Die Nationalmannschaft gewinnt 2:1 in der Ukraine

Joachim Löw reagierte angemessen zurückhalten. Denn so kurios, wie das Tor gefallen war, verboten sich triumphierende Gesten. Den Treffer für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft hatten die Ukrainer quasi selbst erzielt. Torhüter Georgi Buschtschan hatte den Ball durch seine Hände flutschen lassen, genau auf den Kopf von Leon Goretzka, der fast gar nichts mehr machen musste, um das 2:0 zu erzielen. Löw erhob sich kurz aus seinem Sitz und ballte die Fäuste.

In diesem Moment, fünf Minuten nach Beginn der zweiten Halbzeit, durfte der Bundestrainer die berechtigte Hoffnung haben, dass die schwarze Serie endlich ihr Ende finden würde; dass seine Mannschaft in ihrem siebten Spiel in der Nations League endlich den ersten Sieg und nach drei Unentschieden in diesem Jahr überhaupt mal wieder einen Erfolg würde feiern können. So kam es auch. 2:1 (1:0) hieß es am Ende für die Deutschen gegen einen letztlich kaum satisfaktionsfähigen Gegner – auch wenn es in der Schlussphase noch einmal unnötig spannend wurde.

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Nach dem Testspiel gegen die Türkei hatte Löw, wie erwartet, größere Umbauarbeiten an seiner Mannschaft vorgenommen. Aus der Startelf vom Mittwoch blieben nur Antonio Rüdiger und Julian Draxler verschont; gleich fünf Spieler des FC Bayern München rückten dafür in die Anfangsformation.

Aber auch für diese Besetzung war es eine knifflige Aufgabe, die das ukrainische Team den Deutschen stellte. Vor 17.573 Zuschauern in Kiew zog sich die Mannschaft von Trainer Andrej Schewtschenko weit zurück. Die Ukrainer hatten zwar neun ihrer jüngsten zehn Heimspiele gewonnen. Am Samstagabend aber hatten sie, durch Verletzungen und Coronainfektionen personell arg gebeutelt, wenig Interesse, spielgestaltend tätig zu werden. Der Plan war: strukturiert verteidigen und nach Ballgewinnen schnell umschalten.

Teil eins funktionierte recht gut, Teil zwei weit weniger, obwohl die Deutschen den Gastgebern mit schlampigem Spielaufbau und vermeidbaren Ballverlusten immer wieder die Chance zum Umschalten eröffneten. “Wir haben nicht die Sterne vom Himmel gespielt”, sagte Innenverteidiger Matthias Ginter. “Das war nicht unser bestes Spiel heute.” Richtig geprüft aber wurde Manuel Neuer im Tor der Nationalmannschaft vor der Pause nicht.

Für die Deutschen war es eine Geduldsprüfung

Für seine Kollegen im Feld war das Spiel vor allem eine Geduldsprüfung. Abgesehen von einem Schuss von Serge Gnabry, mit dem Torhüter Buschtschan wenig Mühe hatte, suchten die Deutschen lange vergeblich nach einer Lücke in dem schwer zu durchdringenden Gitternetz, das die Ukrainer vor ihrem Strafraum ausgelegt hatten. Insofern war es keine Überraschung, dass die für die Gäste nach einer kurz ausgeführten Ecke fiel.

Innenverteidiger Antonio Rüdiger betätigte sich in der Vorbereitung als Rechtsaußen, brachte den Ball perfekt in die Mitte, wo sein Abwehrkollege Ginter in Mittelstürmerposition zum 1:0 traf (20. Minute). Für den Gladbacher war es im 32. Länderspiel das zweite Tor.

Bis zur Pause kamen die Deutschen auf drei Viertel Ballbesitz – und nach der Führung auch zu etwas mehr Gelegenheiten als in der Anfangsphase. Joshua Kimmich scheiterte mit einem Distanzschuss an Torhüter Buschtschan, der auch kurz drauf glänzend reagierte und einen platzierten Kopfball von Gnabry gerade noch um den Pfosten lenkte.

Die Deutschen machten es noch einmal spannend

Trotz der Dominanz der Deutschen war es vor der Pause kein Auftritt, der das zuletzt eher zurückhaltende Publikum in helle Begeisterung versetzt hatte. Das Bemühen um Seriosität war zu erkennen, die letzte Liebe fürs Detail aber fehlte oft. “So viele Fehler in dieser Häufung sieht man bei einer deutschen Nationalmannschaft selten”, sagte Ginter.

Trotzdem sah es zu Beginn der zweiten Hälfte danach aus, als würden die Deutschen die Sache unaufgeregt zu Ende bringen – vor allem nachdem Buschtschan eine harmlose Flanke von Lukas Klostermann nicht zu packen bekommen und damit Goretzka das 2:0 ermöglicht hatte.

Der erste Länderspielsieg der Deutschen in der Ukraine überhaupt schien im Anschluss nur noch ein Verwaltungsakt zu sein. Aber Niklas Süle brachte den Gegner noch einmal zurück ins Spiel. Mit einer Grätsche im eigenen Strafraum verursachte er eine Viertelstunde vor Schluss einen Foulelfmeter. Ruslan Malinowskij verwandelte sicher zum Anschlusstreffer. “Der Elfmeter war unnötig”, sagte Joachim Löw.

So spielte die deutsche Nationalmannschaft auch im fünften Spiel hintereinander nicht zu null. Aber angesichts der Tatsache, dass seine Mannschaft den knappen Vorsprung diesmal tatsächlich sicher ins Ziel brachte, dürfte dem Bundestrainer das einigermaßen egal gewesen sein. (Tsp)