Die Noten des Despoten

Eines Nachmittags laden Hans Castorp und sein Vetter eine Mitpatientin des Sanatoriums „Berghof“ ins Bioskop-Theater ein. Am Film finden sie wenig Gefallen: „Es war eine aufgeregte Liebes- und Mordgeschichte, die sie sahen, stumm sich abhaspelnd am Hofe eines orientalischen Despoten, gejagte Vorgänge voll Pracht und Nacktheit, voll Herrscherbrunst und religiöser Wut der Unterwürfigkeit, voll Grausamkeit, Begierde, tödlicher Lust“. Den Stoff zu der Bioskop-Episode im „Zauberberg“ verdankte Thomas Mann einem am 24. September 1920 im Tagebuch erwähnten Kinoabend: „Abends mit P. im Lichtspieltheater am Sendlingerthor: Sumurun. Ziemlich abgestoßen, übrigens müde.“

Der Roman spielt vor dem Ersten Weltkrieg, da war – dichterische Freiheit – dieser Film noch nicht gedreht. Erst am 1. September 1920 hatte das unter der Regie von Ernst Lubitsch in den Ufa-Union-Ateliers in Tempelhof entstandene „Orientalische Spiel in 6 Akten“ Premiere. Von der Presse war der Film, mit Stars wie Pola Negri, Paul Wegener und Lubitsch selbst, teilweise enthusiastisch gefeiert worden. Thomas Mann vermochte diese Begeisterung nicht zu teilen.

Will man sich heute selbst ein Urteil über „Sumurun“ bilden, genügt die Suche im Internet, wo man bei YouTube sogar eine im Auftrag der Friedrich Wilhelm Murnau Stiftung restaurierte Fassung findet – allerdings nicht mit der originalen Musik von Victor Hollaender, die im „Zauberberg“ ebenfalls nicht gut wegkommt: Die Handlung laufe ab „zu einer kleinen Musik, die ihre gegenwärtige Zeitgliederung auf die Erscheinungsflucht der Vergangenheit anwandte und bei beschränkten Mitteln alle Register der Feierlichkeit und des Pompes, der Leidenschaft, Wildheit und girrenden Sinnlichkeit zu ziehen wusste“.

2018 wurde ein neuer Soundtrack komponiert

Als Ersatz für diese „kleine Musik“, dier als verschollen galt, entstanden Neukompositionen etwa von Javier Pérez de Azpeitia, Aljoscha Zimmermann, Edward Rolf Boensnes oder auch der Gruppe Trioglycerin, vorgestellt bei den Ufa-Filmnächten 2018 auf der Berliner Museumsinsel. Doch nun liegt zumindest der Klavierauszug des bei der Premiere orchestral aufgeführten Originals vor, wiederentdeckt von Burkhard Götze, dem Dirigenten und künstlerischen Leiter des auf Stummfilme spezialisierten Metropolis Orchesters Berlin.

Er hatte 2018 die „Sumurun“-Aufführung miterlebt, war fasziniert und begann, sich auf der Suche nach Hollaenders originalen Noten. Im Archiv der Berliner Akademie der Künste stieß er auf Bruchstücke zu der Pantomime „Sumurun“ von Friedrich Fresko, die Max Reinhardt 1910 am Deutschen Theater, mit Lubitsch in einer Nebenrolle, inszeniert und danach zu einem Film umgearbeitet hatte. Deren Musik stammte ebenfalls von Hollaender, sie wurde „einer meiner größten Erfolge nicht nur in Berlin, sondern im In- und Auslande“, wie er schrieb.

Dank der Tantiemen konnte er sich eine vom Architekten Oscar Kaufmann entworfene „herrliche Villa mit einem entzückenden Theaterraum nebst Bühne“ in Grunewald leisten (Mehr dazu in dem von Alan Lareau herausgegebenem Band „Victor Hollaender. Revue meines Lebens“. Hentrich & Hentrich, Leipzig. 272 Seiten, 29,90 Euro).

Das expressionistische Titelbild des Klavierauszugs.Foto: Universum Film

Die anfängliche Idee, aus dem mehr einem Potpourri gleichenden Klavierauszug zur Pantomime die Musik zum Lubitsch-Film zu rekonstruieren, verwarf Götze. Es wäre „reine Spekulation“. Ein Zufall half ihm weiter. Er sprach mit einer befreundeten Stummfilmmusikerin, diese erinnerte sich, dass ihr nach einer „Sumurun“-Aufführung von einem älteren Besucher Noten zugesteckt worden seien.

Die erwiesen sich als der Originalklavierauszug zu Lubitschs Film, gedruckt in einer vom „Verlag der Universum Film Aktiengesellschaft Berlin“, also der Ufa herausgegebenen Publikation. Offenbar waren sie dazu gedacht, den Kinobetreibern eine Handhabe zur musikalische Präsentation von „Sumurun“ zu geben.

Eigene Kompositionen waren zur Zeit der Entstehung des Lubitsch-Films noch nicht selbstverständlich. Die Musiker boten in der Regel ein mehr oder weniger passendes Sammelsurium bekannter Melodien. Auch war noch unklar, wie eine eigenständige Filmmusik auszusehen habe. Hollaender jedenfalls widersprach der Ansicht, „dass die Musik jeden wichtigen Einschnitt, jede Bewegung illustrieren“ müsse.

Wegen nachträglicher Schnitte oder dem mal schneller, mal langsamer kurbelndem Vorführer sei dies unmöglich. Bei der Komposition der „Sumurun“-Musik sei er „zu dem Schluss gelangt, dass die Musik zunächst nur die allgemeine Stimmung des Films untermalen kann; sie kann Stimmungswechsel wiedergeben, darf sich aber keineswegs in Details verlieren.“

Jetzt müsste der Klavierauszug neu instrumentiert werden

Als Komponist der leichten Muse war Victor Hollaender, Vater des heute berühmteren Friedrich, ein in der Berliner Operetten- und Revueszene fest etablierter Mann. Noch heute kennen viele sein 1902 komponiertes, später von Peter Alexander gesungenes Lied „Die Kirschen in Nachbars Garten“.

Die Musik zu „Sumurun“ zeugt für Burkhard Götze von Hollaenders melodischem Erfindungsreichtum. Es ist eine auf Leitmotive für die Protagonisten setzende Komposition, freilich nicht frei von „klischeehaften Orientalismen“, getreu dem damaligen Zeitgeschmack.

Angaben zur Instrumentierung fehlen im Klavierauszug, man müsse also vor einer vor einer Aufführung ganz neu instrumentieren, geleitet von der bekannten Musik Hollaenders. Nicht einfach werde auch die Synchronisierung von Musik und Film, da es nur wenige Angaben wie „Buckel geht ins Innere des Wagens“ gebe. Doch sei die Musik in klare Abschnitte eingeteilt, die den Szenen entsprechen dürften, gibt Götze sich optimistisch. Sein Wunsch: eine erneute Restaurierung des Films auf Grundlage der Musik und eine Premiere der beiden endlich wiedervereinten Teile zu Ernst Lubitschs 130. Geburtstag. Dafür ist noch ziemlich genau ein Jahr Zeit. Andreas Conrad