Die Nationalmannschaft braucht mehr Wucht im Sturm

Kurz vor Schluss ergab sich noch einmal eine Kontergelegenheit, die dazu geeignet schien, die letzten Zweifel am Sieg der deutschen Fußball-Nationalmannschaft endgültig zu beseitigen. Die Chance resultierte zwar auf einem profanen Befreiungsschlag, aber mit dem langen Ball wurde die komplette Defensive der Rumänen überspielt. Dummerweise suchte der potenzielle Adressat des Passes nicht etwa den Weg in die Tiefe; Leroy Sané trottete gemächlich Richtung eigener Hälfte zurück, weil er es sich zuvor im Abseits gemütlich gemacht hatte.

Die Szene stand fast sinnbildlich für das Offensivspiel der Nationalmannschaft beim 1:0 (1:0)-Erfolg in Bukarest. Ansätze waren beim zweiten Sieg der Deutschen im zweiten Qualifikationsspiel zur WM in Katar durchaus vorhanden, aber das Team von Bundestrainer Joachim Löw brachte es nicht entschlossen zu Ende. „Die Coolness, die Cleverness, vielleicht auch der letzte Wille“ hätten gefehlt, klagte Kapitän Manuel Neuer.

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Diese Diagnose ist nicht völlig neu – und durchaus systemischer Natur. Joachim Löw verfügt für den Sturm über hohe technische Qualität. Auch gegen Rumänien besetzte er die offensive Dreierreihe mit nachweislich feinen Fußballern. Aber den entschlossenen Abschlussspieler besitzt der Bundestrainer eben nicht. Er besitzt ihn auch deshalb nicht, weil die Bundesliga ihn weiterhin nicht im Repertoire führt. Bis zum Sechzehner fand Löw den Auftritt seiner Mannschaft sehr flüssig, in der letzten Aktion aber hätten die Stürmer „konzentrierter, eiskälter“ sein müssen, sagte er. „Wenn man etwas kritisieren kann, dann ist es die Chancenverwertung.“

Achtzehn Torschüsse wurden für die Deutschen in Bukarest gezählt, aber nur ein Tor, das Serge Gnabry nach einer Viertelstunde auf Vorarbeit von Kai Havertz erzielte. Gnabry, der nun auf beachbeachtliche 15 Treffer in 19 Länderspielen kommt, hatte in der Folge ebenso weitere Chancen wie seine Sturmkollegen Havertz und Sané. Aber alle vergaben, mal mehr, mal weniger fahrlässig.

Leroy Sané und die gefährliche Nonchalance

Der Münchner Sané erinnerte mit seiner Nonchalance fatal an die WM-Vorbereitung 2018, die ihn letztlich die Teilnahme an der Weltmeisterschaft in Russland gekostet hatte. Als er Mitte der zweiten Hälfte gegen die Rumänen eine große Chance ausließ, suhlte er sich anschließend demonstrativ in Selbstmitleid, anstatt dem Ball entschlossen nachzujagen.

Wie schon drei Tage zuvor, beim 3:0-Erfolg gegen Island, hatte Löw in seinem 4-3-3-System Gnabry (zentral), Sané (links) und Havertz (rechts) als Angreifer aufgeboten. Timo Werner blieb erneut auf der Bank. Der 25-Jährige, im Sommer aus Leipzig zum FC Chelsea in die Premier League gewechselt, kommt den Vorstellungen eines Abschlussstürmers noch am nächsten, weil Werner anders als die Fummler Sané und Gnabry eine gewisse Geradlinigkeit in seinem Spiel hat. Aber der typische Brecher, der sich ausschließlich im Strafraum zu Hause fühlt, ist auch Werner nicht.

„Timo ist ein gefährlicher Spieler, wenn man ein bisschen Räume bekommt“, findet Löw. Mit seinem Tempo ist Werner für das Spiel in die Tiefe prädestiniert. Auch deshalb hat er im Nationalteam seit der WM 2018 vornehmlich auf der Außenbahn und nicht zentral gespielt. Der Platz in der Mitte war zuletzt für den Münchner Gnabry reserviert, der wiederum im Verein auf der Außenbahn spielt.

Kai Havertz hingegen ist eigentlich offensiver Mittelfeldspieler; in der Nationalmannschaft aber lief er jetzt zweimal im Sturm auf. Die Rolle der falschen Neun hat Havertz, Werners Teamkollege bei Chelsea, schon in seiner Zeit bei Bayer Leverkusen gelegentlich übernommen, die Position des Außenstürmers aber ist für ihn noch ungewohnt. Dafür erledigte er den Job sowohl gegen Island als auch gegen Rumänien durchaus anständig.

U-21-Trainer Kuntz lobt Lukas Nmecha

Eine gewisse Flexibilität im Angriff ist von Löw explizit gewünscht. Die drei Offensiven sind nicht auf ihre jeweilige Position fixiert, sondern genießen im Rahmen des Systems durchaus Freiheiten. „Alle drei Spieler können verschiedene Ebenen herstellen“, sagt der Bundestrainer über die Besetzung im Sturm. „Das müssen wir auch noch mehr optimieren.“

Nicht zuletzt, um die seit Jahren beklagte Lücke im Portfolio zu schließen. Schon vor der WM 2018 musste Löw improvisieren. Damals berief er zur allgemeinen Überraschung den Freiburger Nils Petersen zumindest in sein vorläufiges Aufgebot. Die Stelle des Mittelstürmers, die Miroslav Klose über fast anderthalb Jahrzehnte in der Nationalmannschaft besetzt hat, ist weiterhin vakant. Aber vielleicht liegt die Lösung näher, als viele denken.

Es gibt nämlich durchaus einen Mittelstürmer klassischen Zuschnitts, der bereits das deutsche Nationaltrikot trägt: in der U 21. Lukas Nmecha, gebürtiger Hamburger, aufgewachsen und fußballerisch sozialisiert in England, hat bei der gerade laufenden U-21-Europameisterschaft in beiden Gruppenspielen jeweils das wichtige erste Tor für die Deutschen erzielt. Nmecha, 1,85 Meter groß, 80 Kilogramm schwer, bringt die Dinge entschlossen und weitgehend unprätentiös zu Ende bringt, anstatt immer noch einen Kringel zu drehen.

Der 22 Jahre alte Stürmer, der aktuell von Manchester City an den RSC Anderlecht ausgeliehen ist, hat in seinen jüngsten zwölf Einsätzen für die U 21 zehn Tore erzielt. „Er hat sich bei uns als Topstürmer etabliert“, sagt Nationaltrainer Stefan Kuntz. „Mir gefällt seine Entwicklung, und die ist noch nicht zu Ende.“