Die Olympischen Spiele werden exklusiv

Everen Brown hat mit seinen 60 Jahren schon viele Winkel auf dieser Erde gesehen. Das liegt auch daran, dass der US-Amerikaner wohl einer der größten Fans der Olympischen Bewegung ist. Brown besuchte die Olympischen Spiele bereits 15 Mal. Auch dieses Jahr wollte er in Tokio dabei sein. Am Samstag aber traf ihn eine Nachricht nicht völlig unerwartet, aber ein Schock war sie trotzdem für ihn: Ausländische Zuschauer sind in Tokio bei den Sommerspielen und auch den anschließenden Paralympics wegen der Coronavirus-Pandemie nicht zugelassen.

Der Superfan Brown hatte für sich und seinen Neffen sage und schreibe 8600 Dollar für unzählige Tickets in unzähligen Wettbewerben für die Spiele in Tokio ausgegeben. Er wolle schnell sein Geld zurückhaben und könnte auf Gebühren von 1200 Dollar sitzenbleiben, sagte er der „New York Times“. „Es wird wirklich schmerzhaft sein, sich das dann zu Hause vor dem Fernseher anzusehen und zu wissen, dass sie mein Geld haben und nicht zu wissen, wann ich es wieder zurückbekomme“, wird er zitiert.

Die Entscheidung, keine ausländischen Fans zuzulassen, ist nicht nur für die potenziellen Besucher leidvoll. Sie ist es auch für alle anderen Beteiligten, für die japanischen Organisatoren und das Internationale Olympische Komitee (IOC), die dadurch große Verluste machen werden, und nicht zuletzt für die Athleten. Vor allem aber ist die Entscheidung nur folgerichtig.

Die Pandemie, so viel ist sicher, wird auch im Sommer dieses Jahres längst nicht vorbei sein. Nicht nur in Europa, auch in vielen Ländern auf anderen Kontinent ist das Impftempo sehr langsam. In Japan zum Beispiel wurden erst vor wenigen Tagen die ersten Impfungen verabreicht. Bis zum 23. Juli, dem Beginn der Olympischen Spiele, wird die Bevölkerung (rund 128 Millionen Einwohner) nicht annähernd durchgeimpft sein.

Das dürfte auch der Grund für die großen Vorbehalte der Japaner gegen die Austragung der Spiele im Sommer sein. Umfragen zufolge lehnen 80 Prozent der Japaner die Olympischen Spiele und die Paralympics ab.

Verärgert sind die Bürger des Landes schon seit Wochen, weil die Regierung Japans seit Dezember vergangenen Jahres kaum noch Personen aus dem Ausland einreisen lässt. Größtenteils nicht einmal Einheimische, die im Ausland arbeiten oder studieren. Die in Berlin lebende Japanerin Yu Kajikawa erzählte dem Tagesspiegel vor wenigen Wochen, dass sie nicht einmal zur Beerdigung ihres Vaters nach Tokio reisen durfte. Das Einreise-Verbot für ausländische Olympia-Fans ist auch eine Reaktion auf das große Unverständnis in der Bevölkerung. Doch den meisten Japanern geht das nicht weit genug. Sie wollen, dass die Spiele abgesagt werden.

Die Veranstalter denken aber trotz der Olympia-Missstimmung in Japan und in vielen anderen Ländern nicht daran, das Riesen-Event abzusagen. Die Organisationschefin Seiko Hashimoto sagte am Samstag, dass die fehlenden ausländischen Zuschauer die Olympischen Spiele nicht kaputtmachen würden. „Die Spiele werden sich komplett von denen aus der Vergangenheit unterscheiden, aber im Kern werden sie die gleichen sein“, sagte sie. „Die Athleten werden alles geben und mit ihren herausragenden Leistungen andere Menschen inspirieren.“

Doch auch in Athletenkreisen schwindet die Lust auf Olympia mehr und mehr. Das liegt zum einen an den strengen Reglementierungen, die vorgesehen sind. Die Sportlerinnen und Sportler sollen sich in zeitlich engen Korridoren am besten nur von Unterkunft zu Wettkampfort und wieder zurück bewegen. Auch soll der Aufenthalt der Athleten anders als sonst bei Olympischen Spielen lediglich auf die Zeit des Wettkampfs beschränkt sein. Das viel beschworene olympische Flair wird es in Tokio nicht geben. Zum anderen haben jüngst internationale Sportveranstaltungen wie die Hallen-EM der Leichtathleten in Polen und der Fecht-Weltcup in Ungarn gezeigt, dass sich das Virus trotz strenger Maßnahmen nicht eindämmen lässt. Bei beiden Veranstaltungen hatten sich viele Sportler mit dem Coronavirus infiziert.

So stellt sich die Frage, welchen Sinn es macht, dass Olympia und Paralympics stattfinden sollen. Klar dagegen ist der überwältigende Teil der Bevölkerung des Ausrichterlandes und das sollte als Begründung für eine Absage schon reichen. Und darüber hinaus ist die Zusammenkunft vieler Menschen für das Virus ein schöner Nährboden.

Sicherheit habe oberste Priorität, begründete IOC-Präsident Thomas Bach am Samstag die Entscheidung, keine ausländischen Fans zuzulassen. Würde der Deutsche den Satz wirklich ernst nehmen, bliebe ihm nur eine Wahl.