Die ganze Gegend erzählen

Es war wieder einmal wie so oft in Wolfgang Welts Leben, dass er mit seinen Büchern nicht nur die bürgerliche Literaturwelt nicht recht beeindrucken konnte, sondern auch nicht die Frauen. Oder stand ihm seine wahrlich nicht glamouröse Arbeit als Pförtner im Schauspielhaus im Weg?

Jedenfalls verteilte er dort an „alle möglichen Assistentinnen (Regie, Kostüm, Bühne) seinen ersten Roman „Peggy Sue“, ohne große Resonanz darauf zu erhalten: „Wenn ich sie ansprach, drucksten sie rum. Wahrscheinlich war ihnen das Buch zu sexy. (…) Auch eine Taschenbuchausgabe bei Heyne bewirkte nichts.“

So konstatierte es der 2016 verstorbene Bochumer Schriftsteller in einem Beitrag für die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ drei Jahre vor seinem Tod, wohl wissend, dass das mit der „Frau fürs Leben“ so eine Sache ist, genau wie mit dem literarischen Ruhm selbst als Suhrkamp-Autor, der er auf Betreiben Peter Handkes doch noch wurde.

Der kurze, mit „Die Widmung“ übertitelte Text ist jetzt noch einmal in einem von zwei Bänden erschienen, die der Nachlassverwalter von Welt, der Journalist Martin Willems, herausgegeben hat.

„Kein Schlaf bis Hammersmith“ heißt der eine. Dieser versammelt die Musikkritiken von Wolfgang Welt, der von Ende der siebziger Jahre an für die Stadtzeitschriften „Marabo“ und „Überblick“ und später für „Sounds“ und den „Musikexpress“ über Popmusik und Literatur geschrieben hatte.

Welt war mit Motörhead auf Tour, mochte aber deren Musik nicht

Der Titel bezieht sich auf eine Tour von Motörhead durch England, die Welt journalistisch und mit viel Interesse und Sympathie für Lemmy und seine Kollegen begleitete, nicht ohne am Ende seines Berichts zu fragen: „Nur Lemmy, warum macht ihr eigentlich so schreckliche Musik?!“

Der andere, noch interessantere Band heißt „Die Pannschüppe“. Er enthält nicht nur die Literaturkritiken und diversen Geschichten, die Welt in Zeitungen wie der „jungen Welt“ oder der „FAS“ veröffentlichte, sondern auch ein Romanfragment mit eben jenem Titel; es ist der letzte Roman, an dem Welt bis zu seinem Tod arbeitete. (Und der 2017 schon einmal im Essener „Schreibheft“ abgedruckt worden war).

Es wäre sein sechster Roman geworden, dessen Fokus jedoch – anders als bei Vorgängern wie „Peggy Sue“, „Doris hilft“ oder „Fischsuppe“ – auf der Kindheit und Jugend des 1952 in Bochum geborenen Autors liegen sollte.

Tatsächlich erzählen die fünfzig Seiten von „Die Pannschüppe“ vom Aufwachsen in den Bergarbeitersiedlungen von Bochum-Wilhelmshöhe und Bochum–Langendreer, von Welts bescheidener Fußballkarriere in Jugendmannschaften, von seiner Mutter, die noch ein drittes Kind erwartet, Welts Schwester Gabi, und seinem Vater, einem früheren Bergmann, der als Kriegsversehrter dann im Lohnbüro einer Zeche arbeitete: „Mein Vater ging weiter zum Pütt, auch wenn er erneut verlegt wurde, auf Zollern I. Er hörte auf zu trinken, denn er machte den Führerschein.“

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Es ist alles andere als eine literaturaffine Welt, in der Wolfgang Welt heranwächst, trotz Buchclub-Abo, und doch gerät der Halbwüchsige irgendwann ans Lesen, beginnend mit der Lektüre des „Spiegels“ und des britischen „New Musical Express“, auf die irgendwann auch die von Büchern wie Handkes „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ und Hesses „Steppenwolf“ folgt. Hesse und Handke hätten in ihm den Wunsch geweckt, Schriftsteller zu werden, schreibt Welt einmal. Doch sind es primär die autobiografischen Eugen-Rapp-Romane des leisen, lange verkannten Schriftstellers und Büchner-Preisträgers Hermann Lenz, die Welt entscheidend beeinflusst haben.

Während er als „Zeilenschinder“ bei den Stadtzeitungen und Musikzeitschriften arbeitete, schrieb Welt auch, angeblich innerhalb von drei Wochen, seinen Roman „Peggy Sue“ „herunter“. Darin schildert er wiederum ausführlich sein Leben als Popmusikjournalist. Aber auch, wie sich erstmals die schizoaffektive Psychose meldet, die ihm mitsamt Therapie das Schreiben oft unmöglich macht: „Abends lief Michael Jackson durchs Münchener Olympiastadion und schoss auf mich. (…) Morgens kam die Putzfrau. Ich war verrückt geworden, durch Michael Jackson.”

Welt porträtiert eine versunkene Welt

Trotz Fürsprache von Lenz und Handke landet Wolfgang Welt mit „Peggy Sue“ zunächst nicht bei Suhrkamp, („Der begeisterte Lektor konnte sich gegen den Verlegersohn nicht durchsetzen.“) sondern 1986 im Konkret Literaturverlag. Größere Aufregung verursacht der Roman nicht, auch nicht der Nachfolger „Der Tick“, der viele Jahre später 1999 als Original-Taschenbuch im Heyne Verlag erscheint.

Zu der Zeit steht die Popliteratur mit Christian Kracht und Benjamin von Stuckrad-Barre schon in voller Blüte. Doch ihr eigentlicher Erfinder, einer der ersten Archivare der Alltagskultur, kann davon nur wenig profitieren.

Dabei ist Welt nicht nur Pop-Schriftsteller, sondern auch ein engagierter Vertreter der autofiktionalen Literatur; ein grandios konsequenter Lebensaufschreiber, den man problemlos in einem Atemzug mit Peter Kurzeck oder Karl Ove Knausgård nennen kann. „Die Pannschüppe“ zeigt noch einmal, wie großartig die Erinnerungskunst von Welt ist.

In seinem lässig wirkenden, rau-knatternden Sound vergegenwärtigt er sich der vermeintlich entlegensten Erlebnisse und Dinge aus seiner Vergangenheit, in wenigen, kurz aufeinanderfolgenden Sätzen legt er bisweilen auch mit einem gewissen Stilwillen große Entfernungen in Zeit und Raum.

In dem Romanfragment und in den vielen kurzen, mitunter durchaus melancholisch anmutenden Geschichten („Mutters letzte Weihnacht“! „Ich bin a stiller Zecher“!) porträtiert Wolfgang Welt einen größtenteils versunkenen Lebenskosmos mit seinen Zechen, Siedlungen, Brauereien, Kiosken, Kneipen und Fußballplätzen (und nicht zuletzt Stadtzeitungen und Musikmagazinen!). Wie hieß eines der Leitmotive von Peter Kurzeck? „Die ganze Gegend erzählen.“ Das gilt auch für Wolfgang Welt, Pop hin, Buddy Holly und all die anderen her: Er hat das ganze Ruhrgebiet erzählt.