Die schönsten Schnee-Comics der Welt

Eine schier endlose weiße Fläche, durch die sich eine einsame Spur zieht. Die stammt von einem Rodelschlitten, auf dem ein Junge und ein Tiger in Richtung Bildrand rauschen. „Let’s go exploring!“ steht in der Sprechblase des Jungen.
Mit diesem Bild endete vor 25 Jahren einer der beliebtesten und nach Ansicht vieler Fans auch besten Comicstrips der westlichen Welt, Bill Wattersons „Calvin und Hobbes“.

Auf dem Bild davor hatte der Junge dem Tiger, der hinter ihm auf dem Schlitten sitzt, fest in die Augen geschaut und gesagt: „It’s a magical world, Hobbes, ol‘ Buddy…“

Abschied und Neuanfang: Der letzte Strip von Bill Wattersons „Calvin und Hobbes“.Foto: Promo

Das ist eine jener Szenen, an die viele Comicfans als erstes denken, wenn man mit ihnen über ihre Lieblings-Szenen spricht, in denen Schnee eine wichtige Rolle spielt. Wir haben aus Anlass der aktuellen Wetterlage hierzulande eine Auswahl von Zeichner*innen und Comic-Fachleuten befragt.

„Bill Watterson erweckt unsere schönsten Kindheitsschneeerinnerungen zu neuem Leben“, sagt Sabine Witkowski, Redakteurin beim Hamburger Carlsen-Verlag, wo „Calvin und Hobbes“ auf Deutsch erschienen sind.

Als erstes komme ihr beim Thema allerdings Jeff Smiths Fantasy-Abenteuerserie „Bone“ in den Kopf, „weil es dort ein so schönes Beispiel für einen klassischen Cliffhanger gibt“. Auf einer rechten Seite unten sagt die in einem Wald festsitzende Hauptfigur, der kleine Fone Bone, zu sich selbst, dass es wohl bald zu schneien anfängt – und auf der nächsten Seite fällt mit einem großen „WHUMP!“ ein dickes Schneebrett vom Himmel, unter dem die Figur fast komplett verschwindet – die Seite zeige wir unter diesem Absatz.

Schnee, der auf Panels fällt: Der Wintereinbruch bei “Bone”Foto: Jeff Smith/Promo

Der dritte Comic-Klassiker zum Thema ist für Sabine Witkowski Charles M. Schulz‘ Serie „Peanuts“. „Die haben jahrzehntelang jeden Winter neue Schneeabenteuer erlebt“, sagt sie – und vielleicht mit dazu beigetragen, dass sie immer das Gefühl habe: „Früher war mehr Schnee“.

Als Donald Duck eine gewaltige Schneelawine auslöste

Auch Stefan Neuhaus, der Vorsitzende des Deutschen Comicvereins, muss beim Thema Schnee sogleich an diese Szene denken. Wattersons Sonntagsstrip, mit dem am 31. Dezember 1995 die zehnjährige Erfolgsgeschichte von „Calvin und Hobbes“ endete, markiert „Abschied und Aufbruch zugleich“, sagt Neuhaus. „Diese Stimmung spürt man bei der Schlittenfahrt im letzten Panel.“

An weitere einprägsame Schneeszenen erinnert sich Neuhaus bei einem anderen Klassiker der Kunstform, Carls Barks‘ „Donald Duck, Der Schnee-Einsiedel“, der erstmals 1952 veröffentlicht wurde: „Donalds Schlagerhit vom rührseligen Cowboy, ununterbrochen gespielt auf einer Jukebox im Winterresort, löst eine gewaltige Schneelawine aus und schüttet ihn und das gesamte Tal zu.“

Landschaftsmalerei von Carl Barks: Ein Panel aus „Donald Duck, Der Schnee-Einsiedel“.Foto: Promo

Eine wichtige Rolle spiele die Winterlandschaft zudem in der Comicerzählung „Auf der Suche nach Peter Pan“ des Schweizer Zeichners Cosey: „Herrliche Schneeszenen, die leere Flächen einsetzen wie wir sie in chinesischen Zeichnungen finden.“

Comiczeichner Mawil fallen beim Thema Schnee noch andere klassische Szenen aus „Calvin und Hobbes“ ein, nämlich die Schneemann-Zombies und andere Gruselgestalten, die der vorwitzige Calvin zum Entsetzen seiner Eltern im Winter schafft.

Dies Schneemannmonster sind ein wiederkehrendes Motiv in Bill Wattersons „Calvin und Hobbes“.Foto: Promo

Ein Schneemann hält da seinen erschreckt dreinblickenden Kopf in der Hand, ein anderer scheint mit seinem eigenen Schädel Golf zu spielen, eine langsam in der Sonne dahinschmelzende Schneemann-Gruppe hält Schilder wie „Das Ende ist nah“ und „Der Frühling kommt“ in die Höhe – und Kevin stellt sie feixend als die „Schneemann-Propheten des Untergangs“ vor.

Mit Tim und Struppi auf den Spuren des Yeti

Ein weiterer Klassiker, an den viele Comicfans beim Thema denken: „Tim in Tibet“. Vor allem das Titelbild des 1959 erstmals veröffentlichten Albums – zu sehen als Anfangsillustration dieses Artikels – hat sich in die Erinnerung eingebrannt, wie Marie Schröer sagt, Professorin für Kultursemiotik und Kulturen romanischer Länder an der Universität Potsdam.

[Der kollabierte Polarwirbel kann uns extreme Kälte bringen. Die Hintergründe können Abonnenten von T+ hier nachlesen: Polarwirbel kollabiert – Warum der Winter noch richtig kalt werden könnte]

Das Cover zeigt die Hauptfiguren der Reihe – Tim, seinen Hund Struppi und ihren Freund Kapitän Haddock – zusammen mit ihren Bergführer Tarkey im Himalaya. Sie beugen sich staunend über eine Reihe gigantischer Fußabdrücke, die im Schnee den Berg hinaufführen – und offensichtlich zum Yeti gehören, der in dieser Geschichte eine Rolle spielt.

Dieses ikonische Titelbild führt vor Augen, was das Besondere an Schneeszenen im Comic ist: Die schier endlose Weißfläche, die hier große Teile des Bildes ausfüllt, wirkt einladend und gibt dem betrachtenden Auge viel Raum.

Zugleich heben sich Figuren und Linien auf dem weißen Untergrund besonders prägnant ab: Von den Fußstapfen der Wanderer über die beunruhigend großen Spuren des Yetis bis hin zu den Angst ausdrückenden Schweißtropfen, die von den Köpfen Tims und Kapitän Haddocks in alle Richtungen fliegen.

Talfahrt: Das Cover von “Lucky Luke – Die Daltons im Blizzard”.Foto: Promo

Weitere frankobelgische Albenklassiker, in denen es starke Schneeszenen gibt, nennt Ralph Trommer, Fachjournalist und Autor der Tagesspiegel-Comicseiten: „Lucky Luke – Die Daltons im Blizzard“ und „Asterix in Amerika“.

600 Seiten Winter

Ein in diesem Kontext immer wieder genannter zeitgenössischerer Comic voller eindrucksvoller Schneeszenen ist „Blankets“, das autobiografische Epos des US-Autors Craig Thompson von 2003. In dieser Erzählung, die im mittleren Westen der USA spielt und vom Aufwachsen des Autors in einer christlich-fundamentalistischen Familie, einer tragische Liebe und einer schmerzvollen Selbstfindung handelt, herrscht fast über die gesamten 600 Seiten ein strenger Winter – der erst gegen Ende einem neue Hoffnung vermittelnden Frühling weicht.

Winter-Wonderland: Eine Szene aus „Blankets“.Foto: Craig Thompson/Promo

Und die weiße Pracht ist nicht nur eine grafisch wirkungsvolle Kulisse, wie auch bei „Calvin und Hobbes“, sondern zudem auch eine wichtige Metapher im Kontext der Geschichte, wie Marie Schröer sagt: „Auf der Meta-Ebene steht der Schnee für den Neuanfang und das Neu-Entdecken.“ Bei „Blankets“ repräsentiere er zudem noch „die unbespielte weiße Fläche in Analogie zur weißen Seite, die am Anfang jeder autobiografischen Erkundung in Buchform steht.“

Winterszenen mit Beethoven und Herrn Haase

Die Zeichnerin Anna Haifisch, deren neues, im März erscheinendes Buch „Residenz Fahrenbühl“ ebenfalls viel im Schnee spielt, muss beim Thema spontan an zwei Arbeiten von Kollegen denken: Mikael Ross‘ Comicerzählung „Goldjunge“ über die Jugendjahre Beethovens, dessen dramatische Anfangsszene komplett im Schnee spielt.

Herr Hase und seine Kumpels auf der Piste.Foto: Reprodukt

Ihr zweiter Winterfavorit: Das Album „Slaloms“ aus der Reihe „Herrn Hases Abenteuer“ von Lewis Trondheim: „Den liebe ich sehr“, sagt Anna Haifisch.

Comicübersetzerin Lea Hübner erinnert sich neben „Calvin und Hobbes“ an prägende Schneeszenen in einem anderen Comic-Klassiker: Die historischen Zeitungsstrips „Little Nemo in Slumberland“ von Winsor McCay. Ähnlich wie Calvin mit seinem Tiger-Freund erlebe auch der kleine Traumreise Nemo manch aberwitzige Abfahrt mit einem Rodelschlitten. „Oder er rast im Traum als Riesen-Schneeball-Lawine alles mit sich reißend und ganze Häuser zerberstend zu Tal, ganz zu schweigen von gigantischen Eispalast-Konstruktionen aus McCays Feder.“

Eine Seite aus „Little Nemo in Slumberland“.Illustration: Winsor McCay/Promo

Besonders stimmungsvoll findet Lea Hübner den brasilianischen Comic „Pétalas“ von Gustavo Borges, aus dem wir weiter unten eine Seite zeigen. „Die Geschichte spielt im bitterkalten Winter, was die Story auch komplett prägt“, sagt Hübner „Dennoch geht es um Menschlichkeit angesichts des Schicksals des Todes.“ Die englische Ausgabe des Comics trägt den Titel „Petals“ und wurde 2019 für einen Eisner-Award nominiert, weitere Eindrücke davon gibt es hier.

Brasilianischer Winter: Eine Seite aus „Pétalas“ von Gustavo Borges.Foto: Promo

Weitere wichtige Schneecomics, die Lea Hübner nennt: Die in Island spielende „Die Saga von Grimr“ warte auch mit einer Menge Schnee auf. Ebenso die Graphic Novel „Schneekreuzer“ von 1982, die als „Snowpiercer“ für Kino und Fernsehen verfilmt wurde.

Dauerfrost in Island: Eine Doppelseite aus „Die Saga von Grimr“

Tolle Schneeszenen gebe es zudem in Guy Delisles „Louis fährt Ski“, Loisels und Tripps „Das Nest“, „Grönland Vertigo“, „Im Eisland“, „Minnie Maus: Tante Mirandas Geheimnis“, „Mouseguard: Winter 1152“ sowie eine schöne Doppelseite in Igorts neuem Band „Kokoro“, der kürzlich auf Deutsch erschienen ist. „Nicht zu vergessen die ganzen Bergsteiger-Dramen von Jiro Taniguchi mit ihren verschneiten Gipfeln und Lucky Luke: Der Blizzard.“

Von den „Watchmen“ zu Chris Ware

Dem Künstler Kai Pfeiffer, der unter anderem zusammen mit Dominique Goblet das Buch „Bei Gefallen auch mehr…“ veröffentlicht hat, fallen beim Thema fünf besonders prägnante Szenen ein. Zum einen die Schlusspassage in der Superhelden-Dekonstruktion „Watchmen“ von Alan Moore und Dave Gibbons. „Ist mir stark in Erinnerung geblieben, aber doch eher wegen der Intensität der Erzählung insgesamt“, sagt Pfeiffer, der auch als Hochschuldozent tätig ist. „Die Schneeszenen sind rein zeichnerisch nicht unbedingt der Höhepunkt von Gibbons’ Bildfindungen in Watchmen.“

Eine Szene aus „Watchmen“.Foto: promo

Eine prägnante Jugenderinnerung ist für Kai Pfeiffer zudem Frank Millers und Lynn Varleys Marvel-Comic „Elektra Lives Again“. Darin haben ihn besonders die „wunderbar stummen Kampf-Choreographien zwischen Traum und Großstadt-Realität in schmutzig-blaugrauem Schnee“ beeindruckt, die über die Dächer bis auf den Friedhof führten. „Besonders schön der Effekt von Schneeschichten auf Telefonleitungen, die den artistischen Protagonisten zum federnden Hochseil werden.“

Unter der Schneedecke: Eine Szene aus Chris Wares aktuellem Buch „Rusty Brown“.Foto: Promo

Ein jüngerer Favorit in Sachen Schneeszenen ist für Pfeiffer Chris Wares aktuelles Buch „Rusty Brown“. Das erste Kapitel beginnt im Schnee, und der Winter zieht sich durch den ganzen Band des US-Zeichners.

Schnee- und Eisdecken finde man zudem in etlichen Bildern und Szenen des Norddeutschen Wahlschweizers Helge Reumann, nicht zuletzt in dessen monumentalem Band „Black Medicine Book“.

„Black Medicine Book“: Eine Szene aus dem Buch von Helge Reumann.Foto: Promo

Der „vielleicht größte Schneemeister im Comic“ sei allerdings der Mangazeichner Kazuo Kamimura, sagt Pfeiffer. „Bei ihm scheint keine Geschichte ohne Schnee, und zwar unbedingt auch als Schneesturm, auszukommen.“ Besonders beeindruckend seien zwei Mangas, die in Europa bislang nur auf Französisch vorliegen: „Le club des divorcées“ und „La fleuve de Shinano“. Auf Deutsch gibt es vom selben Zeichner eine weitere Reihe, in der dem Schnee vor allem grafisch eine bedeutende Rolle zukommt: „Lady Snowblood“.

Schneemeister: Eine Seite aus Kazuo Kamimuras „La fleuve de Shinano“.Foto: Promo

Der fünfte Favorit von Kai Pfeiffer: José Munoz. „Wenn’s bei ihm mal schneit, dann natürlich ganz fantastisch gut – am schönsten in der Geschichte „Freundschaft“ („Ce sympathique Mr. Wilcox“) aus „Joe’s Bar“, überhaupt eine der besten von Munoz & Sampayo.“

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Mona Schütze, Vertriebsleiterin beim Reprodukt-Verlag, fällt beim Thema unter anderem Tillie Waldens Comicerzählung „West, West Texas“ ein, die 2019 bei Reprodukt auf Deutsch veröffentlicht wurde. „Die hat ein paar schöne Schneeszenen, in denen sich Geschichte, Emotionen und Wetter miteinander verweben“, sagt sie.

Verloren im Schneesturm

Das Buch enthält auch für ihre Kollegin Wiebke Helmchen, die die Redakteurin der deutschen Ausgabe von „West, West Texas“ ist, „eine der eindrücklichsten Schneeszenen, die mir in Erinnerung geblieben ist“, wie sie sagt. „Auf ihrem Roadtrip geraten die beiden Hauptfiguren in eine immer abstraktere und metaphorischere Landschaft, in der ein Schneesturm aufzieht, in dem sie sich verlieren – der Schneesturm beeinflusst und untermalt das Geschehen zugleich.“

Alles andere als weiß: Eine Doppelseite aus Tillie Waldens „West, West Texas“.Foto: Reprodukt

Besonders beeindruckend seien hier die Bilder, auf denen dicke Schneeflocken fallen – gezeichnet als große weiße Flecken, die über dem Bild liegen. „Man hört geradezu, wie der Schnee alle Geräusche schluckt und die Landschaft in Stille taucht.“

Eis-Mangas aus Japan und Deutschland

Manga-Expertin Sabine Scholz, die regelmäßig für den Tagesspiegel schreibt, fallen beim Thema gleich ein Dutzend herausragende Beispiel aus der Comicgeschichte ein. Darunter von der deutschen Manga-Zeichnerin Anike Hage die Reihe „Eislicht” und von Kristina Gehrmann die historische Abenteurergeschichte „Im Eisland“.

Sabine Scholz‘ Lieblingsmanga zum Thema stammt jedoch von Jiro Taniguchi: Die Kurzgeschichtensammlung „Der Wanderer im Eis“. Zum Oeuvre des japanische Zeichners gehören zudem weiter Titel, die in eisigen Umgebungen spielen, darunter das Bergsteiger-Drama „Gipfel der Götter“.

Eine Doppelseite aus Jiro Taniguchis „Der Wanderer im Eis“.Foto: Schreiber & Leser

Herausragende Schnee- und Eisszenen gebe es zudem in der Reihe „Mushishi“ von Yuki Urushibara, Scholz‘ zweitem Favoriten zum Thema, sowie in Gou Tanabes Lovecraft-Adaption „Berge des Wahnsinns“, der Boys-Love-Geschichte „Qualia unter dem Schnee“, „Golden Kamuy“ von Satoru Noda und „Demon Slayer“ von Koyoharu Gotoge. Auch „To your Eternity“ von Yoshitoki Oima habe in dieser Einsicht einiges zu bieten, ebenso „Die Schneeprinzessin“ von der Zeichnergruppe Clamp – und im Manga-Klassiker „Lone Wolf & Cub“ gebe es auch einige „unglaubliche Schneesturmszenen“.

Lara Keilbart, Direktorin des Berliner Festivals „Comic Invasion“, denkt bei dem Thema zuerst an Terry Moores Mystery-Horror-Serie „Rachel Rising“, die auf Deutsch im Verlag Schreiber & Leser erschienen ist. „Schnee in einem schwarz-weißen Comic ist eine Herausforderung, kann es die Lesenden doch schnell überfordern oder verwirren“, sagt Keilbart.

zum Frösteln: Eine Szene aus Terry Moores Mystery-Horror-Serie „Rachel Rising“.Foto: Schreiber & Leser

„Doch Terry Moore schafft es durch die Verquickung des einsetzenden Schnees mit dem Plot nicht nur die Leser*innen gedanklich zu führen. Der immer stärker werdende und anhaltende Schneefall lässt einen beim Lesen ebenso frösteln wie die Geschehnisse. Simpel, aber unglaublich effektiv.“

Schwarze Tusche in dicken Flocken

Barbara Buchholz, Comic-Fachjournalistin und Autorin unter anderem für den Tagesspiegel, hat vier Favoriten zum Thema. Zum einen das Album „Silence, der Stumme“ von Didier Comès, das auch für ihren Kollegen Ralph Trommer einer der herausragenden Schnee-Comics ist. „Wie Comès in „Silence“ den Schnee vor schwarzer Tusche in dicken Flocken fallen lässt, immer dichter, bis sie die Gesichter der Figuren aufzulösen scheinen, das hat was“, sagt sie über das 1982 auf Deutschveröffentlichte, aber inzwischen lange vergriffene Album des belgischen Comickünstlers.

Meister der Kontraste: Eine Szene aus „Silence“ von Didier Comès.Foto: Promo

Ihr zweite Favorit stammt von dem Franzosen Jacques Bei Tardi, bei dem die Dekors oft eine Art Hauptrolle spielten, meistens Paris in schummrigem Licht. In seinem Buch „120, Rue de la Gare“ schicke Tardi aber den Schnüffler Nestor Burma in einen weißen Winterwald: „Der helle Schnee kontrastiert schön mit der finsteren Geschichte.“

Auch Manu Larcenets Landschaftsmalerei in seinem Buch „Brodecks Bericht“ kommt ihr in den Sinn: „Die Beklemmung des Dorfes wird durch den Schnee und die weiß gekratzten Schlieren zwischen den Baumstämmen noch spürbarer.“ Ein weiterer Lieblingscomic von Barbara Buchholz: „Essex County“ von Jeff Lemire. „Im dritten Teil verschwindet eine Gruppe Menschen nach und nach in der ganz undramatischen Schneelandschaft – schön und still.“

Peter Pan und Minnie Maus

Der Autor Christian Endres, der ebenfalls unter anderem für den Tagesspiegel schreibt, denkt bei Winterszenen zuerst an drei Strips. Neben den anfangs bereits erwähnten „Calvin und Hobbes“ und den „Peanuts“ sei dies auch „Mutts“ von Patrick McDonnell: „Immer, wenn es da Winter wird und schneit, ist es noch ein bisschen „kuscheliger“, schöner oder witziger als sonst eh schon“, sagt er.

Schweizer Winterkulisse: Eine Szene aus „Auf der Suche nach Peter Pan“ von Cosey.Foto: Promo

Zudem teilt er mit Lara Keilbart ein Faible für Terry Moore, der neben „Rachel Rising“ vor allem für seine Serie „Strangers in Paradise“ bekannt ist. „Der ist in seinen eigenen Serien auch immer für stylishes Schneegestöber und atmosphärische Schneeverwehungen ringsum gut“, sagt Endres. „Und bei Altmeister Cosey gilt: Ob „Auf der Suche nach Peter Pan“ oder zuletzt „Minnie Maus: Tante Mirandas Geheimnis“, der Belgier kann einen seit jeher wunderbar im Schnee versinken lassen.“

Als Spider-Man-Fan erinnere er sich zudem gerne an „Peter Parker: Spectacular Spider-Man 37“ von Paul Jenkins und dem späteren „Fables“-Zeichner Mark Buckingham aus dem Jahr 2002: „Spidey und der schurkische Geier bekriegen sich bei eisigen Temperaturen und Schneefall, was bewusst für den Witz und Charme genutzt wurde.“

Eiskalte Jugenderinnerungen

„Meine Favoriten stammen alle aus meiner Jugend, wo ich Comics wohl noch intensiver gelesen habe als heute und in die Welten eingetaucht bin“, sagt Dirk Rehm, Gründer und Leiter des Reprodukt-Verlages, der in diesem Jahr sein 30-jähriges Jubiläum feiert. „Als erstes kommt mir „Blueberry – General Tête Jaune“ von Jean-Michel Charlier und Jean Giraud in den Sinn, bei dessen Lektüre ich die Kälte und Nässe fast fühlen konnte.“

Weiße Wüste: Eine Seite aus „Blueberry – General Tête Jaune“ von Jean-Michel Charlier und Jean Giraud.Foto: Promo

1973 wurde der Comic – oben eine Seite daraus – auf Deutsch im „ZACK“-Magazin veröffentlicht, „da war ich zehn Jahre alt“. Außerdem habe ihn die von Barry Windsor-Smiths gezeichnete Kurzgeschichte „The Frost Giant’s Daughter“ sehr beeindruckt, die 1972 in der Marvel-Comicreihe „Conan the Barbarian“ veröffentlicht wurde.

Winterreise mit der Transsibirischen Eisenbahn

Ulli Lust, die neben ihrer Arbeit als Zeichnerin von vielgelobten Titeln wie zuletzt „Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein“ oder der Roman-Adaption „Flughunde“ auch als Professorin an der Hochschule Hannover den Comic-Nachwuchs unterrichtet, denkt beim Thema Schnee aktuell vor allem an die Berliner Zeichnerin Bernadette Schweihoff, die sie betreut hat.

Eine Szene aus dem bislang noch unveröffentlichten Comic „Transsibirien“.Foto: Bernadette Scheihoff

In deren Abschlussarbeit „Transsibirien“, aus der wir hier eine Doppelseite zeigen, fährt ein Berliner Pärchen im Winter mit der Transsibirischen Eisenbahn ans andere Ende des Kontinents. „Gegen Ende des Buches gibt es sehr schön gezeichneten Schnee“, sagt Lust. Mehr aus dem Buch gibt es auf der Website von Bernadette Schweihoff.

Matthias Harbeck, der sich wissenschaftlich in eigenen Arbeiten, als Lehrbeauftragter des Fachreferats Ethnologie der Humboldt-Universität Berlin und als Mitglied des Berliner Comic-Kolloquiums viel mit der Kunstform beschäftigt, denkt bei dem Thema spontan als erstes an Jeff Lemires Familiendrama „Roughneck“ ein, das im zu großen Teilen verschneiten und vereisten Norden Kanadas spielt. Dazu kommen ein paar Superheldencomics mit dem kanadischen Helden Wolverine, der seine Kämpfe ebenfalls oft in Eis und Schnee austragen muss, sowie einige Ausgaben der „X-Men“ vor ähnlichem Setting.

Bill Wattersons anfangs erwähnte Schneezeichnungen in „Calvin und Hobbes“ finden sich ebenfalls unter den Favoriten von Jakob Hoffmann. Der Frankfurter Comic-Netzwerker leitet unter anderem das Kindercomicfestival „Yippie!“ und gibt die Kindercomiczeitschrift „Polle“ heraus, er kuratiert das Comicprogramm bei „Open Books“ während der Frankfurter Buchmesse und produziert Comic-Lesungen und -Sendungen.

Eine Schneeszene von Yoshiharu Tsuge aus seinem auf Deutsch unter dem Titel „Rote Blüten“ veröffentlichten Buch.Foto: Promo

Hoffmanns weitere Schnee-Favoriten: Manu Larcenets „Brodecks Bericht“, Mikael Ross“ „Goldjunge“ sowie die Manga-Erzählungen von Yoshiharu Tsuge, die seit kurzem nach und nach auch auf Deutsch erscheinen.

Jakob Hoffmann ist auch die Ursprungsidee für diesen Artikel zu verdanken. Er hat sich für seinen Youtube-Stream „Stories & Strips“ mit dem Zeichner Mikael Ross über das Thema Schnee im Comic unterhalten und hatte zur Vorbereitung verschiedene Akteure der Comicszene nach prägnanten Szenen gefragt, am 16. Februar soll das Gespräch auf seinem Kanal online gehen.