Die Rettung eines Stücks Sportgeschichte

Es wird kein spektakulärer Abgang. Kein schwungvolles Ende einer gelungenen Turnübung mit Drehung und Salti vor staunendem Publikum. Für die alte Turnerhalle im Potsdamer Luftschiffhafen, der Medaillenschmiede am Rande der Stadt, wird der Abgesang intoniert durch Abrissbirnen. Die Siegerfanfaren für die einst so erfolgreichen Potsdamer Turner sind schon lange verklungen.

Die 1961 eröffnete Halle hat ausgedient, seit einigen Wochen ziert ihre Nachfolgerin, ein zwölf Millionen teurer Bau mit orientalischen Akzenten den Olympiapark an der Zeppelinstraße. „Mach’s gut altes Haus“, steht an der Glastür der maroden alten Halle geschrieben, ein wehmütiger Abschiedsgruß an einen Ort, in der ein halbes Jahrhundert lang junge Turner und Studenten der Potsdamer Uni trainiert haben.

Einer von ihnen ist Tobias Billert. Der 48-Jährige ist quasi im Luftschiffhafen aufgewachsen. Als Turn-Talent kam er schon als Siebenjähriger an die Kinder- und Jugendsportschule des damaligen ASK Vorwärts Potsdam, dessen Turnerriege über Jahrzehnte zu den besten der Welt gehörte.

23 Medaillen bei Welt- und Europameisterschaften sowie Olympischen Spielen gewannen die Potsdamer Turner. Bernd Jäger, der für seine Reckübung einen Salto kreierte, der nach ihm benannt wurde und der bis heute zum Standardrepertoire der Turn-Welt gehört, oder Seoul-Olympiasieger Holger Behrendt zählen zu den ganz großen Namen aus der Potsdamer Sport- und Turngeschichte.

Tobias Billert turnte sich bis in die Junioren-Nationalmannschaft, gewann Silber bei den Junioren-Europameisterschaften und beendete dann seine aktive Karriere. Treu geblieben ist er seinem Sport bis heute. Als Physiotherapeut der deutschen Turn-Nationalteams ist er ganz nah dran am aktiven Geschehen.

Die alte Sporthalle war bis zuletzt sein sportliches Zuhause – und wie es beim Auszug so ist, entdeckte er ein altes, längst vergessenes Stück, das zum Wegwerfen viel zu schade ist. Verstaubt und in seine Einzelteile zerlegt fand Tobias Billert ein Ringergerüst, das seit 1984 beim Armeesportklub Vorwärts Potsdam gedient hatte.

[Wenn Sie aktuelle Nachrichten aus Berlin, Deutschland und der Welt live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräteherunterladen können]

Billert kann sich erinnern, dass Turnergeräte wir Barren, Sprungpferde, Reck- und Ringergerüste häufig innerhalb eines olympischen Zyklus angeschafft wurden, um ausreichend lange vor den nächsten olympischen Spielen vertraut mit den Eigenschaften der Geräte zu werden. Das Ringergerüst vom Hersteller Spieth Gymnastics, einem schwäbischen Traditionsunternehmen, das erstmals die olympischen Turnwettkämpfe 1956 in Melbourne ausstattete und an dessen Geräten die Weltelite bis heute turnt, stand vor seinem Umzug nach Potsdam im Trainingszentrum Kienbaum.

Ganze Turner-Generationen studierten hier ihre Pflicht und Kür ein.

Damals wie heute bereiten sich in Kienbaum deutsche Spitzenathleten auf internationale Wettkämpfe vor. Nach den Spielen 1984 in Los Angeles, an denen die DDR-Sportler wegen des Olympiaboykotts nicht teilnehmen konnten, wurde für die Vorbereitung der kommenden Spiele in Seoul das damals neue Ringergerüst in Kienbaum aufgestellt, das Vorgängermodell kam nach Potsdam. Mit glänzenden Folgen: Seinen Olympiasieg an den Ringen 1988 bereitete Holger Behrendt über Jahre akribisch an genau diesem Gerüst vor.

Nicht nur sein Trainingsschweiß klebt an den Holzringen. Ganze Turner-Generationen studierten an den Ringen in der Potsdamer Halle ihre Pflicht und Kür ein. Mit Erfolg: Neben Holger Behrendt gewannen Mitte und Ende der Achtzigerjahre Jörg Haase, Mario Reichert, Jörg Behrend und Enrico Ambros Weltmeisterschaftsmedaillen. Der letzte Weltmeister aus der Potsdamer Turnergilde ist Ralf Büchner, der 1991 in Indianapolis Gold am Reck gewann.

Am Potsdamer Luftschiffhafen trainierte Holger Behrendt einst für Olympia. Jetzt hat die Halle ausgedient.Foto: Imago

Tobias Billert konnte nicht zuzusehen, wie das alte Ringergerüst einfach entsorgt werden sollte. Schon jetzt erzählen in seiner Potsdamer Physiotherapiepraxis alte Turnbänke, von erfolgreichen Turnern signierte Reckriemen, Sprossenwände ein Stück Sportgeschichte. Er erkundigte sich beim Märkischen Turnerbund, was mit dem Ringegerüst werden soll. „Es wollte keiner haben“, sagt Billert, „es wäre auf dem Müll gelandet.“

Gegen eine Spende kaufte er dem Turnerbund das Gerät ab. Doch passen sechs Meter Höhe und 2,80 Meter Breite in keine Praxis und so kam Billert auf die Idee, dem „Kunstturnen“ eine neue Bedeutung zu geben. Er beauftragte den Berliner Skulpturen- und Faltkünstler Florian Neufeldt, das Sportgerät in ein Kunstobjekt umzuwandeln.

Mit Papierfaltungen und 3-D-Zeichnungen tüftelt der Berliner derzeit an Ideen. „Die Grundmerkmale des Gerüstes sollen erkennbar bleiben“, sagt Neufeldt. Die nicht alltägliche Form und Dimension empfinde er als Herausforderung.

Er lasse sich Zeit, die Möglichkeiten zu durchdenken. „Man muss den richtigen Moment treffen“, sagt Neufeldt. Billert versteht das und ist keineswegs ungeduldig: „Das ist wie beim Turnen, es braucht seine Zeit, ehe es nach Kunst aussieht.“

Wo das künstlerisch komprimierte Ringegerüst einmal seinen Platz findet, ist noch offen. Natürlich würde es Tobias Billert großartig finden, wenn es in der neuen Turnerhalle zu sehen sein könnte. Aber er ist sich mit Künstler Neufeldt einig, dass es passen muss. Für Tobias Billert war die Rettung des alten Sportgerätes eine Plicht, einen Platz dafür zu finden, ist nun die Kür.