Die Hoffnung fährt Riesenrad

Vaterlose Familien schweißt häufig das fehlende Geld zusammen. Aus diesem nervenzehrenden Manko und dem daraus erwachsenden Existenzkampf speist sich einer der besten französischen Romane des 20. Jahrhunderts, „Die Verbündeten“ („La coalition“, 1927 erschienen) von Emmanuel Bove.

In fiebrigem Stil schildert Bove darin seine Mutter und seinen Halbbruder, die sich in den Kopf gesetzt haben, ihn, den freien Pariser Schriftsteller mit unsicheren Einnahmen, zu ihrem Ernährer zu machen.

Eine ähnlich schicksalhafte Dreierkonstellation prägt Mieko Kawakamis Roman „Brüste und Eier“ (Aus dem Japanischen von Katja Busson. DuMont Buchverlag, Köln 2020.496 Seiten, 24 €.) und trägt ihn durch rund 500 Seiten.

Auch diese Familiengeschichte ist aus der Sicht einer Schriftstellerin geschildert.

Dabei hegt die junge Natsuko erhebliche Selbstzweifel: „Die Welt interessierte sich nicht für mich. Die Angewohnheit, aus allem, was ich sah oder nicht sah, rührselige Geschichten zu basteln – bestärkte mich das in meinem Wunsch, Schriftstellerin zu werden, oder behinderte es mich? Ich wusste es nicht. Würde ich es irgendwann wissen? Das wusste ich auch nicht.“

Der Roman enthält viele warmherzige Episoden

Schon als Kinder haben die Schwestern Natsuko und Makiko aus Osaka Armut und Hunger kennengelernt. Vor dem kleinen, aber sehr gewalttätigen Vater waren sie mit ihrer Mutter ans andere Ende der Stadt geflohen. Ging mal wieder das Geld aus, bestellte die Bardame von einer Telefonzelle aus Nudeln.

Stand dann der Imbissbote vor der Tür, sagte eines der Mädchen, die Mutter habe kein Geld dagelassen. Angesichts der weich und damit unverkäuflich werdenden Nudeln in der Pappschachtel gab der Bote nach und das Abendessen war gesichert.

Anders als es sein reißerischer Titel „Brüste und Eier“ vermuten lässt, ist der Roman mit solchen warmherzig-witzigen, direkt aus dem Leben gegriffenen Episoden gespickt. Das macht ihn trotz mancher Längen und allzu unliterarischer Exkurse zu einer inspirierenden, optimistisch stimmenden Lektüre.

Von widrigen Umständen lässt sich die bescheidene, kampferprobte Ich-Erzählerin Natsuko jedenfalls nicht unterkriegen.

Nach dem frühen Tod der geliebten Großmutter Komi und der überarbeiteten Mutter, zieht sie nach Tokio, um Schriftstellerin zu werden. Als der zweiteilige Roman einsetzt, erwartet die Dreißigjährige im Sommer 2008 ihre Schwester und die pubertierende Nichte Midoriko zu Besuch in ihrem winzigen Appartement.

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Dessen Größe wird nach Landessitte in ausgeklappten Futonmatten berechnet. Während die schweigsame Midoriko schriftlich ihren Widerwillen gegen die bevorstehende erste Periode festhält, arbeitet Makiko, wie die an Brustkrebs verstorbene Mutter, als wenig hedonistische Bardame.

Mit Ende dreißig fürchtet sie die jüngere Konkurrenz. Als die Schwestern ein traditionelles Badehaus aufsuchen, offenbart Makiko ihren drängendsten Wunsch: eine chirurgische Brustvergrößerung sowie rosa Brustwarzen. Drastisch tut sie die typisch weibliche Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper vor allen Badegästen kund: „Und die Brust? Platt. Sieh sie dir an. Nicht mehr als zwei halb volle Tütchen Wasser, in denen du deine Kirmes-Goldfische nach Hause trägst.“

Anderthalb Millionen Yen (circa 12 000 Euro) soll die Operation kosten, eine für die Schwestern astronomische Summe.

Haruki Murakami war begeistert von “Brüste und Eier”

Mieko Kawakami verhandelt all das ausgesprochen sachlich bis unsinnlich. Nicht von ungefähr bezeichnet sich Natsuko mehrfach als asexuell. Der Sex mit ihrem ersten und einzigen Freund kam für sie einer klaustrophobischen Überwältigung gleich, „als würde mir eine schwarze Plastiktüte über den Kopf gestülpt“.

Da ist es konsequent, dass die Enddreißigerin im zweiten Teil des Romans, der 2016 spielt, nur durch eine Samenspende schwanger werden will. In der nach wie vor patriarchalischen japanischen Gesellschaft wird Singles eine solche Kinderwunschbehandlung schwergemacht. Doch die Ich-Erzählerin möchte nun endlich „ihr Kind kennenlernen“ und beschließt: „Ich mache lieber einen Fehler als gar nichts.“

Inzwischen hat Natsuko beruflichen Erfolg. Sie schreibt an ihrem zweiten Roman, besucht Lesungen, diskutiert viel mit ihrer Lektorin. Da die unzuverlässigen Männer zu Statisten reduziert werden, nutzt Mieko Kawakami jede Begegnung ihrer Protagonistin mit einer anderen Frau zum ausführlichen Gedankenaustausch über Fortpflanzungsfragen.

Die Übersetzerin hat großartige Arbeit geleistet

Das kann durchaus ermüden, gäbe es nicht diese beinahe naive Lebensfreude, die das Buch mit seinen existentiellen Themen durchdringt. Insofern passt das Cover, auf dem rosa Kirschblüten auf Himmelblau prangen, sehr gut. Erst auf den zweiten Blick wird eine nackte Frauenschulter erkennbar, darüber eine gummibehandschuhte Hand mit Spritze. Mieko Kawakami wurde 1976 in Osaka geboren. Ihr vierter Roman hat Begeisterung, etwa beim Kollegen Haruki Murakami, aber auch Protest ausgelöst.

„Brüste und Eier“ ist im Osaka-Dialekt geschrieben: „,So ein richtiger Schlagabtausch im Dialekt’, sinniert Natsuko, – das ist keine Kommunikation mehr, das ist Sport. Und die Sprecher sprechen nicht nur, sie schauen sich selbst auch noch zu. Weißt du … Wie soll ich sagen … Reines Erzählen …‘“

Die Übersetzerin Katja Busson hat diese Herausforderung mit Aplomb bewältigt, dabei gelegentlich die Umgangssprache streifend. Mit einem Riesenrad als Hoffnungssymbol begründet die zurückhaltende Natsuko eine rein weibliche Genealogie, wie im Bienenstaat. Ihr gehört die himmelblaue Zukunft, das macht dieser bestrickende Roman klar, indem er unerhört sanft Feminismus und Kapitalismuskritik verquickt.