Die Häute, in denen wir wohnen

Martha Lemkes Kleid könnte gut bei Uniqlo hängen. Die japanische Modekette mit riesigen Filialen weltweit ist bekannt für simple Schnitte, wertigen Stoff, zeitlose Klassiker. Bislang gibt es das Kleid aber ausschließlich im Mies van der Rohe Haus in Hohenschönhausen an einer Schneiderpuppe zusehen, unverkäuflich. Anprobieren ist nicht möglich, nur Betrachten, entweder durch das riesige Fenster, das direkt auf den Obersee deutet – oder mit tagesaktuellem, negativen Schnelltest von innen.

Das Kleid ist einmalig – ein maßgefertigtes Unikat. Der cremefarbene Stoff wirkt fest und fließend zugleich, fällt nahtlos über die Schultern und endet dort, wo man die Ellenbogen vermuten würde. Aus dem Ausschnitt ragt ein akkurater Kragen und erinnert an ein Tennistrikot. Die Taille wird von einem gleichfarbigen Gürtel, mit einer Brosche aus Perlmutt, leicht betont. Der Saum endet im Kniebereich mit Faltenraffung.

1932 gab das Fabrikantenehepaar Martha und Karl Lemke ihr Neubauvorhaben kleines, bescheidenes Haus bei Ludwig Mies van der Rohe in Auftrag. Die beiden müssen elegante Erscheinungen gewesen sein: vornehm und trotzdem zurückhaltend, genau wie ihr Haus. Dazu progressiv in Geist und Stil. Martha Lemke hatte als offizielle Bauherrin den Vertrag mit Mies van der Rohe geschlossen. Ihr Zuhause überstand den Krieg unversehrt. Im Mai 1945 mussten sie es jedoch innerhalb kürzester Zeit verlassen. Die Rote Armee richtete eine Garage für Motorräder darin ein.

Ein Foto aus dem Jahr 1933 zeigt Martha Lemke mit einer Besucherin auf der Terrasse des Hauses. Die Gästin hat ein schwarzes, rüschiges Kleid an – dazu eine Schleife um den Hals gebunden. Es wirkt üppig. Martha Lemke trägt das weiße, schlichte Kleid. Museumsleiterin Wita Noack hatte die Idee, es zu interpretieren, nachschneidern zu lassen. Gewandmeisterin Hanne Günther übersetzte. „Gewand in drei Akten“ heißt nun die aktuelle Ausstellung im Landhaus Lemke, die noch bis zum 20. Juni zu sehen sein wird.

Martha Lemkes Kleid ist der dritte Akt. Eine gestaltete Hülle. Es umschließt die „natürliche“ Oberfläche, die Haut, die den leiblichen Raum abgrenzt. Darauf folgen menschgemachte Schutzräume, die zweite und dritte Membran, Kleidung und Gebäude, also Architektur. So haben die Kurator: innen Jan Maruhn, Dominik Olbrisch und Annika Weise die Ausstellung konzipiert.

Ein Zimmer im Zimmer

Der erste Akt, eine Installation der Künstlerin Stef Heidhues, lässt ebenfalls eine Verbindung zwischen den Hüllen erahnen: Sie spielt mit „Form- und Designelementen der Moderne“, legt etwas, das aussieht wie Schnittmuster für Hosen oder Kleider über eine Stange. Sie setze sich so kritisch mit Raum auseinander, probiere neue Anordnungen aus, heißt es im Begleittext zur Ausstellung. Heidhues bringe den aktuellen Horizont zum Thema in die Ausstellung ein.

[Mies van der Rohe Haus, Oberseestr. 60, bis 20. 6.; Di–So 11–17 Uhr.]

Der dritte Raum ist definitiv einer anderen Zeit gewidmet. Er ist sozusagen ein Zimmer im Zimmer. An der Wand hängt eine vergrößerte Fotografie des Speisezimmers im Haus Perls, einem Mies-Bau in Zehlendorf, allerdings in neoklassizistischem Stil. Auf dem Foto vom Haus Perls ist eine Wandbespannung des Expressionisten Max Pechstein zusehen. Nackte, beschäftigte Körper bewegen sich über die Wand. Die Malerei verhält sich zu dem kleinen, bescheidenen Haus, ähnlich wie das Kleid von Martha Lemkes Besucherin, zu dem der Hausherrin: Es wirkt voll, fast überladen. Zwei Stile scheinen aufeinanderzuprallen. „Mies van der Rohe und Max Pechstein werden in einen Dialog gebracht“, erklärt Museumsleiterin Wita Noack die große Fotografie.

Die Fotografie hat bei der Vergrößerung leider an Qualität eingebüßt, doch das ist erst so richtig auffällig, wenn man nah dran steht, beim Blick durch das Fenster stört es weniger. Und so kann man ein bisschen Abstand halten, im schönen Garten stehen und darüber nachdenken, was alles passiert sein muss, dass Mies innerhalb weniger Jahre so radikal und progressiv seinen Stil veränderte.