Die Geschichte des schwulen DDR-Malers Jürgen Wittdorf

Manche seiner Bilder vibrieren vor sexuellem Begehren. Doch erst nach Mauerfall konnte Wittdorf seine Identität leben. Der Kunstverein Ost zeigt sein Werk.




Vibrierendes Begehren. Im Holzschnitt „Unter der Dusche“ von Jürgen Wittdorf gibt es auch eine homoerotische Lesart.Foto: courtesy KVOST und Schwules Museum Berlin

Adam und Eva im Arbeiter- und Bauernstaat – klassisch angelegt, wie man es aus der Renaissance-Malerei kennt, die Konturen kräftig und klar im traditionellen Holzschnitt. Nur das Badelaken unter den Füßen des Mannes, die Sonnenbrille in der Hand der Frau und ihre Frisuren scheren da aus. Sie holen das junge Paar in die Gegenwart der DDR der frühen 1960er Jahre.

Adam und Eva als selbstbewusste Müßiggänger, das „Paris-Urteil“ zwischen Halbstarken-Habitus und Rock’n’Roll oder „Adonis“ in Modell-Positur – Jürgen Wittdorfs „Zyklus für die Jugend“ hätte vielleicht auch in der damaligen Bundesrepublik Aufsehen erregt.

Die DDR-Funktionäre witterten denn auch prompt „Verwestlichung“. Die Jugend hingegen fand ihre Sehnsüchte, den Traum von Aufbruch und Freiheit perfekt ins Bild gesetzt.

Der Erfolg war so überwältigend, dass die Holzschnitte 1963 als Mappenwerk im Verlag Junge Welt erschienen. In einer Auflage von 10 000 Exemplaren.

Wittdorf hatte einen Nerv getroffen und bewegte sich stilistisch geschickt zugleich in der Tradition. Auftragsarbeiten folgten, Anstellungen als Zeichenlehrer und als Organisator zentraler Volkskunst-Ausstellungen.

Eine entscheidende Sache entging den Offiziellen

Was den Offiziellen entgangen war, was Wittdorf selbst sich spät erst eingestehen und Jahrzehnte lang nur im Verborgenen leben konnte, war seine Homosexualität. Blickt man in der Überblicksschau im Kunstverein Ost (KVOST) auf die Linolschnitte „Jugend und Sport“ – 1964 als Kunst-am-Bau-Auftrag für die Hochschule für Körperkultur in Leipzig entstanden –, reibt man sich die Augen, dass diese Darstellungen keine Zensur evozierte.

Denn die homoerotischen Züge der „Baubrigade der Sportstudenten“ oder das „Freundschaftsfoto“ stellen den männlichen Körper nicht rein athletisch dar. „Unter der Dusche“ vibrieren die Striche förmlich vor sexuellem Begehren.

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Ein Avantgardist war Jürgen Wittdorf erklärtermaßen nicht, aber auch kein glühender Verfechter des sozialistischen Realismus. Obwohl er nach seinem Studium an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst von 1952 bis 1957 direkt den „Bitterfelder Weg“ hätte einschlagen können.

Wittdorf, 1932 in Karlsruhe geboren, aufgewachsen in Königsberg und später im Erzgebirge, ging in den 1960er Jahren an die Ost-Berliner Akademie der Künste und wurde Meisterschüler von Lea Grundig.

Im westlichen Kunstbetrieb fiel er durch alle Raster

Innerhalb des Systems und seines künstlerisch konservativen Rahmens bewahrte er sich eine gewisse Autonomie. Geradezu stur mutet es an, wie er noch in den 1980er und 90er Jahren Stillleben und Landschaftsbilder im Geiste der frühen Moderne fertigte – technisch perfekt, aber eben aus der Zeit gefallen.

Nach dem Fall der Mauer konnte Wittdorf seine Homosexualität – auch künstlerisch – offener leben. Nur blieben fortan die Aufträge aus. Er verlor seine Anstellungen als Zeichenlehrer im Haus des Lehrers sowie im Haus der jungen Talente. Im westlich geprägten Kunstbetrieb fiel der Einzelgänger und Traditionalist durch sämtliche Raster.

[KVOST – Kunstverein Ost e. V., Leipziger Str. 47; bis 14.11.; Mi–Sa 14 18 Uhr. Katalog (Distanz Verlag) 28 €.]

Ende der 1990er Jahre entdeckte Andreas Sternweiler vom Schwulen Museum den Künstler und präsentierte ihn in Gruppen- und Einzelausstellungen, zuletzt 2012 anlässlich seines 80. Geburtstags. 2018 verstarb der an Demenz und Parkinson erkrankte Künstler.

Sein Vermächtnis – rund 200 Bilder und 60 Keramikteller – hing an sämtlichen Wänden seiner Wohnung und wurde vom offiziell bestellten Nachlassverwalter einem Auktionshaus übergeben.

Präsentation in wilder Petersburger Hängung

In einer Halle, wo Trödel und Nachlässe aller Art unter den Hammer kamen, fand und sicherte der Kurator und Journalist Jan Linkersdorff die Arbeiten seines einstigen Zeichenlehrers, von denen KVOST nun über 100 präsentiert.

„Das waren seine Lieblinge, von denen er sich nicht trennen wollte“, sagt Stephan Koal, Kurator und Vorsitzender des Kunstvereins. Präsentiert werden die Bilder ähnlich wie der Künstler sie zu Lebzeiten um sich geschart hatte.

In wilder Petersburger Hängung: Elefanten und Nashörner aus der Holzschnittserie „Tiermütter“ treffen da auf aquarellierte Jünglingsakte, um Seestücke ranken Männer in Leder kluft. Dazwischen Stillleben aus Studienzeiten, mit denen der Zeichner auch ein tiefes koloristisches Gespür bewies.