Die Tragödie von Athen

Niemand konnte ahnen, welch ein Skandal die griechische Bühne zum Jahresbeginn 2021 erschüttern würde. Die Enthüllungen über Dimitris Lignadis haben nicht nur die Welt des Theaters, sondern auch die griechische Politik und Gesellschaft schockiert.

Dimitris Lignadis ist der Sohn des bekannten Philologen, Lehrers und Theaterkritikers Tasos Lignadis. Die undurchdringliche Persönlichkeit des Vaters mag vielleicht auch den Sohn stark geprägt haben.

Missbrauchsfälle aus 30 Jahren

Dimitris Lignadis studierte Klassische Philologie und Theater an der Schauspielschule des Staatstheaters von Athen. Er hat mehrere Tragödien auf der Bühne des antiken Theaters von Epidauros und am Odeon des Herodes Atticus am Fuße der Akropolis inszeniert.

Was sich seither um diesen Künstler ereignete, übersteigt die Grenzen der Fantasie eines jeden Dramatikers. Es ist eine neugriechische Tragödie. Der Skandal dreht sich um offizielle Beschwerden über sexuelle Belästigungen und wiederholten Missbrauch von Minderjährigen während eines Zeitraums von über dreißig Jahren.

Seit seiner Studentenzeit an der Philosophischen Fakultät in Athen soll Dimitris Lignadis Minderjährige in einem Park mit Versprechungen über ihre berufliche Zukunft zu seiner Wohnung gelockt haben.

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Unter dem Einfluss von Alkohol und Drogen waren die Opfer wehrlos. Mehrere namentliche Anzeigen wegen sexueller Belästigungen und Vergewaltigungen sind inzwischen erfolgt. Es geht um strafbare Handlungen. Nicht alle sind verjährt.

Im Jahr 1984 hatte Lignadis, damals noch ein 20-jähriger Student, einen 14-jährigen Schüler unter dem Vorwand der Anmeldung bei einer Fußballmannschaft belästigt, er wurde sexuell übergriffig. Als der Fall drei Jahre später vor Gericht kommen sollte, zog die Mutter des Opfers die Anzeige zurück.

Bis heute blieb die Akte vergraben und vergessen. Im Jahr 2002 verletzte ein unbekannter Mann Lignadis mit einem Messer in seiner Wohnung schwer. Es gab das Gerücht, dass der Täter der Vater eines der jungen Männer war. Bis heute blieb diese Akte verschwunden.

Schauspieler und Mitarbeiter lagen zu seinen Füßen

Lignadis herrschte über seine Theaterwelt mit fast absoluter Macht. Junge Schauspieler und Mitarbeiter lagen ihm zu Füßen. Er hatte großen Erfolg. Der Narzisst fühlte sich wie ein allmächtiger Theatergott. Gerüchte über die seltsamen Neigungen des Regisseurs machten die Runde.

Einige Kollegen hatten nicht den Mut, etwas zu unternehmen, andere wollten die angeblichen Böswilligkeiten nicht glauben. Große Teile der griechischen Gesellschaft waren ahnungslos. Und Unwissenheit kann sich als gefährliche Sünde mit fatalen Konsequenzen erweisen.

Kriminelle Energie und Charisma

Die Spitzenposition des Leiters des Nationaltheaters von Athen erhielt Lignadis 2019 – ausnahmsweise – ohne Ausschreibung. Dies war offenbar eine Entscheidung aus politischen Gründen. Die Regierung hatte angeblich keine Ahnung von den kriminellen Verfehlungen des charismatischen Künstlers.

Griechenlands Kulturministerin Lina Mendoni, eine renommierte Archäologin, reagierte nicht sofort, als die Vorwürfe gegen Lignadis bekannt wurden; ein Umstand, der zusätzliche Empörung ausgelöst hat. Inzwischen riskiert die Kulturministerin durch ihr zögerliches Verhalten, selbst ein Opfer dieses Dramas zu werden.

Heute geben sich die Beteiligten empört

Der Oktopus „Lignadis“ hatte seine Tentakel überall in der griechischen Gesellschaft ausgebreitet. Der Beschuldigte war auch seit Jahren an der Privatschule Arsakeion und anderen renommierten Schulen Athens tätig, um dort Aufführungen zu inszenieren. Das Ergebnis seiner Beschäftigung waren 285 Beschwerden wegen sexueller Belästigungen durch Lignadis und andere Lehrer und Lehrerinnen.

Heute geben sich die meisten Beteiligten sprachlos und empört. Dies mag ein Hinweis auf die Heuchelei und Vertuschungsversuche sein.

Lignadis sitzt in Untersuchungshaft im Gefängnis von Tripoli auf dem Peloponnes, 100 Kilometer entfernt von Epidauros, wo der Beschuldigte acht Monate zuvor noch große Triumphe feierte. Der Häftling bekommt Medikamente gegen Depression. Aufstieg und Fall des Regisseurs im Biotop der politisch-kulturellen Elite Athens wären Stoff für ein eigenes Theaterstück.