Die Kämpferin mit der Kamera

Das Italienische Kulturinstitut zeigt ihre Bilder aus 45 Jahren. Letizia Battaglia dokumentierte den Mafiakrieg, aber auch ihre Heimatstadt Palermo.




Richter Giovanni Falcone 1982 während des Staatsbegräbnisses für Carlo Alberto Dalla Chiesa, den Polizeichef von Palermo. Exakt…Foto: Letizia Battaglia/Italienisches Kulturinstitut Berlin

Die Hauptperson an diesem ersten Nach-Corona-Abend ist per Kamera zugeschaltet. Doch als Letizia Battaglia aus Palermo im kleinen Saal im Italienischen Kulturinstitut auf dem Bildschirm erscheint, könnte sie physisch nicht präsenter sein. Statt des Worts nimmt die Frau mit dem leuchtend magentagefärbten Bob, Italiens wohl berühmteste Fotografin, erst einmal einen tiefen Zug aus ihrer Zigarette – und das respektvolle Schweigen im Saal kippt ins Lachen.

Das Kulturinstitut hat in dieser Woche seine Türen wieder für Publikum geöffnet, mit einer Ausstellung von 40 Arbeiten Battaglias aus 45 Jahren. Die inzwischen 85-jährige Palermitanerin entdeckte die Kamera erst, als sie schon über dreißig war. Von 1974 bis 1991 leitete sie die Fotoredaktion der kommunistischen Zeitung „L’Ora“ in ihrer Heimatstadt.

Tote und wieder Tote

Für ihre Fotos aus dieser Zeit ist sie weit über Italien hinaus bekannt geworden: Tote und wieder Tote. Es sind die Mordopfer der Mafia, die Leichen ihrer Gegner ebenso wie die, die in den eigenen Reihen Opfer von Rachefeldzügen und Konkurrenzkämpfen wurden. Dazu die Zufallsopfer des grausamen Geschäfts, Menschen, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren, und die Leibwächter gefährdeter Richter und Antimafia-Aktivisten. Auf Battaglias Bildern sieht man Menschen in vermüllten Ecken verbluten oder tot auf dem Rücksitz eines Dienstwagens – so den Christdemokraten Piersanti Mattarella, der 1980, als er ermordet wurde, Ministerpräsident Siziliens war.

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Sein jüngerer Bruder Sergio ist heute Italiens Staatspräsident. 

Wer sich Battaglias Bilder im IIC ansieht, kann die Korrektheit ihrer Selbstaussage prüfen: „Ich habe immer die Menschen geachtet, die ich fotografierte. Auch die Mafiosi. Ich habe nie ein Skandalfoto gewollt.“ Sie in Handschellen zu fotografieren, mochte sie nicht: „Es war ungerecht: Ich bin frei, du in Ketten.“ Dabei war sie immer dicht dran, „ich konnte mich nicht verstecken, aber ich wollte mich auch nicht verstecken.“ Sie habe oft gezittert, wenn sie auf den Auslöser drückte. Als sie etwa den Cosa-nostra-Boss Leoluca Bagarella nach seiner Verhaftung „schoss“ – in Handschellen -, sei der sehr wütend geworden. „Er hatte so viele Menschen umgebracht und nun wurde er in dieser Lage abgebildet, und das von einer Frau.“ Bagarella versetzte der Fotografin aus nächster Nähe einen Tritt, „aber das Foto hatte ich“.

Es war 1992, als Battaglia damit aufhörte, die Toten zu fotografieren, es nicht mehr konnte, nachdem sie und ihr Objektiv so viel gesehen hatten – auch Zeitungskollegen, die den Killern zum Opfer fielen. „Es war der 23. Mai, ich war bei meiner Mutter, der Fernseher lief, plötzlich wurden die Nachrichten unterbrochen: Giovanni Falcone war bei einer riesigen Explosion ums Leben gekommen.“ Seit Anfang der 1980er Jahre hatten Untersuchungsrichter Falcone und sein Team Spitzenleute der Mafia hinter Gitter gebracht und das System im Kern erschüttert.

Letizia Battaglia 2007 in BerlinFoto: Stephanie Pilick/dpa

Trotz alledem: Liebe zu Palermo und den Menschen dort

Das Organisierte Verbrechen rächte sich, indem sie 500 Kilo Sprengstoff unter der Autobahn deponierten und zündeten, auf der Falcone und seine Frau Francesca Morvillo in ihr Wochenendhaus fuhren. Mit dem Paar starben drei Leibwächter; keine drei Monate später wurde auch Falcones enger Freund und Mitstreiter, Richter Paolo Borsellino, Opfer eines Mordanschlags. Was Battaglia über ihren fotografischen Einsatz gegen die Mafia erzählt, würde auch auf Falcone passen, der nur vier Jahre jünger war als Battaglia: „Das waren erniedrigende Jahre. Wir wurden von niemandem geschützt.“ Falcone und Borsellino, wie Battaglia in Palermo geboren und aufgewachsen, waren ebenfalls politisch isoliert. Der begründete Verdacht, dass die Morde durch Tipps aus dem Staatsapparat erst möglich wurden, stürzte Italien in eine tiefe Krise.
Nicht weniger eindrucksvoll als die Fotos, die sie berühmt gemacht haben, sind Battaglias fotografische Sozialreportagen: Ein Adelsempfang im feinen Palermo von 1976. Das wie ein Gemälde anmutende Bild der Mutter und ihrer Kinder in einer armseligen Behausung. Dem Säugling auf ihrem Schoß, heißt es in der Bildunterschrift, nagte eine Ratte am Finger, als die Frau erschöpft eingeschlafen war – ein Bild aus Europa im Jahr 1978. Oder die Halbwüchsigen im einst armen, inzwischen schicken palermitanischen Altstadtviertel Albergheria 1985, denen die Erfahrung von Gewalt und Hoffnungslosigkeit  bereits in die Gesichter geschrieben scheint. Engagement und die Liebe zu ihrer Stadt und deren Leuten verraten auch Battaglias Porträts von Frauen und Kindern.

Erstmals leitet eine Frau Italiens Kulturbotschaft in Berlin

Als Michela De Riso, die Moderatorin des Abends und Kuratorin der Ausstellung, sie nach diesen traurigen, ernsten Mädchen fragt, sagt sie, dass sie selbst dieses Mädchen immer noch in sich habe und seit jeher „die Kraft der Traurigkeit“. Sie glaube, sie sei nicht gut in Farbfotografie. „In Schwarzweiß kann ich mich besser ausdrücken.“ 
Die Ausstellung „Palermo und der Kampf gegen die Mafia“ geht zum Glück weit über ihren Titel hinaus und ist noch bis 31. März 2021 im IIC zu sehen – wegen der Covid-Bestimmungen ist dafür eine Anmeldung zwingend. Informationen dazu liefert die Instituts-Webseite www.iicberlino.esteri.it .

Die Ausstellung ist zugleich Auftakt des Instituts zu seinem Themenschwerpunkt „Planet Mafia“, den der Soziologe und Mafiaforscher Nando Dalla Chiesa kuratiert und der auf eine Initiative des Berliner Vereins „Mafia nein danke“ zurückgeht. Im Rahmen der Serie wird auch Letizia Battaglia noch einmal und dann in Person in Berlin erwartet. Am 8. Oktober spricht Dalla Chiesa, Sohn des 1982 von der Mafia ermordeten Carabinieri-Generals Carlo Alberto Dalla Chiesa, im Institut über die Wandlungen der Verbrechensorganisation.
Der Abend der Eröffnung, der erste nach der Corona-Pause, war auch eine Premiere für die Direktorin des Instituts, ihre erste öffentliche Veranstaltung im Amt. Seit diesem Sommer leitet Maria Carolina Foi als Nachfolgerin von Luigi Reitani Italiens Kulturbotschaft in Berlin. Die 63-jährige Juristin und Germanistikprofessorin, die bisher an der Universität Triest lehrte, ist – noch ein erstes Mal – die erste Frau an seiner Spitze.