Die Chance auf Erfolg ist für Tuchel in London gegeben

Wenn ein polarisierender Charakter entscheidendes Kriterium im Trainerprofil des FC Chelsea war, dann hat sich das nach der Entlassung Frank Lampards nicht geändert. Der als eigenwillig bis kompliziert geltende Thomas Tuchel fügt sich damit – nach José Mourinho, Maurizio Sarri, oder Antonio Conte – nahtlos in die jüngere Trainerhistorie Chelseas.

Etwas unrühmlicher Abschied in Mainz, ein bisschen Zwist mit den Verantwortlichen in Dortmund und ein schwieriges Verhältnis zu manch Spielern hier und dort. Auch wenn Tuchels Umgangsformen umstritten sein mögen: Dass er ein tiefes Fußballverständnis hat, steht nicht zur Debatte. Der beachtliche Punkteschnitt mit FSV Mainz 05, der DFB-Pokaltriumph mit Borussia Dortmund in Zeiten unangefochtener Dominanz des FC Bayern und die Teilnahme mit Paris St. Germain (PSG) am Champions League-Finale geben ihm recht.

Aber gerade in Paris war das dem Klub, der aus den Öl- und Gasmilliarden des Emirs von Qatar gespeist wird, stets zu wenig. Tuchels Arbeit wurde nur am Triumph in der europäischen Spitzenklasse gemessen, ein Pokalsieg und zwei französische Meisterschaften waren für die Besitzer nur die Pflicht. Gewinnen konnte Tuchel bei PSG von Beginn an nicht.

Jetzt in London könnte alles unter einem anderen Stern stehen. Zwar steht auch hinter den Blues in Abramowitsch ein Oligarch, der regelmäßig enorme Millionenbeträge in die Mannschaft pumpt, aber Chelsea ist – im Gegensatz zu den Parisern bei Tuchels Amtsantritt – weder Serienmeister noch -pokalsieger.

Stattdessen spielt man an der Stamford Bridge nicht der Qualität des Kaders entsprechend und findet sich tabellarisch in der Mittelmäßigkeit der Premier League wieder. Tuchel könnte seinen sportlichen Wert als Trainer bei einem Spitzenteam unter Beweis stellen, ohne dabei – wie bei den Franzosen – von Beginn an als designierter Champions League-Sieger betrachtet zu werden. Er kann in London, anders als beim PSG, sportlich gewinnen.

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Vielleicht verschafft ihm das Freiheiten und Ruhe, um die schwächelnden Stars in die Spur zu bringen. Dass er Extravaganzen wie Mbappé, Neymar oder Cavani zu einem funktionierenden Team formen kann, hat Tuchel bei PSG gezeigt. Aber auch in London gilt: Sollte er sportlich nichts verbessern oder in der Führungsetage anecken, dürfte eine Entlassung nicht lange auf sich warten lassen, denn: Der polarisierende Charakter ist vielleicht ein Einstellungsmerkmal, aber kein Schutz gegen Rausschmiss.