Die ununterbrochen Unterbrochenen

Das Leben ist kein langer ruhiger Fluss. Das Schreiben schon gar nicht. Ständig funkt jemand dazwischen, der Postbote, der Zahnarzt, das Kind. Das Leben halt. Ununterbrochen wird die Arbeit unterbrochen, die Zeit zerhackt. Es sei denn, die Schriftstellerin hat gerade ein Stipendium. Dass auch eine solche Residenz die Hölle sein kann, schildert die britische Autorin Olivia Sudjic aufs Anschaulichste.

„Schreibtisch mit Aussicht“ hat Ilka Piepgras den von ihr herausgegebenen Band genannt, in dem Schriftstellerinnen vom Schreiben erzählen. Der Titel ist ein wenig irreführend, lässt er doch eines dieser Coffee Table Books erwarten, wo Autorinnen an alten Schreibtischen sitzen, mit Blick in lauschige Gärten, und die Worte ganz von alleine zu fließen scheinen. Auch wenn einige der hier versammelten Autorinnen – darunter Hilary Mantel und Antonia Baum, Joan Didion und Sibylle Berg, Zadie Smith und Siri Hustvedt, Elfriede Jelinek und Nicole Krauss – einmal romantische Vorstellungen hatten von ihrem Beruf – die Wirklichkeit ist aufreibender. Auch aufregender.

Sie sind klug, haben Witz, ihren eigenen Ton

„A Room of One’s Own“ hat Virginia Woolf bekanntlich gefordert. Ein eigener Raum bedeutet Zeit. Zeit am Stück sei noch immer der größte Luxus, den sie sich vorstellen könne, sagt Katharina Hagena, die sehr lebendig von ihrer Schwangerschaft erzählt: Neun Monate über der Kloschüssel. Zehn Jahre brauchte Sibylle Berg nach eigenen Angaben, um das Schreiben überhaupt zu lernen. Auch die Inspiration braucht Zeit.

Die meisten der 23 Autorinnen kommen aus dem angelsächsischen und deutschsprachigen Raum. Ein paar Französinnen hätte man gern noch dazwischen gehabt, haben diese doch gerade in den letzten Jahren besonders starke, das Thema reflektierende Bücher vorgelegt. Was die Frauen verbindet? Sie sind klug, haben Witz, ihren ganz eigenen Ton. Nicht selten haben sie in jungen Jahren das Gefühl erlebt, nicht dazuzugehören. Literarisches Selbstbewusstsein mussten sie sich erst erobern. Um dann mit Vergnügen Bestimmerin in der eigenen Welt zu sein, wie Meg Wolitzer es beschreibt.

Die Autorin Sibylle BergFoto: picture alliance / Jens Kalaene/

Fast alle haben Erfolg. Fast. Den vielleicht mutigsten Text hat Kathryn Chetkovich verfasst: „Neid“. Ein Gefühl, das jeder kennt und über das niemand gerne spricht, schon gar nicht, wenn es um den eigenen Partner geht. Die Amerikanerin verliebt sich in einen Kollegen, der, wie sie, mit seinem Text kämpft – nur dass der Roman ihm dann gelingt und ein Riesenerfolg wird, während ihre Manuskripte abgelehnt werden. Eine wahre Geschichte, sie nennt den Namen ihres Lebensgefährten nicht, er soll auch hier nicht verraten werden, man kann ihn leicht googlen.

Keine der Schriftstellerinnen gibt sich allwissend. Schreiben bedeutet für sie erkunden, die Welt und sich selbst. Was sie eint, ist die Vielfalt der Gefühle, schwankend zwischen Verzweiflung und Übermut, Gelingen und Versagen, Krieg und Frieden. Insofern hat das Schreiben viel Ähnlichkeit mit der Rolle der Mutter, von der einige der Autorinnen berichten – der größte Zeitkiller überhaupt. Die ständige Unterbrechung ist garantiert, wie Anne Tyler es so hinreißend schildert. Es war der Text, den Ilka Piepgras – selber Buchautorin, Redakteurin und Mutter – überhaupt auf die Idee brachte zu der Anthologie.

Die Schriftstellerin Eva MenasseFoto: Mike Wolff

„Sähe der Arbeitsalltag von Schriftstellerinnen anders aus, wären sie ein Mann“, fragt sie im Vorwort ihrer Anthologie. Piepgras glaubt schon. Es falle Frauen schwerer, kompromisslos abzutauchen und sich nicht zuständig zu fühlen für das, was jenseits der geschlossenen Türe des Arbeitszimmers geschehe.

Was sie vielleicht auch von ihren männlichen Kollegen unterscheidet: Keine von ihnen prahlt mit der Einnahme irgendwelcher stimulierender Substanzen. Der Tee, mit dem Hilary Mantel sich in Fahrt bringt (auf Essenspausen verzichtet sie), ist da schon das höchste der Gefühle.

Autobiografie, Gender-Debatte und Werkstattbericht

23 Schriftstellerinnen, 23 Erfahrungen. Das Cover trifft die Sache recht gut: ein Mosaik verschiedenster Stimmen, von denen jede ihren eigenen Raum bekommt. Zusammengenommen ergeben sie kein geschlossenes Bild, aber ein Ganzes. Am besten liest man jedes Kapitel für sich, nicht alle in einem Rutsch. Die Mischungen aus Autobiografie, Selbstreflexion, Gender-Debatte und Werkstattbericht wollen ausgekostet werden.

Was schade ist: dass es am Ende wahrscheinlich überwiegend Frauen sein werden, die das Buch lesen. Aber man kann es den Männern ja schenken. Überhaupt jedem, der gerne liest. Damit er – oder sie – einen Eindruck bekommt, was hinter dem steht, was man so selbstverständlich in den Händen hält, die Panikattacken, die existenzielle Not, die Arbeit – und die Erfüllung, ja, sogar der Flow. Denn manchmal fließt es doch.

Ilka Piepgras (Hg.): Schreibtisch mit Aussicht. Schriftstellerinnen über ihr Schreiben. Kein & Aber,

Zürich 2020. 286 Seiten, 23 €.