Die Kindheit ist lang und schmal wie ein Sarg

Als die dänische Schriftstellerin Tove Ditlevsen sich Mitte der sechziger Jahre an ihre Kindheit erinnert, ist sie weit davon entfernt, diese als ein Paradies zu bezeichnen. Ganz im Gegenteil: „Dunkel ist die Kindheit, und sie winselt wie ein kleines Tier, das man in einen Keller gesperrt und vergessen hat.“ Oder: „Die Kindheit ist lang und schmal wie ein Sarg, aus dem man sich nicht allein befreien kann.“ 

1917 in Kopenhagens Arbeiterviertel Vesterbro geboren, gehört Ditlevsen zu dem Zeitpunkt, an dem sie an ihrem Kindheitsbuch schreibt, schon lange zu den gefeiertsten, bekanntesten Schriftstellerinnen und Schriftstellern Dänemarks, nach einem bis dato wechselvollen, schwierigen Leben mit zwei Schwangerschaftsabbrüchen, vier Ehen und jahrelanger Drogenabhängigkeit.

Von früh an den größten Halt verschafft ihr das Schreiben, gegen alle Widerstände des Milieus, dem sie entstammt: von den Gedichten, die sie als Mädchen in ihr Poesiealbum einträgt, über ihre Lyrikdebütsammlung, die 1939 erscheint, bis zu ihrem ersten, 1941 veröffentlichten Roman, der sich auch schon um eine beschädigte Kindheit dreht: „Auf irgendeine Weise handelt das Buch von mir, obwohl ich nichts von dem erlebt habe, was meinen Figuren widerfährt“. 

Im Original sind die Bücher von 1967 und 1971

Die drei schmalen Bücher von Tove Ditlevsen, die dieser Tage auf Deutsch erschienen sind – „Kopenhagener Trilogie“ nennt sie der Verlag – handeln ganz explizit von ihrem Leben. Das zeigen allein die Titel an: „Kindheit“, „Jugend“, „Abhängigkeit“. In Dänemark wurden die Bände 1967 und 1971 veröffentlicht, und zumindest den letzten Band hat es schon einmal in einer deutschen Übersetzung 1980 beim Suhrkamp Verlag gegeben, wie einige andere Bücher von ihr, ohne dass diese hierzulande auf größeren Widerhall gestoßen wären.

Das ist jetzt anders. Denn für die Art des autobiografischen Schreibens, der autofiktionalen Literatur, für die Tove Ditlevsen letztendlich mit ihrem gesamten Werk steht, sind andere Autorinnen und Autoren in jüngster Zeit sehr gerühmt und Literaturstars geworden, man denke an Karl Ove Knausgård oder Annie Ernaux, an Rachel Cusk oder Didier Eribon. 

Tove Ditlevsen erzählt in den drei Bänden von ihrem Aufwachsen in Kopenhagen in einer düsteren Zweizimmer-Hinterhauswohnung, zusammen mit ihrem vier Jahre älteren Bruder Edvin, als Tochter des (oft arbeitslosen), sozialistisch eingestellten Arbeiters Ditlev Nielsen und seiner Frau Kirstine Alfrida Mundus.

Sie erzählt von ihrer Schulzeit, von weiteren Verwandten, ersten Freundinnen, mit denen sie sich „bei den Mülltonnen” trifft, überhaupt von den ärmlichen Verhältnissen ihrer Umgebung und wie sie sich nach und nach daraus entfernt. Das als „Befreiung“ zu bezeichnen wäre aber eher ein Euphemismus. 

Kindheit ist wie eine “überstandene Krankheit”

Sie erzählt von ihren Ehen, die sie wider besseres Wissen immer wieder neu eingeht; und vor allem erzählt sie in der zweiten Hälfte des „Abhängigkeit“-Bandes von ihrer Pethidin-, Methadon- und Chloralhydrat-Abhängigkeit. Diese erfolgt, nachdem sie bei einer privat vorgenommenen Abtreibung durch einen Medizinstudenten, Carl, in den sie sich auf Anhieb verliebt und den sie heiraten wird, von diesem eine Pethidin-Spritze bekommt.

An eine „nie gekannte Seligkeit“ erinnert sie sich zwei Jahrzehnte später: „Der Raum erweitert sich zu einem strahlenden Saal und ich fühle mich vollkommen schlaff, träge und glücklich.“ Und dann, am Ende dieser Passage, da es um den Beginn ihrer Sucht geht: „Ich bin einzig und allein von dem Gedanken besessen, es noch einmal zu erleben, und Ebbe ist mir vollkommen gleichgültig geworden; wie alle Menschen außer Carl.“

Vergessen, so wirkt das in allen drei Bänden, hat Tove Ditlevsen rein gar nichts; das Entkommen aus dem Keller der Kindheit scheint ein totales, alles andere als beglückendes gewesen zu sein. Und doch sind Ditlevsens Erinnerungen literarisch geformt, schaffen sie eine neue autofiktionale Wirklichkeit.

Das beweisen allein die häufigen Definitionen ihrer Kindheit und Jugend, wenn sie etwa schreibt, dass man die Kindheit abstreifen muss, um sie danach „in Ruhe betrachten und von ihr sprechen“ zu können, „wie nach einer überstandenen Krankheit”. 

Dass sie fiktive Umsicht hat walten lassen, man beim Lesen vorsichtig mit dem Eins-zu-Eins-Abgleich sein muss, deutet Ditlevsen allein zu Beginn von „Kindheit“ an, als sie ihr Geburtsjahr 1917 ins Jahr 1918 verlegt.

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Auch in der Folge ist sie immer wieder betont (?) ungenau mit den Zeitangaben. So wähnt sie sich beispielsweise im Alter von 18 Jahren beim sogenannten Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland, also im Rahmen ihrer Erinnerung macht sie sich da zwei Jahre jünger. 

Die historischen Entwicklungen werden gerade in den ersten beiden Bänden von der Erzählerin immer wieder am Rande wahr genommen. Dänemarks sozialdemokratischer Ministerpräsident Stauning ist die große Figur in der Politik, sein Konterfei hängt in den Schulzimmern; nach ihrem Auszug von zuhause wohnt sie zur Untermiete bei einer fanatischen Hitler-Anhängerin; deutsche Besatzungssoldaten patroullieren auf den Straßen, Toves Freunde werden als Hilfspolizisten eingesetzt, oder ihr zweiter Ehemann Ebbe spricht davon, in den Widerstand zu gehen. 

Doch vor allem kreisen diese Erinnerungen um Tove selbst. Um ihre Empfindungen, darum, was sie für Probleme mit ihrer Umgebung hat, mit ihrer Mutter, mit den gleichaltrigen Mädchen, mit ihrem Körper. Dem gegenüber steht das Schreiben, stehen die Verse, die ihr im Kopf herumschwirren und die sie niederschreibt, stehen die „Wogen von Wörtern“, die sie „durchströmen“, mit der Folge, dass sie beispielsweise im Lager eines Laden für Medizintechnik, in dem sie arbeitet, zwischen lauter Blechdosen auf braunem Packpapier ein Gedicht notiert.

Tove Ditlevsen im Mai 1945Foto: picture alliance / Scanpix Denma/Aufbau Verlag

Die ersten Begegnungen, die Tove außerhalb ihres Arbeitermilieus hat, sind dann auch solche mit einem Zeitungsredakteur, einem Antiquar und den Mitgliedern einer Theatergruppe; alles Begegnungen, die ihr weiterhelfen sollen. So wie es ihr Herr Krogh, der Antiquar, einmal sagt: „Wir Menschen wollen immer irgendetwas voneinander, und ich habe die ganze Zeit gewusst, dass du mich für etwas benutzen würdest.“

Diese Offenheit, die ihr selbst in diesem Fall entgegengebracht wird, zeichnet die Trilogie von Ditlevsen aus. Zwischen dem Ich, das hier erzählt, und der Wirklichkeit, die es darstellt, ist so gut wie kein Spielraum, nicht zum Kokettieren, nicht zum Interpretieren.

Die junge Tove wehrt sich mit all den wenigen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln gegen das Diktum ihres Vaters, dass ein Mädchen kein „Dichter“ werden könne, und so landet sie ganz eigennützig bei ihrem ersten Ehemann, dem Journalisten und Schriftsteller Viggo F. Møller. Der druckt erstmals ein Gedicht von ihr in seiner Literaturzeitschrift „Wilder Weizen“.

Das ist für sie die Erfüllung eines Traums, ändert aber nichts daran, dass die Ehe mit diesem viel kleineren, um dreißig Jahre älteren Mann ein Fehler war. Schnell bereitet sie dieser Ehe ein Ende, als sie in Ebbe einen anderen Mann kennenlernt. 

Steht auf der einen Seite diese Zielstrebigkeit, die nicht unbedingt etwas Souveränes hat, kommt Tove Ditlevsen jedoch lange den Erfordernissen und Lebensvorstellungen ihres Milieus und ihrer Zeit nach. Da kann sie nicht aufs Gymnasium gehen, sondern soll Haushaltsführung lernen, da ist sie durchaus daran interessiert, einen guten Mann und Kinder zu bekommen, da sehnt sie sich nach Liebe und einem bürgerlichen Dasein – und nach einer vermeintlich besseren Zeit nach ihrer Jugend, die sie als „Mangel“ und als „Hindernis“ bezeichnet.

Die Gedanken an die Drogen waren immer da

Als feministisch hätte sie sich vermutlich selbst in den sechziger Jahren im Nachhinein kaum bezeichnen wollen – trotz ihres Schreibens gegen alle Widrigkeiten, trotz der Kompromisslosigkeit, Wahllosigkeit und Sprunghaftigkeit, die die Beziehungen zu ihren Männern ausmachen. Zumal ihren Ehemännern, mit denen sie drei eigene Kinder und ein Adoptivkind hat. 

Bestimmend für diese Trilogie ist eine Direktheit und Unmittelbarkeit, die sich auch in Ditlevsens von Ursel Allenstein wunderbar übertragener Sprache ausdrückt: in klaren, manchmal energischen, manchmal poetischen Sätzen, unterstützt von einem Nähe herstellenden Erzählpräsens, das hin und wieder von einem Imperfekt unterbrochen wird.

In „Kindheit“ und „Jugend“ gelingt es Ditlevsen, sich dem Ton des Kindes, des jungen Mädchens, das sie war, gut anzupassen, bei aller nachträglichen Reflexion. Die Spuren der 50-jährigen, die sich erinnert,verwischt sie nahezu perfekt. Dabei hat sie nicht den soziologischen Zugriff der französischen Autor:innen, von Ernaux oder Eribon (der kommt bei ihr eher durch die Hintertür) und auch nichts von der aufdringlichen Schlichtheit eines Karl Ove Knausgårds.

Erst im letzten Band, insbesondere bei der beklemmenden Schilderung ihrer Sucht, nähern sich Erzähl-Ich und Autorin einander an. Wenn sie ganz am Ende von der „alten Sehnsucht“ nach den Drogen, nach dem „Stoff“ für ewige Wonnen und Seligkeit spricht, einer Sehnsucht, die sie nie verlassen hat, die nie ganz stirbt, „solange ich lebe“, ist sie tatsächlich ganz bei sich.

Nur wenige Jahre später unternimmt Tove Ditlevsen einen ersten Selbstmordversuch, auf den 1976 ein weiterer folgt, an dem sie schließlich stirbt. „Um ein gutes Gedicht zu schreiben, muss man schrecklich viel erlebt haben“, wird der angehenden Schriftstellerin einmal gesagt. Genau davon erzählt Tove Ditlevsen in ihren Büchern, von nicht wenigen schrecklichen Erfahrungen, von einem gleichermaßen bedrückenden wie von einem unbändigen Freiheitsdrang beseelten Leben.