Die Bundesliga ist kein Wettbewerb mehr

Die Dominanz des FC Bayern im Fußball ist nicht bloß langweilig, sie verdeutlicht das Problem ökonomischer Machtkonzentration. Ein Kommentar.




Wieder und wieder und wieder. Die Bayern nach dem Gewinn der achten Meisterschaft.Foto: Kai Pfaffenbach/dpa

Und, sind Sie auch schon so aufgeregt? Übertragen vom ZDF, geht es an diesem Freitagabend in der Bundesliga endlich wieder bei Null los. Die Frage ist nur, ob es ein 4:0, ein 5:0 oder gar ein 10:0 sein wird. Denn ungleicher als im Saisoneröffnungsspiel des FC Bayern München gegen den FC Schalke 04 könnten sich die Verhältnisse in Fußball-Deutschland kaum darstellen. Ein Sieg der Schalker gilt als so unwahrscheinlich, dass Wettbüros bereit sind, für diesen Fall das Zwanzigfache des Einsatzes auszuzahlen.

Das mag kaum verwundern. Der Kader des FC Bayern hat den fünffachen Marktwert im Vergleich zum FC Schalke (allein Serge Gnabry ist drei Mal so viel wert, wie die gesamte Mannschaft des Aufsteigers Arminia Bielefeld). Bezeichnend: Gerade erst wechselte mit Alexander Nübel der Stammtorhüter aus Gelsenkirchen freiwillig auf die Münchener Ersatzbank. Während der FC Schalke in der vergangenen Saison nach Steuern 25 Millionen Euro Miese machte, waren es in München 53 Millionen Gewinn.

Wo Schalke über 200 Millionen Euro Schulden hat, ist das berüchtigte bayrische „Festgeldkonto“ mit über 200 Millionen prall gefüllt. Im Vergleich zum Bundesligaquerschnitt haben die Münchner das vierfache Personalbudget, den größten Anteil an Fernsehgeldern – und ihr Erfolg beschert ihnen immer weiteren finanziellen Spielraum. Die bis zu 135 Millionen Euro für den Sieg in der Champions League ermöglichen auch in Zukunft exorbitante Gehälter.

Es geht eben nicht immer wieder bei Null los

„Aber, aber“, mag nun der tapfere Fußballfan einwenden, „Geld schießt keine Tore!“ Tut es eben doch. Von den zehn Bundesliga-Vereinen, die in der vergangenen Saison am meisten für ihr Personal ausgaben, befanden sich neun in der Abschlusstabelle unter den Top Ten. Die Geld-Erfolg-Spirale, sie wird sich auch in der kommenden Spielzeit munter weiterdrehen. Präventiv stellte sich ein Uli Hoeneß angesichts der 30. Meisterschaft der Münchner breitbeinig hin und forderte andere Vereine dazu auf, „sich einfach noch mehr anzustrengen“.

Bayerns Ex-Präsident Uli Hoeneß will, dass sich andere Vereine “mehr anstrengen”.Foto: Christof Stache/AFP

Hämisch fügte er hinzu, man könne jetzt nicht vom FC Bayern erwarten, „dass sie nur noch halbtags arbeiten, damit die Bundesliga wieder spannend wird.“ Deutlich analytischer gab sich hingegen Ex-Spieler Philipp Lahm, der jüngst von einer „Monopolstellung des FC Bayern“ sprach. Denn es geht eben nicht immer wieder bei Null los. Weder in der ungleichen deutschen Erbengesellschaft noch im Profifußball.

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Zur Erinnerung: In den vergangenen acht (!) Jahren gewann der FC Bayern München die Meisterschaft. Andere Ligen – ähnliches Bild. In Italien holte Juventus Turin im selben Zeitraum acht von acht Meisterschaften, in Frankreich kam Paris Saint-Germain immerhin auf sieben von acht. In Spanien, sind es mit Real Madrid und Barcelona noch zwei Mannschaften, die oben mitspielen. In England führen massive Geldsummen von Investoren immerhin dazu, dass ein Hauch von Wettbewerb unter einer Handvoll Mannschaften aufkommt.

Der Wettbewerbsgedanken strebt auf seine Selbstaufhebung hin

Eine europäische Superliga wird das Problem der Monokulturen nicht lösen, nur vertagen. Lange bevor es überhaupt den Fußball gab, prognostizierte übrigens ein gewisser Karl Marx, dass sich die Konkurrenzgesellschaft eines Tages selbst zerstören würde. Mit dem Übergang zum Monopolkapitalismus und der zunehmenden Kapitalkonzentration produziere der Wettbewerbscharakter der bürgerlichen Gesellschaft letztlich seine eigenen Totengräber. Es ist die Irrationalität einer Gesellschaft, in der das Wettbewerbsprinzip angepriesen wird, aber die Marktmacht einzelner Akteure dies ad absurdum führen. Apple, Google, Amazon oder Facebook lassen grüßen.

Was das für die Bundesliga bedeutet, erleben wir seit Jahren: gähnende Langeweile. Auch hier strebt der Wettbewerbsgedanken auf seine Selbstaufhebung hin. Wer schon einmal Monopoly gespielt hat, kennt die Dynamik. Ab der Hälfte des Spiels steht der Sieger eigentlich schon fest. Er hat sich die wichtigsten Schlüsselpositionen gesichert, bezieht hohe Erträge aus vergangenen Erfolgen. Und trotzdem müssen alle Beteiligten tapfer weiterspielen. Wir werden trotzdem zuschauen, wie die tapferen Schalker am Freitagabend über „LOS“ ziehen. Bloß dürfen sie dabei wohl weder auf eine Finanzspritze noch auf Punkte hoffen.