Die Metamorphosen eines Künstlers

Ulrike Draesners erzählt in ihrem furiosem neuen Roman von Kurt Schwitters’ späten Jahren.




Die Berliner Schriftstellerin Ulrike Draesner verarbeitet in ihrem Schwitters-Buch auch eigene biografische Erfahrungen.Foto: Gerald Zörner/Gezett/Verlag

Mit der Konstruktion eines „Merzbaus“ wollte der Avantgardist Kurt Schwitters (1887-1948) einst den vollkommenen Fluchtpunkt seines Lebens erschaffen. Die „Kathedrale des erotischen Elends“, wie er sein absonderliches Bauwerk nannte, sollte zum privaten Refugium werden und zur Trutzburg gegen die Außenwelt.

Nach seiner Abkehr vom Dadaismus errichtete Schwitters ab 1920 seinen Merzbau in seiner Wohnung in Hannover als begehbare Skulptur, ein raffiniertes System aus Höhlen und Grotten und zugleich ein geometrisch sich auftürmendes Labyrinth, in dem nur der Erbauer selbst sich zu orientieren wusste. Sein Plan ging nicht auf, das Gesamtkunstwerk blieb unvollendet.

Nach Hitlers Machtergreifung verlor der bis dahin als Werbegrafiker und „Anna Blume“-Dichter erfolgreiche Schwitters alle Ankerpunkte seines Lebens. Im Winter 1936 flüchtete er in sein Sehnsuchtsland Norwegen.

An diesem Punkt setzt nun der fesselnde und virtuos erzählte Roman von Ulrike Draesner ein, der sich ausdrücklich nicht als „Künstlerroman“ versteht, sondern als exemplarische Geschichte über die vollkommene Entwurzelung eines Menschen, der den Boden unter den Füßen verliert und ins Exil geht, wo ihm seine alte Identität abhandenkommt und er fortan eine Existenz zwischen den Sprachen führen muss.

Ihr Romanheld Schwitters sei „zusammengeschustert, gefälscht von einer Frau“, vermerkt Draesner in ihrem Nachwort. Das ist nicht nur falsche Bescheidenheit, sondern auch ein lakonischer Hinweis auf ein Erzählverfahren, das bislang selten ausprobiert wurde. Eine Schriftstellerin lotet in demonstrativer Unterlaufung der Gender-Regel und ästhetisch exzessiv die existenziellen Zerreißproben eines Cis-Mannes aus der historischen Avantgarde aus.

Ein Meisterwerk der Recherche

Draesner ist aber nicht nur ein Meisterwerk der Schwitters-Recherche gelungen. Sie hat in die abenteuerliche Fluchtgeschichte des Merz-Architekten auch all jene Verwandlungserfahrungen eingeschrieben, die Künstlerinnen und Künstler durchlaufen, wenn sie zwischen die Sprachen geraten.

Besonders in den zweiten Teil des Romans, der Schwitters’ englische Jahre erzählt, hat Draesner, die einige Jahre in Oxford und London verbracht hat, auch eigene Erfahrungen des Weltenwechsels eingezeichnet. Nach seiner dramatischen Flucht entlang der norwegischen Küste konnte Schwitters mit seinem Sohn Ernst auf einem Eisbrecher nach England entkommen.

[Ulrike Draesner: Schwitters Roman. Penguin Verlag, München 2020 476 Seiten, 25 €.]

Dort wurde er 16 Monate interniert, wobei er die Zeit im Gefangenenlager auf der Isle of Man künstlerisch nutzte, indem er Porträts der ihn bewachenden Offiziere anfertigte und sich damit kommode Bedingungen im Lager verschaffte.

Nach seiner Entlassung lernte Schwitters in London die junge Engländerin Edith Thomas (genannt „Wantee“) kennen, mit der er im Lake District in Nordwesten Englands sein letztes Abenteuer begann. Von einem Schlaganfall und vorübergehender Erblindung geschwächt, arbeitete er dort an der „Merz Barn“, dem dritten und letzten Merzbau, der „größten Plastik seines Lebens“: „Switters, come on. You can do this. Switters ist der Mann, der ausschließlich Englisch spricht, englisches Wasser trinkt, englische Lust atmet. Kurts Gehirn benützt inzwischen beide Sprachen wie Schlitten. Sitzt auf dem einen, dem anderen. Bergab geht es jedes Mal.“

Der Roman erzählt vom Scheitern eines Liebeskonzepts

Ulrike Draesners Roman „Schwitters“ handelt aber nicht nur von den Metamorphosen der Kunst im Exil, sondern auch von den Metamorphosen der Liebe. Hier bewährt es sich, dass Draesner nicht ausschließlich aus der Perspektive des entwurzelten Exilanten erzählt, sondern im dritten Kapitel zum Beispiel die „Fraueneinsamkeit“ aus der Innenperspektive der zurückgelassenen Ehefrau Helma Schwitters schildert.

Der Plan des Ehepaars Schwitters sah ursprünglich vor, dass Helma so bald als möglich ihrem Kurt nach Norwegen folgt und bis dahin den Merzbau in Hannover verwaltet – und ihn dem Zugriff der Nazis entzieht.

Der Roman erzählt eindringlich vom Scheitern dieses Lebenskonzepts. Während der verfolgte Dichter sich nach England retten kann, muss Helma in Hannover etliche Hausdurchsuchungen seitens der Gestapo über sich ergehen lassen, bis sie erkrankt und 1944 an Krebs stirbt. Zu diesem Zeitpunkt ist der Merzbau bereits durch einen alliierten Luftangriff zerstört worden.

In England ist der gesundheitlich angeschlagene Schwitters derweil mit seinem letzten Lebensprojekt beschäftigt. Bereits während seiner Flucht lässt er alle avantgardistischen Größenfantasien hinter sich. Stattdessen betreibt er auf den diversen Flüchtlingsschiffen eine arte povera mit winzigen Objekten und entwickelt schließlich eine „Mäusekunst“ mit den zwei Nagetierchen, die ihn auf seiner Flucht begleiten.

Nach seinem Tod beginnt der branchenübliche Dauerstreit um die Verwaltung seines Nachlasses. Ein Stück der „Merz Barn“ wird 1965 präpariert und in eine Galerie in Newcastle geschafft. All diese unerwarteten Wendungen in Schwitters’ Biografie werden von Draesner in einer Art Doppeleinkreisung aufgezeichnet.

Es sind zwei äußerst unterschiedliche Romane entstanden

Sie hat den Roman zuerst auf Englisch geschrieben, dann auf Deutsch, ohne dass hier eine Hierarchie von „Original“ und „Übersetzung“ benannt werden könnte. Denn in der Abfolge der Episoden und der sprechenden Stimmen sind zwei äußerst unterschiedliche Romane entstanden.

Ein Roman über eine Figur der Zeitgeschichte läuft immer Gefahr, die biografischen Fakten mittels Legendenbildung und hagiografischer Aufladung zu einem großen Erzählkino auszupinseln. Ulrike Draesner ist es dank ihrer feinen Sprachempfindlichkeit gelungen, diese Geschichte eines deutschen Exilanten und seiner Sprach- und Weltenwechsel von jedweder Schwärmerei freizuhalten und das späte Leben von Kurt Schwitters in all seinen Brüchen und markanten Selbstwidersprüchen freizulegen.

Sie suspendiert das übliche Schema des biografischen Romans und schreibt sich in diesen mit ihren eigenen Erfahrungen eines zwischen die Sprachen gefallenen Künstlerinnenlebens selbst ein. Die epische Reanimierung von „Schwitters“ ist der grandiose Bericht über eine Verwandlung. Ein Künstler verliert seine Lebensfundamente und erfindet sich noch einmal neu. Seine „Kathedrale des erotischen Elends“ war am Ende nur noch eine Wand aus abgeschliffenen Steinen.