Die besten Essays des Jahres

Klaus Brinkbäumer war zuletzt Chefredakteur des „Spiegel“ und arbeitet heute als Autor unter anderem für „Die Zeit“. Sie erreichen ihn unter Klaus.Brinkbaeumer@extern.tagesspiegel.de oder auf Twitter unter @Brinkbaeumer.

Worüber haben wir 2020 nachgedacht, womöglich gar intelligent nachgedacht, welche Essays sind die Essays dieses Jahres? Dies sind meine fünf Siegerinnen und Sieger: Erstens Susan B. Glasser, mit gleich all ihren Texten, nämlich den wöchentlichen „New Yorker“-Kolumnen aus dem politischen Washington, die gleichermaßen präzise recherchiert wie analysiert sind.

Pure Poesie war der SZ-Nachruf auf Maradona

Zweitens George Packers „Political Obituary for Donald Trump“, ein Nachruf im „Atlantic“, der die zerstörerische Wucht der vergangenen vier Jahre so exakt wie eben darum wuchtig darlegt.

Drittens Nick Gillespies „How to Tell if You’re Being Canceled“ (im kleinen Magazin „Reason“ erschienen), ein Text über die freie Rede und ein kluges Plädoyer gegen den Versuch, „emotionale Verletzung genauso ernst zu nehmen wie Körperverletzung, denn die emotionale ist halt subjektiv und mitunter bloße Kränkung.

Viertens der Maradona-Nachruf von Javier Cáceres und Holger Gertz in der „Süddeutschen“, wegen purer Poesie. Und fünftens Adam Garfinkles „Erosion of Deep Literacy“ in „National Affairs“: Hier geht es um die erlernte menschliche Fähigkeit, komplexe Texte zu verstehen und zu verarbeiten und um das Verlernen dieser Fähigkeit im Smartphone-Zeitalter.

In den vergangenen Wochen habe ich zweimal, als wir an dieser Stelle die Rednerinnen und Redner des Jahres sowie das perfekte Wort suchten, mit Kolleginnen und Kollegen diskutiert. Das möchte ich ein drittes Mal so halten, da es durchaus anmaßend wäre, als Ein-Mann-Jury sämtliche Weiten der Essay-Welt ermessen zu wollen.

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Für den Essay des Jahres hält Ileana Grabitz die Visualisierung der Corona-Toten in der „New York Times“, nahezu wortlos alles sagend, was zu sagen war.

Stephan Lamby hat zwei herausragende Essays in Erinnerung, beide zum selben Thema: „Der Präsident und ich“ von Hubert Wetzel („Süddeutsche Zeitung“), denn Wetzel beschreibe, wie Donald Trump mit all seinen Lügen und Verdrehungen nicht nur die Arbeit des Korrespondenten präge, sondern in dessen Träume eindringe; und „Trump: Americans Who Died in War Are ,Losers’ and ,Suckers’“ von Jeffrey Goldberg („The Atlantic“), jener berühmt gewordene Text also, welcher Trumps Liebe zu Paraden, militärischer Macht und Kriegsverbrechern und seine Verachtung für gefangene und gefallene Soldaten beschreibt, die er eben „suckers“ und „losers“ nennt, Versager und Verlierer.

Tagesspiegel-Kolumnist Klaus Brinkbäumer.Foto: Tobias Everke

Hatice Akyün nennt den Essay „Face the Bitter Truth“ des damit zweifachen Siegers George Packer („The Atlantic“) „erschütternd, ernüchternd, trotzdem Mut machend“. Packer schreibt: „We are two countries, and neither of them is going to be conquered or disappear.“ Und er meint zwar die erbittert polarisierten USA, „aber ich habe auch Deutschland darin erkannt“, so die Kollegin.

Robert Birnbaum, alltäglich mit der Berliner Politik befasst, empfiehlt aus den Welten der Wissenschaft „The Hammer and the Dance“, Tomas Pueyos meisterliche Corona-Vorhersage aus dem März. Robin Alexander preist Sarah Zhangs „The Last Children of Down Syndrome“, einen „Atlantic“-Essay aus einer Gesellschaft der pränatalen Diagnostik, die Krankheiten und Behinderungen verschwinden lassen will, doch Nebenwirkungen hat.

Heinrich Wefing schließlich hat gleich mehrfach zu „Will He Go“ von Lawrence Douglas gegriffen, einem „visionären Essay“, der „so vieles vorweggenommen hat, das dann ins Zentrum der Politik gerückt ist. Wenn man böse wäre, würde man sagen: das Drehbuch, an dem sich das Trump-Team orientiert hat, um an der Macht zu bleiben; in Wahrheit aber eine eloquente, historisch tief gegründete Warnung, wie fragil unsere Verfassungen sind“.