Die Tradition der Revolution

Ulrike Baureithel hat sich mit einem Stück feministischer Urgeschichte aus Westberlin auseinandergesetzt. Mitte der 1970 machte „Die Schwarze Botin“ mit sarkastischen Tönen Furore, die in einem Band bei Wallstein nun einen reich dokumentierten Widerhall gefunden haben. „Die dezidierte Abgrenzung gegen die schon bestehende „Courage“ und Alice Schwarzers bald darauf aus der Taufe gehobene „Emma“, die beide erheblich größere Reichweiten erreichten als die 3000 Exemplare der ,Schwarzen Botin‘, war ebenso intendiert wie die ,gepflegte Feindschaft‘ gegenüber dem Selbsterfahrungs- und Authentizitätskult der damaligen Frauenszene. So polemisierte Gabriele Goettle gegen den ,klebrigen Schleim weiblicher Zusammengehörigkeit‘ und das „neu zu schaffende Frauenfühlen‘.“

Meike Feßmann setzt sich skeptisch mit den apokalyptischen Gedanken des englischen Philosophen Nick Bostrom auseinander. Seine unter dem Titel „Die verwundbare Welt“ (Suhrkamp) erschienenen Essays kommentiert sie mit den Worten: „Bostrom definiert den Eintritt einer Zivilisationskatastrophe bei 15 Prozent Toten oder 50 Prozent der vorherigen Wirtschaftsleistung. Genauso selbstherrlich legt er fest, dass er sich mit Gegenargumenten nicht aufhalten will. Dafür sei kein Platz. Aber ginge es nicht genau um diese Abwägung? Dabei befindet sich die Welt momentan in einer Lage, die seine Argumente aus dem Jahr 2018 mit teuflischer Aktualität auflädt. Nur passt weder die Covid-19-Pandemie noch die katastrophale Explosion von beinahe 3000 Tonnen Ammoniumnitrat im Hafen Beiruts ins Schema.“

Udo Badelt liest Agnès Poiriers Kulturgeschichte der Pariser Kathedrale Notre-Dame (Insel), die im April 2019 fast ein Opfer der Flammen geworden wäre. „Das Buch schließt, wie es begann: mit dem Brand von 2019 und einem Resümee der kurzen, aber heftigen Wiederaufbaudebatte und den umstrittenen Millionenspenden reicher französischer Familien, die Poirier leidenschaftlich verteidigt. Und mit einer These: Die Katastrophe habe das Land aufgeweckt. ,Von Ehrfurcht ergriffen, wird Frankreich klar, wie zutiefst christlich seine Geschichte ist, auch wenn sie seit mehr als einem Jahrhundert von Säkularismus übertüncht ist.‘ Es macht nichts, dass viele das anders sehen werden.“

Frank Herold lauscht 23 weiblichen Stimmen der belarussischen Revolution, die der Band „Belarus!“ (Edition FotoTapeta) versammelt. „Im Fall von Belarus haben westliche Experten zuerst plausibel erklärt, warum es dort keine Farbenrevolution, nicht einmal einen Politikwechsel gegeben hat, ja, warum er in Minsk faktisch unmöglich ist. Jetzt sind diese Experten in Erklärungsnot. Aus ihr befreit uns dieses ,Belarus!‘-Buch – auch ohne die entscheidende Frage zu beantworten: Wann ist dieses furchtbare Regime endlich am Ende?“

Lars von Törne untersucht anhand von zwei Büchern deutschsprachiger Autoren die schwerwiegende Diskriminierung, der Kanadas indigene Völker ausgesetzt war. „,Residential Schools hatten das Ziel, die Ureinwohnerkinder in den von europäischen Einwanderern und ihren Werten geprägten Staat einzugliedern“, schreibt Gerd Braune in seinem Buch „Indigene Völker in Kanada – Der schwere Weg zur Verständigung“ (Ch. Links) Diese Schulen, deren letzte erst in den 1990er Jahren geschlossen wurden, hätten vor allem ein Ziel gehabt: ,die Kinder zu assimilieren und ihre indianische Identität und Kultur zu zerstören.‘ Manuel Menrath beschreibt diese „Gefängnisse für Kinder“ in seinem Buch „Unter dem Nordlicht – Indianer aus Kanada erzählen von ihrem Land“ (Galiani, Berlin) als integralen Teil der ,totalen Aneignung des kanadischen Territoriums durch die Neusiedler‘“. 

 Gregor Dotzauer liest „Das Arbeitende Konzert“ (Spector Books), ein Buch des Berliner Komponisten und Vibraphonisten Christopher Dell und lässt sich in dessen musikalisches Denken einführen. „Für ein internationales Publikum auf Englisch geschrieben, gewinnt es seinen besonderen Reiz aus der doppelten Perspektive, die Dell als semiotisch und medientheoretisch geschulter, keine philosophische Referenz und Abstraktion scheuender Musiker und Kenner bildender Kunst einnimmt. Musikalisch kann man Dell stark verkürzt zwischen dem seriellen Denken von Pierre Boulez und dem afroamerikanischen Selbstverständnis des gerade ans Berliner Wissenschaftskolleg eingeladenen Posaunisten und Improvisationstheoretikers George Lewis verorten. In der Kunst bezieht er sich, um hier gar nicht erst mit Namen anzufangen, auf Minimal Art, konzeptuelle Kunst und die Techniken von Montage und Assemblage.“

Andreas Busche empfiehlt die erste deutschsprachige Biografie des französischen Filmregisseurs Jean-Luc Godard. „Der permanente Revolutionär“ (Zsolnay) eignet sich seiner Meinung nach sowohl für Kenner wie Einsteiger: „Die Biografie interessiert ihn nur, insofern sie das Werk erhellt, was bei einer Figur wie Godard, dessen Arbeit und Leben sich, schon aufgrund seiner Schwäche für seine Hauptdarstellerinnen, derart durchdringen, immer noch ein beträchtliches Unterfangen darstellt. Die Filme sind seine Quellen, Sekundärliteratur und Interviews (Godard war bei aller Launenhaftigkeit auskunftsfreudig) konturieren die Überlegungen allenfalls.“

Bernhard Schulz widmet sich einer Aufsatzsammlung des Historikers Christopher Clark unter dem Titel „Gefangene der Zeit“ (DVA): „In bester angelsächsischer Tradition ist Clark ein Geschichtsskeptiker. Er glaubt nicht, dass Geschichte handlungsleitend für die Gegenwart sein kann. Er weiß, dass sich der Blick auf die Vergangenheit immer wieder neu ausrichtet, in der Perspektive wie im Urteil. Die überwältigende Detailkenntnis, die seine beiden magistralen Bücher auszeichnet, breitet er auch im kleineren Format gewinnbringend aus, dem Leser immer ein eigenes Urteil gestattend, wie in dem Eröffnungsaufsatz über die Erscheinungsformen und den Wandel von Macht oder dem brillanten Essay ,Welche Bedeutung hat eine Schlacht?‘“

Gregor Dotzauer hat sich durch Benjamin Mosers Wälzer „Sontag – Die Biografie“ (Penguin) gekämpft und ist mindestens so angetan wie befremdet: „Das Buch kommt im Auftrag von Andrew „The Shark“ Wylie, dem mächtigen New Yorker Agenten, der es bei Benjamin Moser bestellte. Es hat den Segen von David Rieff, der freien Zugang zum Nachlass seiner Mutter Susan Sontag gewährte. Und es trägt das Prädikat eines Pulitzer-Preises. An den fast tausend Seiten und 1,3 Kilogramm von „Sontag – Die Biografie“ kommt niemand vorbei, der sich mit der epochalen Essayistin und Erzählerin (1933 – 2004) beschäftigen will – schon weil es auf unabsehbare Zeit die einzige derart erschöpfende Biografie bleiben wird.“