Die schönen Tage von Aranjuez

Im Grunde genommen sind Silvesterkonzerte 2020 ja ein Ding der Unmöglichkeit: Die Konzertsäle sind fest verschlossen und dürfen zu ihrer Hochsaison keine Zuhörenden einlassen. Das Gedenken an die Verstorbenen im November und die Frohe Botschaft im Dezember, das abnehmende und zunehmende Licht – im abgelaufenen Jahr mussten sie ohne die Kraft der Live-Musik ihren Weg in die Herzen finden.

Vermissen ist dafür ein viel zu klein dimensionierter Begriff, daran konnten die naturgemäß auch immer etwas trostlosen Streams aus Konzerthäusern vor leeren Reihen oder gar ganz ausgebauten Sitzen nichts ändern. Was auch immer gespielt wurde, der Anblick tat einfach weh.

Die Musik soll mit Schwung über die Grenze tragen

Trauerspiele sind zum Jahresende weniger erwünscht, weil man sich von der Musik erhofft, mit Schwung über die Jahresgrenze getragen zu werden. Die Berliner Philharmoniker standen diesmal medial allein vor einer kaum zu lösenden Aufgabe: In der Semperoper wurde das Konzert zum Jahreswechsel wegen der Pandemie abgesagt, das ZDF sendete stattdessen eine Konserve aus dem Jahr 2016.

Das Silvesterkonzert in der ARD bestand aus einer Reihung teils vor Corona aufgezeichneter Konzertmitschnitte von Teodor Currentzis und seinem SWR Symphonieorchester. Zwischen den einzelnen Teilen versuchte Thomas Gottschalk, in Kontakt mit dem Maestro zu treten.

Vielleicht hätten die beiden den Sekt, der auf Tischchen hinter ihnen warm wurde, trinken sollen. Im Abspann ruft Currentzis nach Wodka, vorher hat er aber seine Silvesterbotschaft geteilt: Jeder möge in seinen Adressbüchern nach Menschen suchen, die Zuspruch gebrauchen können und sie anrufen.

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Kirill Petrenko hatte bereits im Vorfeld des Philharmoniker-Konzerts angekündigt, das Programm werde nachdenklicher als sonst ausfallen, und stimmte darauf ein, dass zu Silvester „ein paar tristere Töne“ als gewohnt erklingen werden. Man wolle Sensibilität zeigen, sagte der Chefdirigent, an dessen Feinfühligkeit niemand jemals zweifeln würde.

Der auf Arte zeitversetzt aus der Philharmonie übertragene Abend beginnt mit der 3. Leonoren-Ouvertüre und erinnert damit nicht nur an das in großen Teilen ausgefallene Beethoven-Jubiläum, sondern speziell auch an den „Fidelio“, den die Philharmoniker Ostern in Baden-Baden und Berlin hätten spielen wollen.

Alle Musikerinnen wurden vor Probenbeginn getestet

Petrenko spannt den dramatischen Bogen fantastisch weit. Zwischen den Musikerinnen und Musikern, die, vor Probenbeginn getestet, auf einen oder anderthalb Meter Abstand voneinander sitzen, herrscht Hochspannung, die schier endlos trägt – weiter, als Fernseher und Laptop es einfangen können.

[Das Philharmoniker-Konzert ist bis 30.1. auf Arte Concert online abrufbar (mit Schostakowitsch), die Kompilation des SWR-Orchesters bis 31.12. in der ARD-Mediathek.]

Der Hauptteil des Konzerts ist Spanien gewidmet. Mit der Introduktion und dem Feuertanz aus de Fallas „El amor brujo“stürzt sich das Orchester in heißkalte, hochvirtuose Gefühlsstromschnellen. Dann rückt Gitarren-Solist Pablo Sáinz-Villegas in den Mittelpunkt, der ein brillanter Musiker ist, sich im Rampenlicht aber zu sehr sonnt, um als wirklich sensibel durchzugehen. Was für ein Kontrast zu Petrenko, der bei der „Spanischen Romanze“ Kitsch durch wache Feinheit veredelt.

Spät erst können die Philharmoniker wieder umfassend glänzen mit der überschwänglichen Bach-Hommage „Bachianas brasileiras Nr. 4“ von Villa-Lobos. Danach wirkt Rimsky-Korsakows „Capriccio über spanische Themen“ wie ein Rückfall in konventionellere Gefilde, also das Gegenteil von dem, was Petrenko vorschwebt. Da Arte die Sendeminuten ausgehen, wird nicht nur flugs die Moderation gekürzt (kein Verlust), auch Schostakowitschs furioser „Stechfliegen“-Rausschmeißer geht drauf. Abrupt endet ein herzzerreißendes Musikjahr.