Die TSG Hoffenheim setzt alles auf Attacke – wie immer

Trainer Sebastian Hoeneß steht in Hoffenheim unter Druck. Aber damit kennt er sich von Kindesbeinen an bestens aus.

Björn Hauser
Ich bin der Beobachter. TSG-Coach Sebastian Hoeneß lässt die Spieler vor seinen Augen schwitzen.Foto: Imago

Am 18. September startet die Fußball-Bundesliga in die neue Saison. In unserer Serie testen wir die Vereine. Heute Teil 13: TSG Hoffenheim.

Was hat sich verbessert?

Die Stimmung in der Mannschaft und im Verein könnte nicht besser sein. Die Trennung von Coach Alfred Schreuder nach dem 30. Spieltag der Vorsaison löste bei allen Beteiligten vor allem mentale Knoten. So angenehm er als Mensch war, mit seinen taktischen Variationen (Innenverteidiger Kevin Akpoguma musste sogar mal im Sturm ran) überforderte der verkopfte Niederländer selbst die erfahrensten Profis. Was in dem Team um Topstar Andrej Kramaric steckt, zeigte die Bilanz aus den letzten drei Saisonspielen: neun Punkte und 11:1-Tore – darunter ein 4:0 beim BVB – bedeuteten die direkte Qualifikation für die Europa League. Diese Spiele dienen als Maßstab für den aktuellen TSG-Jahrgang. „Wir haben richtig guten Zug drin“, lobte Sportdirektor Alexander Rosen das Team zuletzt. Und auf das Saisonziel angesprochen fügte er an: „Attacke – wie immer.“

Wer sind die Neuen?

Der einzige Spielertransfer Mijat Gacinovic (von Eintracht Frankfurt) in allen Ehren: Der wichtigste Zugang ist ein Mann mit Berliner Vergangenheit. Trainer Sebastian Hoeneß mischte in seiner Zeit als Spieler insgesamt 165 Mal im Mittelfeld der zweiten Mannschaft von Hertha BSC mit. Seine Trainerkarriere startete Hoeneß bei der U 19 von Hertha Zehlendorf. Richtig auf sich aufmerksam machte der Sohn des ehemaligen Hertha-Managers Dieter Hoeneß dann mit der zweiten Mannschaft des FC Bayern. Die führte er vergangene Saison überraschend zum Titel in der Dritten Liga. „Wenn man sich im Fußballbusiness bewegt, bekommt man schnell mit, wenn jemand etwas Außergewöhnliches leistet“, sagt Rosen.

Die Erwartung an Hoeneß ist hoch. Die Mannschaft soll begeisternden Offensivfußball spielen und in allen drei Wettbewerben erfolgreich sein. Druck, der an Hoeneß abzuprallen scheint. Die Gesetzmäßigkeiten der Branche hat er von Vater Dieter zwangsläufig schon früh mitbekommen. „Seit ich denken kann, bin ich mit dem Fußball verbunden“, erzählt er. „Als kleiner Steppke saß ich neben meinem Vater, wenn er telefoniert hat, und ich habe aus diesen Gesprächen viel gelernt. Die Prägung meines Vaters hat sich auch in mir niedergeschlagen.“

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Wer hat das Sagen?

Kapitän Benjamin Hübner ist der zu 100 Prozent akzeptierte Führungsspieler. Gemeinsam mit Stellvertreter Oliver Baumann und Kramaric steuert er in Hoffenheim. Dem Mannschaftsrat gehört auch der von Schreuder ausgemusterte Kevin Vogt an. Diese Personalie zeigt den Stellenwert des in der Rückrunde an Werder ausgeliehenen Defensivspielers. Die vom Boulevard aufgestellte Behauptung, große Teile der Mannschaft sähen Vogts Rückkehr kritisch, entkräftete Hübner kurz und knapp: „Das ist völliger Schwachsinn.“

Was erwarten die Fans?

Sehr viel. Denn die Anhänger im Kraichgau sind verwöhnt. Seit dem Aufstieg in die Bundesliga 2008 steht die TSG für spektakulären Offensivfußball. In den Heimspielen liefen die Hoffenheimer den Erwartungen zuletzt aber weit hinterher. In der Heimtabelle der Saison 2019/20 nimmt die TSG nur Platz elf ein. Krachende Niederlagen im eigenen Stadion gegen Mainz (1:5) und den FC Bayern (0:6) sorgten für Missstimmung. Vor allem die Logen-Entourage von Mäzen Dietmar Hopp pocht darauf, zu Schampus und Schnittchen auf dem Platz wieder echte Leckerbissen präsentiert zu bekommen.

Was ist in dieser Saison möglich?

Der Hoffenheimer Kader ist in allen Mannschaftsteilen gleichmäßig gut besetzt. Schafft es Sebastian Hoeneß aus diesem Angebot an qualitativ hochwertigen Profis eine funktionierende Mannschaft zu formen, steuert die TSG wieder in die Europa League. Erwischen die herausragenden Offensivspieler Kramaric, Munas Dabbur und Christoph Baumgartner eine Sahnesaison, ist sogar die Qualifikation für die Champions League drin.

Und sonst?

Der Tod des sehr beliebten und angesehenen TSG-Präsidenten Peter Hofmann im Alter von 61 Jahren vergangene Woche hat das Klubumfeld schwer erschüttert. Mehr als 50 Jahre war Hofmann Vereinsmitglied, seit 1996 hatte er den Vereinsvorsitz inne und agierte dabei immer in enger Abstimmung mit Mäzen Dietmar Hopp. „Wir haben in Peter Hofmann einen Mann verloren, der die TSG wie kein anderer kannte und gelebt hat. Sein Wirken wird unvergessen bleiben“, sagte Hopp in einem Nachruf.

Bisher erschienen:

Teil 1: VfB Stuttgart – sympathisch und unerfahren wie nie
Teil 2: Arminia Bielefeld ist immer für eine Überraschung gut
Teil 3: Werder Bremen will endlich wieder Spaß
Teil 4: Der FC Augsburg sucht eine neue Hierarchie
Teil 5: Glück allein wird dem 1. FC Köln nicht reichen
Teil 6: Mainz 05 will aus der Jugend eine Tugend machen
Teil 7: Auf Schalke glänzt nur noch die Knappenschmiede
Teil 8: Der 1. FC Union ist auf allen Ebenen aktiv
Teil 9: Hertha BSC und ein Sack voller Zweifel
Teil 10: Bei Eintracht Frankfurt tragen sogar die Stars Preisschilder
Teil 11: Der SC Freiburg und die Grenzen der eigenen Möglichkeiten
Teil 12: Der VfL Wolfsburg muss plötzlich auf jeden Euro achten