Die rechte Liebe zur Literatur

Man kennt das Setting aus vielen Fernsehsendungen und Videoblogs, es strahlt den Eindruck von Seriosität, Kompetenz und einer gewissen Feierabendgemütlichkeit aus. Der Hintergrund ist gefüllt mit Büchern, eng an eng aufgereiht in übervollen Regalen und schummerig beleuchtet. Davor sitzen zwei Moderatorinnen, zwischen ihnen wechselnde Gastkritiker. Das Format, das bei Youtube aufgerufen werden kann, heißt „Aufgeblättert. Zugeschlagen – Mit Rechten lesen“. Die Moderatorinnen sind die Buchhändlerin Susanne Dagen und die Publizistin Ellen Kositza. Im Vorspann wird sanfte Klaviermusik eingespielt.

„Was uns in allererster Linie verbindet, ist die Liebe zur schönen Literatur“, sagt Dagen zu Beginn der ersten Folge, die vor zwei Jahren aufgezeichnet wurde, über ihr Verhältnis zu Kositza. Als ästhetisches Vorbild für ihre Talkshow dient offensichtlich die legendäre ZDF-Sendung „Das literarische Quartett“, die in der Ära ihres Gastgebers Marcel Reich-Ranicki zu einer Instanz der Literaturkritik aufgestiegen war.

Wie einst bei Reich-Ranicki halten die Teilnehmer zwischendurch die Bücher, über die sie sprechen, in die Kamera und prosten einander mit Weingläsern zu. Nur dass sie hier, wie schon der bekenntnishafte Titel zeigt, eben rechts sind. Genauer gesagt: sehr weit rechts. Das gibt auch Susanne Dagen unverblümt zu: „Da sitzen zwei rechte Tanten mit einem Gast und reden über Bücher“, erklärte sie freimütig gegenüber der „Sächsischen Zeitung“.

Monika Maron war selbst unglücklich mit dem Label „Exil“

Über Susanne Dagen und ihren Buchladen in Dresden-Loschwitz ist in den letzten Tagen erregt gestritten worden. Auslöser war, dass sich der S. Fischer Verlag von seiner langjährigen Autorin Monika Maron getrennt hat, bei dem in den letzten vierzig Jahren alle ihre Werke erschienen sind. Alle, bis auf eines. Der Essayband „Krumme Gestalten, vom Wind gebissen“ kam in diesem Frühjahr in der Edition BuchHaus Loschwitz heraus, in einer Reihe mit dem Titel „Exil“.

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In einem Brief an die Autorinnen und Autoren verteidigte Fischer-Verlegerin Siv Bublitz ihre Ankündigung, keine Bücher von Maron mehr drucken zu wollen: „Die Gründe liegen in ihrer Entscheidung, Essays in der Reihe ,Exil’ des Buchhauses Loschwitz zu veröffentlichen, und in der Unmöglichkeit, darüber mit ihr ins Gespräch zu kommen.“

Monika Maron war selbst unglücklich mit dem Label „Exil“, wie sie in einem Interview sagte. Schließlich sei ja keiner der Autoren im Exil. Aber warum hat sie dann in dieser Reihe veröffentlicht? Die Bezeichnung „Exil“ passt in die auch von AfD verbreitete Unterstellung, dass die Bundesrepublik im Grunde nichts anderes als eine Fortsetzung der DDR sei. In dieser Erzählung macht ein „Mainstream“ aus Politik und Medien abweichende Meinungen mundtot und zwingt ihre Vertreter in ein inneres Exil.

Martin Sellner (l.), Galionsfigur der Identitären gemeinsam mit Markus Frohnmaier, Chef der Jungen Alternative.Foto: Maria Fiedler

Vordergründig eine engagierte und kulturinteressierte Bürgerin

Seit zwanzig Jahren stellt Maron ihre Bücher in Dagens Geschäft vor, beide duzen sich. Dagen sei eine „alte Freundin“ und keineswegs rechts, sondern eine „Oppositionelle“. Aber gegen wen oder was opponiert die Dresdner Buchhändlerin genau? Und zusammen mit wem? Vielleicht hilft es, sich das Umfeld von „Mit Rechten lesen“ etwas genauer anzuschauen, um Antworten zu finden.

Seit 1995 betreibt die heute 48-Jährige mit ihrem Lebenspartner Michael Bormann das „BuchHaus“ in Loschwitz. 2015 und 2016 gewannen sie den Deutschen Buchhandlungspreis in der Kategorie „Besonders herausragende Buchhandlungen“. Dagen sitzt für die Freien Wähler im Dresdner Stadtrat – vordergründig also eine engagierte und kulturinteressierte Bürgerin. Als es auf der Frankfurter Buchmesse 2017 zu Störaktionen am Stand des rechten Antaios-Verlages kam, initiierte Dagen die „Charta 2017“. Darin schreibt sie, dass „unsere Gesellschaft nicht mehr weit von einer Gesinnungsdiktatur entfernt“ sei. Auch der Schriftsteller Uwe Tellkamp unterschrieb damals. „Man hat mich politisch gemacht”, wird Dagen später sagen.

Ab 2018 saß sie im Kuratorium der AfD-nahen Desiderius-Erasmus-Stiftung. Dem Magazin „Compact“ gab sie ein Interview, eine Publikation, die durch den Verfassungsschutz unter Beobachtung steht, da die Verantwortlichen Verbindungen zu „eindeutig rechtsextremistischen Bestrebungen“ unterhalten. Für den Verein „Ein Prozent für unser Land“, bei dem der Verfassungsschutz „ernstzunehmende Anhaltspunkte“ für verfassungsfeindliche Bestrebungen sieht, stellte sie sich vor die Kamera. Das Kürzel „Ein Prozent“ steht für den Versuch, einen Prozent der Deutschen zu mobilisieren, um die Gesellschaft weit nach rechts zu verschieben. Dagen selbst, das zeigt ihre Biografie, tat das bereits, sie hat sich in den letzten Jahren radikalisiert.

Auch Rechtsextremist Martin Sellner war zu Gast

Ellen Kositza, Dagens Co-Moderatorin bei „Mit Rechten lesen“, hat für die „Junge Freiheit“ geschrieben und ist Redakteurin der Zeitschrift „Sezession“. Sie erscheint im Verlag ihres Ehemanns Götz Kubitschek, dem zentralen Stichwortgeber und Taktiker der Neuen Rechten, dessen Thinktank „Institut für Staatspolitik“ vom Verfassungsschutz als rechtsextremer Verdachtsfall eingestuft wird. Gemeinsam wohnen die Eheleute im sachsen-anhaltinischen Schnellroda, wo Kubitschek regelmäßig die Führungselite der AfD und Mitglieder der Identitären Bewegung empfängt.

Einer von ihnen ist Martin Sellner, der im Juli diesen Jahres bei „Aufgeblättert. Zugeschlagen“ war. Allerdings nicht unter seinem echten Namen, sondern unter dem Pseudonym „Robert Wagner“. Er ist der Kopf der extrem rechten Identitären Bewegung in Österreich. In der Sendung wurde der Rechtsextremist als “österreichischer Literaturpapst” vorgestellt, als sei er der quasi amtliche Reich-Ranicki-Nachfolger. Ein schlechter Witz oder purer Zynismus? Nach der Aufzeichnung nahm er nach Informationen der „Sächsischen Zeitung“ an der Pegida-Kundgebung in Dresden teil. Sellner stand in der Vergangenheit unter anderem mit Brenton Tarrant in Kontakt, dem rechtsterroristischen Attentäter, der im März 2019 im neuseeländischen Christchurch bei Angriffen auf zwei Moscheen 51 Menschen tötete.

Schon 2006 geriet Sellner in den Fokus von Strafbehörden, weil er Aufkleber mit Hakenkreuzen an der Synagoge im niederösterreichischen Baden anbrachte. Heute verbreitet er die Verschwörungstheorie des „Großen Austausches“ und spricht von „der Austrocknung, Unterminierung und Isolierung der herkömmlichen Mainstreammedien“. Der österreichische Verfassungsschutz stufte Sellner als „dringend tatverdächtig“ ein, „Mitglied eines bis dato nicht näher verifizierbaren international agierenden terroristischen Netzwerks zu sein“. Twitter, Instagram, Facebook und Youtube sperrten seine Konten. Doch bei Dagen und Kositza bekam er eine Plattform.

Die Schriftstellerin Monika Maron.Foto: dpa

Die Sichtweise von S. Fischer lässt sich nachvollziehen

„Ich möchte eine Normalisierung im Umgang, auch in Bezug auf Leute wie Sellner“, zitiert der „Spiegel“ Susanne Dagen. „Dass ich eine Freundin von Ellen Kositza bin und Ellen Kositza die Frau von Götz Kubitschek ist und der den Antaios-Verlag und das Institut für Staatspolitik führt. Das sei ja alles so wahnsinnig rechts. Es ist vielleicht rechts. Aber nicht so, dass es eine Grenze überschreitet“, sagte sie der „Zeit“.

Sicher, die Meinungen, die Menschen wie sie, Kositza und Sellner von sich geben, mögen schwer erträglich sein – aber sie bewegen sich zumindest in der Öffentlichkeit im Rahmen der verfassungsgemäß zugesicherten Meinungsfreiheit. Doch wer die Grenzen des Diskurses immer weiter nach rechts verschiebt, kann sie nicht mehr überschreiten. Zur Meinungsfreiheit gehört deshalb auch, sich diesen Versuchen in den Weg stellen zu dürfen. Und dass ein Verlag sich dafür entscheidet, nicht mehr mit einer Schriftstellerin zusammenzuarbeiten, die sich in diesem Umfeld bewegt. Es mag traurig sein, dass Monika Maron ihre verlegerische Heimat verloren hat. Aber die Sichtweise von S. Fischer lässt sich nachvollziehen.

Das erste Buch, das in „Mit Rechten lesen“ besprochen wurde, war Marons Roman „Munin oder Chaos im Kopf“. Vorgestellt hat ihn Caroline Sommerfeld. Die promovierte Philosophin hat über ihre Ehe mit Kulturwissenschaftler Helmut Lethen im Antaios-Verlag das Traktat „Mit Linken leben“ veröffentlicht. Von Marons Buch ist sie in der Diskussion begeistert, besonders von der „Anthropologie“ wonach der Mensch „nicht zum Frieden geschaffen“ sei. Kositza lobt Maron als „Pegida-Versteherin“, die sich nicht scheue, „die Dinge beim Namen zu nennen“. Zum Beispiel bei Themen wie Flüchtlingsströmen, „Genderscheiße oder Sprachverhunzung“. Manchmal werden die Begriffe derb in dieser Talkshow.