Die schwerelose Nacht des Büffels

Als sich David Maclean vor 60 000 Fans auf einem Festival in Japan wiederfindet, muss er erstmal durchatmen. Der Musiker fragt sich: Wissen die Leute, dass er die Songs ein paar Monate vorher bei sich zu Hause im Pyjama zusammengebastelt hat? Diese Geschichte, die der Schlagzeuger und Producer einmal dem britischen „Guardian“ erzählt hat, beschreibt ganz gut, wie eruptiv der Erfolg die Band Django Django vor knapp zehn Jahren ereilte.

Tatsächlich hatten er und Sänger und Gitarrist Vincent Neff das selbstbetitelte Debüt in einem Studio in Macleans Schlafzimmer aufgenommen. Die sympathisch rumpelige Platte trägt schon den Ideenreichtum zur Schau, der nun auch das vierte Werk von Django Django prägt. „Glowing In The Dark“ (Caroline/Universal) erscheint am Freitag und kombiniert die eklektische Verschrobenheit mit einem Sound voller Tiefe und Klarheit, wie ihn eingespielte Bands im gut ausgestatteten Studio erreichen.

Aus der Kunsthochschule auf die Bühne

Schon um ihr Erstlingswerk 2012 angemessen live spielen zu können, wächst die Band zum Quartett an. Django Django sind eine Großbritannien-Ko-Produktion: Sänger Neff stammt aus Nordirland, Basser Jimmy Dixon aus England, Sound-Mastermind Maclean und Tommy Grace am Synthesizer sind Schotten. Kennengelernt haben sie sich am College of Art im schottischen Edinburgh.

Den Kunsthochschul-Background merkt man der Band an. Sie arbeitet auf der Bühne schon mal mit Projektionen und Jalousien, die das Bühnenbild strukturieren, tragen Safari-Outfits oder mittelalterliche Kittel mit Quasten. Ihr französisches Plattenlabel Because – auch die Heimat der ähnlich gelagerten Formation Metronomy – soll zu Beginn gar nicht begeistert gewesen sein über so viel modische Abenteuerlust. Doch dann haben sie gemerkt: Django Django finden ihr Publikum. Lass sie mal machen.

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Nach dem Erscheinen des Debütalbums tourt die Band zu viert von Kontinent zu Kontinent, von Festival zu Festival. Zwei Jahre lang geht das so, bis sie sich zwingen, aus der Erfolgsachterbahn wieder auszusteigen, um endlich neue Musik aufzunehmen. Das intensive Touren und die zwei Platten, die Django Django 2015 („Born Under Saturn“) und 2018 („Marble Skies“) einspielen, lassen sie zu einer Einheit verschmelzen. Das hört man nun auch auf „Glowing In The Dark“. Da spielt eine Band, die einander vollkommen vertraut ist und die vor allem Spaß daran hat, gemeinsam Musik zu machen.

[Django Django: „Glowing In The Dark“ erscheint am 12.2. bei Caroline/Universal]

Damit sie sich bei den Aufnahmen nicht mit Tüfteleien verzetteln, haben sie diesmal die Losung ausgegeben: jeden Tag ein Song. Ein intuitiver Groove prägt die Platte, ohne dass sich die Band in reinen Klangspielereien verlieren würde. Kaum ein Stück läuft länger als drei, vier Minuten, nur auf „Hold Fast“ gönnen sie sich ein zweiminütiges Intro mit Synthiegeflimmer à la Alan Parsons Project. Immer weiter Richtung Himmel strebt der Song auf den Schwingen der Melodieseligkeit. So sehr man sich wehren will gegen die Umarmung dieser Musik: Es wird einem kaum gelingen.

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Der populärmusikalische Klammergriff wirkt am stärksten bei „Waking Up“. Neff singt gemeinsam mit Gastmusikerin Charlotte Gainsbourg: „Waking up to the fact we’re never coming back, our home is the open road.“ Das Tourleben scheint schon wieder zu locken. Schlagzeug und Synthesizer stecken diesmal zurück, Dixons Bass übernimmt die Führung. Das Ergebnis ist unverschämt gut gelaunter Indiepop zum Mitschnipsen, ein Hit wie gemacht fürs Frühstücksradio.

Bei Django Django trägt jedes Bandmitglied eigene Songs bei, andere Stücke entstehen komplett kollektiv. So bekommt „Glowing In The Dark“ einen angenehmen Drive. Die 13 Songs fließen ineinander, während die Band Tempo und Schattierung variiert. In der Mitte glüht die Platte dunkler. „Night Of The Buffalo“ steppt auf der Stelle über arabisch anmutenden Harmoniefolgen und klingt mit einem kleinen Streichquartett aus. Im Anschluss jubeln Django Django dem Album mit „The World Will Turn“ einen rein akustischen Folktrack unter. Reichlich Gelegenheit, in den Harmoniegesängen zu schwelgen, die integraler Bestandteil ihres Sounds sind.

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Noch immer saugt die Band wie ein Schwamm Einflüsse auf und amalgamiert sie zu einem saftigen Ganzen. Doch so viele Instrumente und Schichten Django Django auch übereinanderlegen, ihre Musik bleibt luftig. Bei „Got Me Worried“ trommelt sich eine Samba-Schule durch den Song, bei „Free From Gravity“ piept, plingt und pluckert es in Richtung Reggaeton, während Macleans elektronisches Eighties-Drum-Kit heißläuft. Die Freude der Band am Hakenschlagen bleibt jederzeit spürbar.

Die Songs schwanken zwischen Gefrickel und Geschrammel. „Right The Wrongs“ tendiert eindeutig zu Letzterem: Maclean bollert am Schlagzeug in schönster Punk-Manier drauflos, darüber schwebt Neff mit einem Tenor, der an Reinheit kaum zu übertreffen ist. Wieder spannt die Gruppe Beach-Boys-Chöre wie das wehende Dach eines Zirkuszeltes über ihr Klang-Gewusel.

Party-Punk könnte man das nennen, schließlich muss niemand Angst haben, sich bei Django Django ernsthaft dreckig zu machen. Die Band klingt noch immer so, wie sich das moderat hippe Kids vor zehn Jahren gewünscht haben: nach dem perfekten Soundtrack für das Erasmus-Semester in Barcelona.

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Es fällt leicht, Django Django zu mögen. Die Band vermählt das Hintergründige mit dem Unterhaltsamen und macht Musik, die in ihrer Spielfreude zeitlos ist – und tanzbar. „Glowing In The Dark“ vollkommen unbewegt zu hören, ist eine kaum zu bewältigende Herausforderung, besonders beim Titeltrack. Über einem stolpernden Beat und Synthie-Gepupse segelt Neffs Stimme durch den warmen Aufwind dieser Clubhymne. Das ist simpel, effektiv und packt einen an Stellen, die in den vergangenen Monaten gewöhnt waren, sich auszuruhen. Die Füße wippen, der Kopf nickt mit und der träge Körper will sich einfach nur schütteln.

Django Django steuern die Zielgerade an, hinaus aus dem Lockdown-Winter. Höchste Zeit für die Band, den Pyjama wieder auszuziehen und in den mittelalterlichen Kittel zu schlüpfen. Natürlich mit Quaste.