Die Friedrichswerdersche Kirche öffnet wieder

Lange Zeit sah es gar nicht gut aus für die Friedrichswerdersche Kirche. Townhouses samt Tiefgarage waren allen Warnungen der Denkmalpflege zum Trotz so dicht an die Westseite der Backsteinkirche gebaut worden, dass 2012 ein Riss durch den ganzen Sakralraum ging – vom Portal bis zum Chor, selbst die Stufen zerbrachen mittendurch.

Der gesamte Bau begann zu bröckeln, die darin gezeigten Skulpturen des 19. Jahrhunderts mussten evakuiert werden. Für Besucher wurde das Gotteshaus geschlossen. Das schien es für den einzigen original erhaltenen Kircheninnenraum Karl Friedrich Schinkels gewesen zu sein. Nach zornigen Zwischenrufen wurde es immer leiser um das Architekturjuwel. Es schien verloren.

Wer heute zum ersten Mal den Bau durch die große Bronzetür betritt, kann diese Geschichte kaum glauben, würden da nicht weiterhin „Stadtvillen“ unverschämt nahe stehen. Strahlend öffnet sich nach dem dunklen Äußeren das mit Sandsteinimitat ausgekleidete Innere der Kirche. Der glänzende Boden wirft das warme Licht zurück, das durch die hohen hellen Fenster einfällt.

Der prachtvolle Raum, ein einziger großer Saal, besitzt durch seine sagenhafte Offenheit ein überwältigendes Pathos. Auf den ersten Blick mögen die darin verteilten Skulpturen klein, ja verloren wirken. Doch wer sich ihnen nach und nach nähert, erlebt einen bezaubernden Parcours. Das seitlich einfallende Licht schmeichelt den Büsten und Figuren aus Gips, Marmor und Bronze, den Prinzessinnen, Göttern und Knaben in besonderer Weise. Ein Gesamtkunstwerk ist wiederhergestellt.

Die Friedrichswerdersche Kirch galt Vielen schon als verloren

Noch vor drei Jahren hätte das niemand für möglich gehalten. Als Ralph Gleis 2017 sein Amt als Leiter der Alten Nationalgalerie antrat, stieg er auf die im Kircheninneren zur Sicherung errichteten Gerüste, um sich die Schäden anzuschauen, dort, wo das Kreuzrippengewölbe aufgemalt ist. Erschüttert, dass hier einer der schönsten Ausstellungsorte der Staatlichen Museen für immer verloren gehen könnte, machte er sich die Rettung der Friedrichswerderschen Kirche für die Alte Nationalgalerie zum Ziel: „Geschäftshäuser gibt es hier rundum genug.“

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Der engagierte Kunsthistoriker holte den Bischof und den Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz an einen Tisch und erkämpfte zusammen mit Nationalgalerie-Direktor Udo Kittelmann die Wiedereröffnung. Acht Millionen Euro musste der Bauträger der Luxuswohnungen für die Sanierung zahlen. Es hat sich gelohnt: Mit dem 27. Oktober dient die Friedrichswerdersche Kirche endlich wieder als Skulpturenmuseum der Alten Nationalgalerie – einer der traurigsten Bauskandale Berlins endet doch noch mit einem Happy End.

Den Berlinern und Liebhabern des 19. Jahrhunderts ist damit ein Ort zurückgegeben, der immer schon einen besonderen Platz eingenommen hat – in den Herzen vieler Menschen, ebenso im Stadtbild. Zu den Tagen der offenen Tür im Januar, bevor nach der Sanierung die Aufstellung der Skulpturen begann, kamen über 13 700 Besucher. Für viele verbindet sich eine persönliche Geschichte mit dem Ausstellungsort, für den auch nach der Wiedereröffnung kein Eintritt verlangt wird und der deshalb häufig als kleine Ausflucht im Getriebe des Alltags dient.

Die zwischen 1824 und 1830 fast zeitgleich mit seinem Alten Museum erbaute Kirche geht erst auf einen dritten Entwurf Schinkels zurück, der Kronprinz Friedrich Wilhelm (IV) genehm war. Die Schlichtheit des Äußeren in Backstein, im Inneren im Stil gotischer Chapels ist Sparzwängen geschuldet. Wäre es nach Schinkel gegangen, hätte es gusseiserne Stützen unter der Empore gegeben.

Stattdessen musste er mit hölzernen Ballustraden vorliebnehmen. Im Krieg wurde die Kirche schwer beschädigt, erst 1979 begann die DDR mit der Sanierung, um sie 1987 zur 750-Jahr-Feier der Stadt als Museum wiederzueröffnen. Seitdem wurden Skulpturen der Schinkelzeit gezeigt.

Internationalen Bezüge der Berliner Bildhauerschule

Dem Baumeister hätte die neue Einrichtung mit Werken des gesamten 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg gefallen, davon ist Ralph Gleis überzeugt. Mit Blick auf das Auswärtige Amt und in unmittelbarer Nachbarschaft zum Humboldt Forum wollte Kuratorin Yvette Deseyve die internationalen Bezüge der Berliner Bildhauerschule herausstellen.

Friedrich der Große holte französische Künstler an seinen Hof, um mit ihrer Hilfe seine Bauprojekte auszustatten. Von ihnen lernten die Berliner. Die Ausstellung „Ideal und Form“ gibt mit einzelnen Stücken geschickte Hinweise auf die Verflechtungen. So half Schadow seinem Lehrer Jean-Pierre Antoine Tassaert bei der in Marmor ausgeführten Büste Moses Mendelssohns, die hier als Bronze zu sehen ist. Die Franzosen waren Meister in der Kunst des Bronzegusses, François-Joseph Bosios lässig lagernder Hermaphrodit Hyazinth imponierte vor allem durch seine Dünnwandigkeit.

Schützerin der Schiffbrüchigen. Emil Wolffs „Nereide mit Dreizack“ (1840) schmückte einst das Palais Redern am Pariser Platz.Foto: Staatliche Museen zu Berlin / Andres Kilger

Rom und die Antike sollten zum anderen Bezugspunkt für die Berliner Bildhauer werden, eine Reise in die „Ewige Stadt“ gehörte für jeden veritablen Künstler damals dazu. Geschickt sind Heinrich Kümmels Fischerknabe und Emil Wolffs Nereide auf beiden Seiten des Kirchenschiffs einander gegenüber platziert, sie zierten einst das Palais Redern am Pariser Platz, wo heute das Adlon steht. Zwischen beiden Figuren, im Zentrum des Kirchenschiffs befindet sich ein leerer Sockel, der bei so manchem Besucher Enttäuschung auslösen wird.

Ausgerechnet das Doppelstandbild der Prinzessinnen Luise und Friederike von Preußen, die Ikone des Klassizismus und Sinnbild der Berliner Bildhauerschule, fehlt. Der Gips wird noch bis 2022 restauriert. Wer mag, darf selbst auf das Postament steigen, für die Füße sind Umrisse markiert. Wer die beiden allzu sehr vermisst, braucht nur zur Museumsinsel weiterzugehen. Dort stehen sie wie eh und je in Marmor ausgeführt in der Alten Nationalgalerie.

Ausgerechnet die Prinzessinnen Luise und Friederike von Preußen fehlen

Wie fragil, wie lebensnah insbesondere die Tonmodelle sind, auch das ist in der Friedrichswerderschen Kirche zu studieren. Als kleiner Ersatz für das fehlende Prinzessinnenpaar gibt es Friederikes glücklicherweise noch als Terrakotta erhaltene Büste, ein Unikat. Gleich daneben, ebenfalls unter Glas, befindet sich ein frühes Selbstbildnis von Schadow, das bei aller antikischen Idealisierung doch die Lebhaftigkeit eines selbstbewussten jungen Künstlers ausstrahlt.

Von Schadow zu den Deutsch-Römern ist es nur ein kleiner Sprung, auch die nächste Bildhauergeneration reiste nach Rom, um die Antike zu studieren, doch kam sie zu anderen Erkenntnissen. Nicht mehr der kühle weiße Marmor galt als Ideal, sondern warmes Inkarnat.

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Artur Volkmanns Nackter Jüngling, der an einem Baumstamm lehnt, erhält sogar farblich gefasste Augen. Die Archäologie hatte mittlerweile die polychrome Fassung der antiken Skulpturen bestätigt. Mit Volkmanns androgynem Jüngling von 1918 endet der Parcours. Wie in der Alten Nationalgalerie ist hier der Schnitt zur Moderne und damit zur Neuen Nationalgalerie gesetzt.

Beim Rausgehen aber sollte der Besucher nicht vergessen, noch auf die Empore zu steigen, wo es den schönsten Blick auf das wiederhergestellte Kircheninnere gibt. Im Rücken befinden sich zehn Büsten, darunter Werke der erfolgreichen Bildhauerinnen Angelica Facius, Anna von Kahle und Elisabeth Ney, die in ihrer Wahlheimat Texas als erste Frau weltweit ein Museum eingerichtet bekam. Vor einem öffnet sich der Blick in den prachtvollen Saal.

[Friedrichswerdersche Kirche, Werderscher Markt. Di, Mi, Fr bis So 10–18 Uhr, Do bis 20 Uhr]

„Der ganze innere Raum der Kirche ist frei ohne Hindernis im Sehen und Hören von einer angemessenen Anzahl großer, nicht zu hoch liegender Fenster erleuchtet“, hatte Schinkel seinen Entwurf Kronprinz Friedrich Wilhelm erläutert. Wenn er wüsste … Auf der linken Seite schiebt sich hinter den letzten Fenstern schattenhaft die Fassade des vermaledeiten Townhouses ins Bild. Zum Glück fällt noch immer genügend Licht ein. Bis ganz nach vorne durfte nicht mehr gebaut werden, zumindest dieser Protest wurde erhört. Von guter Nachbarschaft kann also immer noch nicht die Rede sein. Nur so viel: Beide stehen stabil.