Die Sterne zittern in der Dunkelheit

Das Omnichord gehört zu den technischen Innovationen der Achtziger, die sich nie recht durchsetzen konnten. Dabei ist das einfach zu bedienende Plastikinstrument, das wie ein birnenförmiges Spielzeugraumschiff aussieht, eine kleine Wunderkiste: Man kann damit gleichzeitig Beats erzeugen, Orgel-Akkorde und Keyboard-Melodien spielen. Außerdem verfügt das von einer japanischen Firma hergestellte Omnichord über eine Sensorfläche, die beim Darüberstreichen harfenähnliche Klänge produziert.

Das Instrument hat und hatte einige Promi-Fans wie David Bowie, Brian Eno, Cyndi Lauper oder auch die deutsche Band Trio, die es 1983 in dem Song „Turaluralu – Ich mach Bubu, was machst du“ verwendete. In diesem Jahrtausend kam es in Liedern der Gorillaz, Arcade Fire, Kesha und My Morning Jacket zum Einsatz.

Meist fällt es kaum auf und wird wahrscheinlich oft für einen Synthesizer gehalten. Beim gerade erschienen zweiten Album von Lael Neale dürfte das nicht passieren, denn hier spielt das Omnichord eine Hauptrolle. Es ist sogar der Grund dafür, dass „Acquainted With Night“ überhaupt existiert.

Auf ihrer Website beschreibt die Singer-Songwriterin ihren Erweckungsmoment so: „Ich habe mich sofort in die monotonen, blechern und dünn klingenden Drum-Tracks verliebt, die dem üppigen und eindringlichen Orgelsound des Gerätes gegenüberstehen.“

Ein Spaziergang, untermalt von schepprigem Zuckelbeat

Das setzte neue Kreativität bei der in Virginia aufgewachsenen und seit Langem in L.A. lebenden Musikerin frei. Sie schrieb zahlreiche Songs, die sie per Vier-Spur-Rekorder in ihrem Appartement aufnahm. Bei den meisten der zehn Lieder ist das Omnichord das einzige Begleitinstrument. Prominente Ausnahme: Der Eröffnungssong „Blue Vein“, auf dem Lael Neale eine halbakustische Gitarre spielt und an den leicht countryesken Folk-Pop ihres 2015 veröffentlichten Debütalbums „I’ll Be Your Man“ anschließt.

Das Omnichord steuert einige lang stehende Orgel-Akkorde bei. Diese dominieren dann auch das folgende und mit fünfeinhalb Minuten längste Stück des Albums, das den hinreißenden Titel „Every Star Shivers In The Dark“ trägt. Zu einem schepperigen Zuckelbeat erzählt es von einem Spaziergang durch Los Angeles.

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Das Dodgers Stadion und ein Gefängnisturm in der Almeda Street tauchen am Wegesrand auf, eine kurze Unterhaltung mit ein paar Verlierertypen und ein Supermarktbesuch werden skizziert.

Währenddessen sinnt die Sängerin über die Liebe nach: „Shaping the clay in the dark predawn/ God made man to love someone/ Why can’t I love someone?/ Why can’t I love someone?“ Diese Frage verwandelt sich zum Schluss in ein verhaltenes „I’m-gonna-love-someone“-Mantra, zu dem das Omnichord einige seiner Flittergirlanden harft – ein Hauch von Optimismus.

Obwohl in diesem und auch in den übrigen Stücken nicht viel passiert, haben sie eine ungemein fesselnde Wirkung. Die radikale Reduktion führt zu einer erhöhten Konzentration. Neales klarer Gesang bildet einen reizvollen Kontrast zur Abgründigkeit ihrer Texte. Es entsteht eine California-noir-Atmosphäre, die auch Lana Del Rey auf andere Weise immer wieder beschwört.

Das Sound erinnert an alte Kassettenaufnahmen

Neales berühmte Kollegin betont das nostalgische Element stärker und setzt auf eine makellose Produktion. „Acquainted With Night“, das beim einstigen Grunge-Label Sub Pop erscheint, klingt hingegen wie eine vergessene Kassettenaufnahme aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Das Band rauscht, die Lautstärke schwankt schon mal und das Gesangsmikro war nicht sonderlich leistungsstark.

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Der Lo-Fi-Sound trägt entscheidend zum Charme der Platte bei. Lael Neale hatte vor ihren Home-Recording-Sessions frustrierende Erfahrungen in diversen Studios gemacht. Die dabei entstandenen Songs erschienen ihr wie frankensteinhafte Versionen ihrer Songs.

Durch Gespräche mit dem Indie-Musiker Guy Blakeslee – er half ihr auch bei der DIY-Produktion der Videos zum Album – kam sie schließlich auf die Idee, alles weitgehend alleine auf Band zu bringen und keine große Nachbearbeitung vorzunehmen. Die Lieder brauchen das auch gar nicht, denn sie entfalten ihre zerbrechliche Intensität gerade durch die skelettierte Produktion. In „Third Floor Window“ stehen Verzweiflung und Sehnsucht fast schon schmerzhaft ungeschützt im Raum. „Sadness, another word for feeling too much“ heißt es an einer Stelle.

Wird ein Arrangement mal etwas reichhaltiger, führt Lael Neale das sehr behutsam ein wie in „Sliding Doors & Warm Summer Roses“, in dem eine Querflöte über die sakralen Omnichord-Akkorde zittert. Später streut eine E-Gitarre in der Ferne einige Töne ein und die Sängerin wiederholt die Zeile „I’m never lonesome“ – man glaubt ihr kein Wort, aber fühlt sofort mit ihr.

Und so haben die 40 Minuten im Wohnzimmer von Lael Neale nicht nur etwas ungemein Anrührendes, sondern sie sind auch tröstlich. Zu beobachten wie ein Mensch so poetisch und offen mit seiner Einsamkeit in Dialog tritt, zeigt den Zuhörenden, dass sie mit ähnlichen Gefühlen nicht allein sind. Musik, die das schafft, ist eine magische Kraftquelle.