Die Hitliste der zehn besten deutschsprachigen Aufführungen ist komplett

Das „Zeugnis eines Ausnahmezustands“ – so nennt Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele, die Auswahl des diesjährigen Theatertreffens. Da möchte man schon nicken, ohne mehr gehört zu haben. Wie könnte es auch anders sein?

Die Bühnen in Deutschland, Österreich und der Schweiz waren schließlich Pandemie-bedingt fast ständig geschlossen und sind es überwiegend noch. Unter welchem tristen Rest-Repertoire an Corona-Kunst sollte die siebenköpfige Kritiker:innen-Jury also überhaupt ihre Auswahl der „zehn bemerkenswertesten Inszenierungen“ treffen?

Krise? Eher Normalzustand

Erstaunlicherweise klingt das, was jetzt auf der Pressekonferenz zum Theatertreffen präsentiert wurde, aber gar nicht so sehr nach Krise. Eher nach Normalzustand. Die Juror:innen haben nämlich die verbliebenen Zeiträume für Live-Sichtungen gut genutzt.

Sie waren vom 27. Januar 2020 bis zum ersten Lockdown im März sowie von Ende August bis Ende Oktober so fleißig unterwegs, dass sogar die traditionellen Statistiken fast business as usual verheißen: 285 Inszenierungen in 60 Städten wurden gesehen (34 Prozent weniger als gewöhnlich).

Und auch die Frauenquote (mindestens 50 Prozent Arbeiten von Regisseurinnen!) konnte Corona zum Trotz nicht nur gehalten, sondern übererfüllt werden. Weswegen Yvonne Büdenhölzer, die Leiterin des Theatertreffens, sie gleich um weitere zwei Jahre verlängert. Endlich mal gute Nachrichten in dunklen Zeiten.

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Lediglich zwei der nun eingeladenen Arbeiten sind als Live-Stream-Premiere enstanden: „Der Zauberberg“ von Regisseur Sebastian Hartmann am Deutschen Theater. Und „Show Me A Good Time“ – eine 12-Stunden-Performance der Gruppe Gob Squad, koproduziert unter anderem vom HAU.

Entsprechend gesichert erscheint deren Teilnahme am Festival – denn es ist ja noch gar nicht klar, ob im Mai wiederum nur eine digitale Ausgabe des Theatertreffens stattfinden kann, oder ob leibhaftige Vorstellungen möglich sind. „Wir prüfen weiterhin analoge Szenarien“, sagt Büdenhölzer  mit angemessenem epidemiologischem Ernst.

“Maria Stuart” wird live aufgeführt

Live bewundern könnte die Theatertreffen-Gemeinde dann eine weitere Arbeit vom DT, nämlich Anne Lenks „Maria Stuart“ – ein düsterer Schiller im Setzkasten. Überhaupt sind die großen Häuser als übliche Verdächtige für hochklassige Kunst auch anno 2021 prominent vertreten.

Vom Schauspielhaus Zürich ist Christopher Rüpings Inszenierung „Einfach das Ende der Welt“ nach dem Roman von Jean-Luc Lagarce eingeladen, die Geschichte eines queeren Künstlers, der in die Provinz zurückkehrt. Außerdem Leonie Böhms Euripides-Bearbeitung „Medea*“, in der die berühmte Kindermörderin laut Jury-Statement als „Frau aus Zürich von heute“ auftritt.

Aus Wien kommt “Automatenbüfett”

Das Burgtheater Wien wiederum darf sich über die Nominierung von „Automatenbüfett“ freuen, Barbara Freys Wiederentdeckung der Autorin Anna Gmeyner, die von kleinbürgerlicher Tristesse erzählt. Als Koproduktion zwischen dem Bayerischen Staatsschauspiel und dem Theater Basel kommt Stefan Bachmanns „Graf Öderland“, eine „Moritat in zwölf Bildern von Max Frisch“, die den Amoklauf eines Staatsanwalts verhandelt.

Und Karin Beier zeigt am Hamburger Schauspielhaus mit Rainald Goetz („Reich des Todes“) die zeitlos grassierende politisch-moralische Verkommenheit. Man merkt schon: beliebt sind Themen, mit denen sich Krise erzählen lässt.

Auch zwei Freie-Szenen-Arbeiten sind dabei

Immerhin, auch zwei Freie-Szene-Arbeiten haben es in die Hitliste der Jury geschafft: die feministische Anne-Tismer-Performance „NAME HER. Eine Suche nach den Frauen +“, an der das Ballhaus Ost und das Kosmos Theater Wien beteiligt sind. Außerdem das Tanz-Projekt „Scores That Shaped Our Friendship“ von Lucy Wilke und Pawel Duduś (schwere reiter, München).

Im März soll dann bekannt gegeben werden, was in welcher Form – und wann genau – beim Theatertreffen zu sehen sein wird. Stand jetzt findet das Festival vom 7. bis 23. Mai statt. Aber, so Yvonne Büdenhölzer: „Verschiebungsszenarien sind nicht ausgeschlossen“.