebziger Jahre und ging ins Exil erst nach West-Berlin und 1982 nach Paris. Nach der Wende kehrte Zagajewski zurück, ließ sich in Krakau nieder und schrieb mit „Ich schwebe über Krakau“ einen autobiografischen Roman, in dem er seinen Zugang zur Kunst erläutert, insbesondere durch das intensive, an Proust geschulte Betrachten von Kirchenfenstern; als Gastprofessor lebte er zeitweise auch in den USA.

Seine Gedichte sind gleichermaßen distanziert wie engagiert, skeptisch wie neugierig, einem poetischen Realismus verpflichtet, durchaus auch bitter und ein wenig düster: „In der Nacht ist das Meer dunkel, matt / und spricht leise flüsternd / Auf diese Art erfahren wir / sein beschämendes Geheimnis: sein Glanz / ist eine Spiegelung“.

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Als 2001 die Twin Towers von Terroristen zerstört wurden, antwortete Zagajewski mit einem Poem, das ihn kurze Zeit weltberühmt machte: „Du hast die Flüchtlinge gesehen, die nirgendwohin gingen./“, dichtete er: „Du hast die Henker gehört, die fröhlich sangen./Du solltest die verstümmelte Welt besingen.“

Das fiel ihm nie leicht, dieses Besingen. Schwer wog für ihn auch die autokratische Politik im Polen der Gegenwart: „Man hat uns das Land gestohlen – auch wenn es sich jetzt um eine demokratisch gewählte Regierung handelt“, sagte er 2016 in einem Tagesspiegel-Interview über die nationalkonservative Regierung Polens. Am Sonntag ist Adam Zagajewski im Alter von 75 Jahren in Krakau gestorben.