Die Gefahr lauert nicht nur am Straßenrand

Das Weltmeistertrikot im Radsport hat einen zweifelhaften Ruf. Angeblich ist es mit einem Fluch belastet, der Träger soll nach seinem WM-Triumph deutlich weniger oder gar keine Rennen mehr gewinnen. Im Falle von Julian Alaphilippe, der vor drei Wochen in Imola den Titel im Straßenrennen der Profis gewann, drängt sich mehr und mehr der Verdacht auf, dass an der Sache etwas dran könnte.

Zunächst verschenkte der Franzose beim Klassiker Lüttich-Bastogne-Lüttich Anfang Oktober den Sieg, weil er die Arme zu früh vom Lenker nahm und auch noch einen Konkurrenten im Zielsprint behinderte. Die Folge: Disqualifikation.

Nun traf es ihn sogar noch härter. Bei der Flandern-Rundfahrt am Sonntag fuhr Alaphilippe auf ein Jury-Motorrad auf, überschlug sich und blieb mit schmerzverzerrtem Gesicht auf der Straße liegen. Zu diesem Zeitpunkt befand er sich in einer Dreier-Spitzengruppe mit dem späteren Sieger Mathieu van der Poel (Niederlande) und dem Zweiten Wout van Aert (Belgien).

Alaphilippes Kontrahenten schauten sich nach dessen Sturz verwundert um, konnten kaum glauben, was da passiert war. Ganz offensichtlich war der Weltmeister kurz unaufmerksam, womöglich war ihm auch die Sicht auf das seitlich am Straßenrand fahrende Motorrad versperrt. Der 28-Jährige zog sich zwei Frakturen in der Mittelhand zu und soll am Montag schon operiert worden sein.

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Glück im Unglück: Die Verletzungen sind für Radsportverhältnisse nicht allzu schwer und die Flandern-Rundfahrt war für Alaphilippe wohl ohnehin das letzte ganz große Rennen der Saison.

Dabei ist der Sturz vom Sonntag nur ein weiterer von vielen nach dem Restart des Profiradsports. „Die kommen aus einer monatelangen Pause, denen fehlt das Motoriktraining, mit Tempo eng zu fahren, das Gefühl, wie es ist, wenn in jeder Richtung in 50 Zentimeter Abstand ein anderer Fahrer unterwegs ist“, hatte der  ehemalige Profi und Querfeldeinspezialist Mike Kluge Ende August im Spiegel vermutet.

Inzwischen ist die Saison aber weit fortgeschritten und trotzdem kommen die Fahrer immer noch reihenweise zu Fall. Der Waliser Geraint Thomas, der als Topfavorit in den Giro d’Italia gegangen war, musste seine Hoffnungen auf den Rundfahrtsieg früh begraben, als er auf der 3. Etappe Richtung Ätna schon frühzeitig über eine Getränkeflasche fuhr und zu Fall kam. Thomas hatte sich dabei einen Beckenbruch zugezogen, kämpfte sich aber noch ins Ziel. Erst vor dem nächsten Renntag gab er auf erklärte: „Es ist so frustrierend. Ich habe so viel Arbeit in dieses Rennen gesteckt.“

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Damit blieb Thomas immerhin ein womöglich noch schlimmeres Schicksal erspart. Denn auf der 4. Etappe der Italien-Rundfahrt wirbelte ein zu tief fliegender Fernseh-Hubschrauber ein Absperrgitter durch die Luft, von dem der italienische Profi Luca Wackermann getroffen wurde. Der zog sich dabei schwere Gesichtsverletzungen und Brüche zu.

Oft sind es Fahrzeuge, die für Stürze im Feld der Radprofis sorgen. Bei der Luxemburg-Rundfahrt im September kam dem Peleton auf der letzten Etappe plötzlich ein LKW entgegen. Der konnte zwar rechtzeitig bremsen, trotzdem kam es zum Massensturz, der wenigstens ohne gravierende Folgen blieb.

Einige Wochen zuvor hatte Maximilian Schachmann weniger Glück. Als bei der Lombardei-Rundfahrt eine Frau mit ihrem SUV mitten im Rennen auf der Straße herumkurvte, konnte der Berliner nicht mehr ausweichen und brach sich bei seinem unvermeidlichen Sturz das Schlüsselbein. Derart gehandicapt ging er anschließend in die Tour de France, schaffte es aber trotzdem bis ins Ziel nach Paris.

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Später kritisierte Schachmann bei „Sportbuzzer“: „Wenn es um unsere Sicherheit geht, wird nichts gemacht. Die UCI wälzt die Verantwortung auf die Veranstalter ab. Das ist unglücklich, weil der Rennveranstalter Geld verdienen möchte und möglichst viele Zuschauer unterhalten will.“

In dieser Hinsicht genießt die Zielankunft in Kattowitz bei der Polen-Rundfahrt einen besonders zweifelhaften Ruf, weil die Sprinter am Ende bergab mit fast 80 Kilometern pro Stunde unterwegs sind. In diesem Jahr kam es im Massensprint zum wohl schlimmsten Unfall der Saison, als der Däne Fabio Jakobsen im Etappenfinale von Dylan Groenewegen in die Absperrung gedrängt wurde und böse zu Fall kam. Jakobsen musste ins künstliche Koma versetzt werden, als es ihm nach Wochen wieder etwas besser ging, sprach er davon, Angst um sein Leben gehabt zu haben.

Im Vergleich dazu ist Julian Alaphilippe mit dem Schrecken davongekommen, Stürze und kleinere Brüche sind für die Profis nicht ungewöhnlich. Und was den vermeintlichen Weltmeister-Fluch angeht, so wurde der schon vor Jahren durch eine Studie widerlegt. Alaphilippe wird in seinem Regenbogentrikot also wieder angreifen – wenn auch erst 2021.