Die Maske ist die Botschaft

Maske auf, Gesicht weg. Die Stimme wird dumpf, die Brille beschlägt, was soll’s. Der Blick auf die Infektionszahlen genügt; die eigene Gesundheit und der Schutz der anderen ist einem die Unbill wert. Wir haben uns dran gewöhnt. Und gegen den Mief hat ein Hamburger Start-up gerade aromatisierte Schutzmasken entwickelt, mit eingenähten Teebeuteln.

Maske auf, Miene weg. Wohl dem, der mit den Augen lächeln kann. Wer bin ich, wie ist meine Laune? Die Mimik, die Signalwirkung verzogener Mundwinkel, die Grübchen, die zusammengebissenen Zähne, alles im harten Lockdown hinter dem Stoff. Manchmal erkennt man sich kaum. „Hallo, bist du’s?“, eine gängige Begrüßungsformel diesseits von Teams-Calls und Zoom-Konferenzen.

Maske auf, Message da. Der Kollege hat sich beim Herrenausstatter eingedeckt. Cooles Design, was Krawatten vermögen, können Gesichtstücher auch. Sie demonstrieren einen Habitus, den Individualstil.

Ton in Ton, Muster in Muster mit dem Kleid, dem Hemd oder zu besagter Krawatte, die Designermaske besagt: Ich raffe mich auf, ich bin ein Herr, eine Dame von Welt – auch wenn die Welt gerade auf die nähere Umgebung zusammengeschrumpft ist. Schluss mit der Verwahrlosung im Homeoffice!

Markus Söder mag es Blau-Weiß.Foto: dpa
Die Lage ist ernst: Kanzlerin Merkel zieht ein medizinisches Modell der Community-Maske vor.Foto: dpa

Längst wimmelt es auch von politischen Statements. Frankreichs eleganter Staatspräsident Emmanuel Macron trägt Nachtblau mit kleiner Trikolore im Eck. Europapolitiker mögen es leuchtend blau, mit den gelben Sternen im Kreis. Nicht nur Ursula von der Leyen tritt mit solcher Gesichtsbeflaggung auf, sie findet sich auch im Sortiment von Heiko Maas. Seit Kanzlerin Merkel kürzlich von sich reden machte, als ihre FFP-2-Maske eine zweifelhafte Prüfnummer aufwies, ist klar, dass Masken auch zu politischen Scharmützeln taugen. Eine Fälschung aus China?, fragten die Gazetten und spekulierten über einen Fauxpax auf internationalem Parkett. Dabei ist die Botschaft doch eine andere. Wenn die Kanzlerin der angenehmer zu tragenden Community-Maske ein medizinisches Modell vorzieht, trägt sie damit vor allem den Ernst der Lage zur Schau.

Gesichtsbeflaggun: Ursula von der Leyen bekennt sich, was sonst, zu Europa.Foto: picture alliance/dpa

Längst sind Masken zu Botschaftsträgern geworden. Zum Ausweis der Persönlichkeit, von Überzeugungen, Parteimitgliedschaft, der Zugehörigkeit zu einer Bewegung. Der Mund bleibt verborgen, aber den Mund lassen wir uns nicht verbieten. Farben und Forderungen, Wappen und Fahnen, Kunst, Parolen, Logos: Der Platz ist klein, aber es passt viel drauf auf so eine Maske. Und ist weithin sichtbar, besser als der Spruch auf dem T-Shirt. Von Markus Söders Bayern-Rauten über die Verdi – Streikmaske bis zu Slogans wie „Schutz – auch für Geflüchtete“ oder „Fuck the system“. Die Maske als Mini-Kundgebung.

Bei Gedenk- und Traueranlässen bevorzugt Frankreichs Präsident Macron schwarzen Stoff. Sonst mag er gern Dunkelblau mit diskreter…Foto: dpa

Argentiniens Präsident Alberto Fernandez ließ sich zu passender Gelegenheit die Falklandinseln auf seinen Mund-Nasen-Schutz drucken – eine politische Kampfansage an die Briten. Die Inselgruppe gehört zwar zu deren Überseegebiet, wird aber seit bald 150 Jahren auch von Argentinien beansprucht. Die Baseballer der „Washington Nationals“ ließen ihren symbolischen ersten Pitch in diesem Jahr von Anthony Fauci ausführen, dem wichtigsten Virologen der USA, um ihn als Champion der Covid-19-Pandemie zu ehren. Fauci trug dann im Gegenzug eine Fanmaske des Teams aus der Hauptstadt – die Maske als Ausweis der Allianz im Kampf gegen die schlechte Corona-Politik des Weißen Hauses.

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Das Joker’sche Grinsen, der grell geschminkte Clownsmund oder der Mund des Noch-nicht-Expräsidenten Trump: Auch die Spaßvarianten, die Karikaturen und Fratzen differenzieren sich aus. Am 11.11. um 11 Uhr 11 trug das Kölner Dreigestirn zur Eröffnung der Faschingssaison heiteres Rot-Grün. Das passte zwar zur Narrenkappe, blieb aber doch recht diskret. Kein Wunder, der nächste Karneval fällt weitgehend aus. Wer will da in Masken schwelgen.

Karneval wird mau: Das Kölner Dreigestirn am 11.11. trägt Masken passend zur Narrenkappe.Foto: dpa
Der wichtigste Virologe der USA, Anthony Fauci, ist Fan der Baseballmannschaft Washington Nationals.Foto: dpa

Manch einer druckt sich einfach ebenjenen Gesichtsausschnitt auf die Maske, den sie verbirgt. Original und Kopie, Anblick und Abbild, Signifikant und Signifikat – ein Fall für Linguistiker. Auch Künstler haben Gesichtstücher gestaltet, jeder nach seiner Façon. Jenny Holzer versieht eine weiße Baumwollmaske mit dem schnörkeligen Schreibschriftzug „Me You“, Raymond Pettibon lässt ein Kopffüßler-Strichmännchen nach Kräften husten, Barbara Kruger prägt konzeptualistisch die Worte „Sign“ und „Language“ in großen Lettern auf roten Grund.
Beredte Zeichen, ohne Kommunikation geht es nicht bei uns Menschen. Kaum bietet sich uns ein Sprachrohr, nutzen wir es. Zeige mir deine Maske, und ich sage dir, wer sich dahinter verbirgt. Mal sehen, ob sie als Botschafts- und Bildfläche den gesichtslosen babyblauen Wegwerf-Exemplaren weichen wird, sollte die Maske hier einmal zur Normalität werden wie seit Jahren in vielen asiatischen Ländern.