Die Flamme brennt in der Lagune

Transfer und Tradition: Venedig rückt im Covid-Jahr zeitgenössische Künstlerinnen in den Fokus, die mit Glas arbeiten




Geist und Hülle. Karen LaMontes „Reclining Nocturne“ ist aus Murano zu bewundern.Foto: Fondazione Berengo

Auf Burano stellen Frauen seit Jahrhunderten die berühmten Spitzenstickereien her. Strahlend weiß liegen die Filigranarbeiten in der Sonne vor den Ladengeschäften, an denen jetzt wieder im Wesentlichen europäische Touristen vorüberziehen. Keine Kreuzfahrtmonster im Anrollen, wenig los auf dem Flughafen Marco Polo – Venedig erlebt durch Corona eine Normalität vor der Normalität, zurück ins 20. Jahrhundert.

Keine Biennale für Architektur oder Kunst, dafür begeistern zwei Ausstellungen mit Glaskunst, der alten venezianischen Rezeptur, die eine Neubelebung erfährt. Kunst und Glas. Wie bei dem Spitzenhandwerk von Burano hat sich in den Glasbetrieben auf der Nachbarinsel Murano lange die traditionellen Geschlechterregeln gehalten. In den Fornace, an den heißen Öfen, war Frauen der Zugang verwehrt. Frauen blieben am heimischen Herd. An den Feuern der Glasbläser, so hieß es, brächten sie Unglück.

Daran erinnert Adriano Berengo, Impresario Galerist und Unternehmer, wenn er durch die Ausstellung „Unbreakable“ in den alten Fabrikhallen von Murano führt. 64 zeitgenössische Künstlerinnen haben die Kuratoren Nadja Romain und Keon Vanmechelen zusammengeführt unter dem Motto „Unbreakable“. Die Fondazione Berengo arbeitet seit Jahren daran, das Image von Murano zu verändern. Auch hier wird die Meisterschaft der Glasbläser hoch geschätzt; Erwin Wurm, Tony Cragg, Ai Weiwei, Thomas Schütte und Jimmie Durham lassen bei Berengo Skulpturen herstellen. Zum erstklassigen Handwerk kommt dabei aber das Konzeptuelle, die künstlerische Fantasie und Innovation. In der immer noch engen Welt von Murano wird dieser Weg von vielen Glasmachern abgelehnt oder auch mit neidischen Augen betrachtet.

Ein attraktives Angebot

Wie gut Berengos Initiative funktioniert, wie attraktiv sie ist für Künstlerinnen unterschiedlicher Couleur und Herkunft, von denen viele noch nie zuvor mit Glas gearbeitet hatten, zeigt „Unbreakable: Women in Glass“. Arbeiten der Berliner Künstlerin Monica Bonvicini machen den Auftakt: Hände, Arme, ihre berühmten Gürtel und Schnallen, Zeichen für Fesselung und Widerstand. Der Werkstoff Glas strahlt Festigkeit aus, aber auch das Fragile. Daneben präsentiert die Malerin Elvira Bach skurrile Figurinen, sie spielt mit dem Klischee von dekorativem Murano-Glas und lässt sich davon einfangen.

Karen LaMonte gehört zu den erfahrenen Glaskünstlerinnen. Ihre Torsi atmen antike Eleganz, Kleider, deren Form und Faltenwurf den weiblichen Körper beschreiben und auch eine kalte, leere Hülle sind. Die Filmemacherin Laure Prouvost hat für die Venedig-Biennale 2019 den französischen Pavillon gestaltet. Man tastete sich im Dunkeln durch eine fantastisch vermüllte Unterwasserwelt, die gläserne Fauna stammte aus den Berengo-Werkstätten. Hier steuert sie ein zartes Gemüse-Mobile bei, Murano ist schließlich berühmt für die verrücktesten Lampen und Kronleuchter.

Licht und Wasser

Glas arbeitet mit Licht, und Licht reagiert auf Glas, was Chiara Dynys mit ihrer transparenten Bibliothek demonstriert. Bücher erhellen die Welt, in Corona-Zeiten umso mehr, während die Serie bunt-animalischer Masken jetzt weniger an den venezianischen Karneval als an die Seuche erinnert.

Auch in den Stanze del Vetro auf der San Giorgio Maggiore, wo die reiche Geschichte des Glasdesigns des 20. Jahrhunderts archiviert und erforscht wird, geht es in der neuen Ausstellung um den Transfer von Ideen und Technik. Die Fondazione Cini präsentiert „Venice and American Studio Glass“, eine transatlantische Kunstgeschichte, kuratiert von Tina Oldknow und William Warmus.

Anfang der 1960er Jahre entwickelte sich den den USA das Studio Glass Movement. Die Künstler experimentierten mit dem alten Werkstoff, um freie Ausdrucksformen zu finden – im größeren Zusammenhang der Pop Art, deren prominenteste Vertreter wie Jasper Johns oder Robert Rauschenberg ja auch alle möglichen Materialien mischten.

Transatlantischer Transfer

Richard Marquis war einer der amerikanischen Glaspioniere, die nach Venedig kamen, um die Geheimnisse der traditionellen Glaskunst zu erkunden. Seine Arbeiten spielten – damals ein beliebtes Motiv – mit den Stars and Stripes. Dale Chijuly, heute der erfolgreichste US-Glaskünstler, empfing auf Murano entscheidende Impulse. In Seattle hat er am Fuß des berühmten Needle-Tower einen riesenhaften Park mit seinen floralen Glasskulpturen eingerichtet.

Umgekehrt war es Lino Tagliapietra, der von Murano in die neue Glaswelt aufbrach und neben dem künstlerischen Austausch ein lukratives Geschäft aufzog. Sie sind in den Stanze del vetro alle noch einmal versammelt zum historischen Treffen. Es gibt wie bei „Unbreakable“ bizarre und spannungsgeladene Kreationen, doch es überwiegt die in dieser Moderne weitergetriebene klassische Formsprache. Lang gestreckte Vasen, sanfte Rundungen, verspielte Trinkgefäße, florale Vielfalt: Aus der Hippie-Kultur entstand ein neues Gefühl von Freiheit und Luxus. John Kiley fällt mit seinen schier schwerelosen Schlingen da ebenso auf wie der Native American Preston Singletary, der die Korbmachertradition in Glas fortsetzt; auch wieder gern kopiert von Glasmachern auf Murano, die sonst ohne äußere Einflüsse und Herausforderungen ewig das Gleiche reproduzieren.

Beide Ausstellungen sind bis Anfang 2021 zu sehen. Und sowohl bei Berengo als auch auf San Giorgio Maggiore, hinter der Palladio-Kirche, handelt es sich um eine sehr venezianische Angelegenheit. Wenn man Venedig als einen Ort des Durchgangs von alten und neuen Modellen und Technologien betrachtet, als Labor des Fluiden. Bei der „Venice Glass Week“ Anfang September lag in den Kanälen von Murano ein „Floating Fornace“, ein Boot mit einem Ofen, in dem Glasbläser vor Publikum Stücke fertigten. Feuer und Wasser, eine elementare Geschichte.