Die Tränen von Samantha Davies

Dass sie alleine unterwegs sind auf ihren superschnellen Segelbooten, heißt nicht, dass Solosegler das Meer für sich haben. Da schwimmt noch einiges Anderes herum, von dem man sich keine Vorstellung macht, und manches lebt auch.

Auf unschöne Art hat zuletzt Samantha Davies mit einem solchen „floating object“ Bekanntschaft gemacht, als ihre „Initiatives-Coeur“ bei voller Fahrt abgestoppt wurde. Es fühlte sich an, berichtet die in Frankreich lebende Britin, als wäre sie auf einen Felsen aufgelaufen. Möglicherweise kam ihr ein Wal oder ein großer Fisch in die Quere.

Was es auch war, es gab keinen Knall

Davies war unter Deck, als es passierte. Sie hatte gerade eine knifflige Halse bei viel Wind hinter sich gebracht und wollte sich mit einem warmen Dinner belohnen. Von etwa 20 Knoten Geschwindigkeit wurde das Boot so abrupt zum Halten gebracht, dass alles unter Deck einen Satz nach Vorne machte. Davies‘ Mahlzeit verteilte sich über die Innenwände ihrer Kajüte, sie selbst prallte mit ihren Rippen gegen einen Rahmen. Das Schlimmste: Die 46-Jährige hörte ein Knirschen. „Ich wusste, dass es der Kiel war.“

Sam Davies und ihr Man Romain Attanasio nehmen beide am Vendée Globe teil.Foto: Sam Davies / Initiatives Coeur

Als die studierte Bootsarchitektin die Kielaufhängung inspizierte, entdeckte sie Risse am Fundament und eine Dichtung war herausgeschleudert worden. Das klingt zwar nicht dramatisch, da der Schock des Zusammenstoßes von der stärksten Struktur an Bord absorbiert worden ist. Allerdings um den Preis, dass man ihr nicht mehr trauen kann. Das Problem liegt jetzt da, wo man es nicht sehen kann.

Da sich Davies in einer äußerst unruhigen Zone befindet, steuert sie Südafrika an in der Hoffnung, in einer geschützten Bucht das Ausmaß der Schäden überprüfen zu können.   

Die Leiden des jungen S.

Dasselbe Ziel verfolgt derzeit auch Sébastian Simon. Er steuert seine lädierte „Arkea-Paprec“ ebenfalls nach Südafrika. Da der Schacht seines schwer mitgenommenen Foils herausgebrochen ist, müsste der 30-jährige Franzose umfangreiche Arbeiten an tragenden Teilen ausführen. Es ist kaum anzunehmen, dass er das probiert.

“Das habe ich nicht verdient”, sagt Sébastien Simon über seinen herben Rückschlag.Foto: Sébastien Simon / Arkea Paprec

Was es auch war, das in beiden Fällen zur Katastrophe führte. Eine solche Kollision ist die brutalste Weise, aus dem Rennen geworfen zu werden, da es am wenigsten auf eigenes Versagen zurückgeht. So tun sich Davies und Simon denn auch äußerst schwer, das Rennen aufzugeben, wie Thomson es nach seinem Ruderdefekt vor einer Woche tun musste.

Besonders Sam Davies hatte sich so viel zugemutet für eine Teilnahme an diesem Rennen, dass es herzzerreißend ist zu sehen, wie sie mit der Entscheidung ringt. Kann ihr äußerlich intaktes Schiff sie sicher durch die menschenfeindlichsten Gebiete der Erde tragen?

Mit dem Herz für Kinder

Als sie bei der offiziellen Vorstellung der 33 Vendée-Globe-Skipper in Paris gefragt wurde, warum sie zum dritten Mal antrete, erzählte sie, wie „frustrierend“ es 2016 für sie gewesen sei, ihren Lebensgefährten Romain Atanasio aufbrechen zu sehen, während sie wegen der gemeinsamen Tochter daheim blieb. „Das Vendée ist ein gemeinsamer Traum von uns, warum sollten wir ihn nicht gemeinsam verfolgen?“

Das war eine bemerkenswerte Botschaft, die das Selbstvertrauen der zierlichen Frau unterstrich, keinen Unterschied zwischen sich und den Männern zuzulassen.

“Grand Sud”. So nennen die Franzosen die südlichen Breiten.Foto: Sam Davies / Initiatives Coeur

Mit ihrem Charity-Projekt für herzkranke Kinder schaffte sie es, das Budget für eine komplette Modernisierung ihres Bootes aufzubringen, das bereits 2010 gebaut worden ist. Seine Zuverlässigkeit stellte es unter Beweis mit einem zweiten und dritten Platz bei vorausgegangenen Rennen um die Welt.

Für Guillaume Verdier, Guru des französischen Bootsdesigns, war Davies‘ Projekt eine besondere Herausforderung, die ihm „am meisten Freude bereitete“, wie er kürzlich gesagt hat. Er rüstete es so um, dass „Initiatives Coeur“ auf seinen flachen L-Foils stets elegant und nicht zu kraftraubend dahinflog. Trotz seines Alters war der Sprung des Bootes in die Gegenwart gelungen, und viele hielten Davies für eine Mitfavoritin. Unter den sechs Frauen im Teilnehmerfeld wurde ihr am ehesten zugetraut, für eine Überraschung zu sorgen, nachdem sie 2013 als Vierte ins Ziel gekommen war.

Sie schien auch wirklich Spaß an der Sache zu haben, wie ihre stets amüsanten und gutgelaunten Videobotschaften von Bord verdeutlichten. Sie fühlte sich stark genug für die heftigeren Winde des Südens, in die sie hineinsteuerte, um an zehnter Position liegend Boden gutzumachen. Ob man ihr raten wird, das Risiko einer angerissenen Kielaufhängung in Kauf zu nehmen? Sie dürfte Ingenieurin genug sein, um die Konsequenzen abschätzen zu können.