Die besten Comics 2020 – Ralph Trommers Favoriten

Auch in diesem Jahr fragen wir unsere Leserinnen und Leser wieder, welches für sie die besten Comics der vergangenen zwölf Monate waren – hier eine erste Auswahl der Ergebnisse – unter allen Einsendenden werden wertvolle Buchpakete verlost.

Parallel dazu istwie bereits in den vergangenen Jahren wieder eine Fachjury gefragt. Die besteht in diesem Jahr aus acht Autorinnen und Autoren der Tagesspiegel-Comicseiten: Barbara Buchholz, Birte Förster, Christian Endres, Julia Frese, Moritz Honert, Sabine Scholz, Ralph Trommer, Lars von Törne.

Ralph Trommer.Foto: privat

Die Mitglieder der Jury küren in einem ersten Durchgang ihre fünf persönlichen Top-Comics des Jahres, die in den vergangenen zwölf Monaten auf Deutsch erschienen sind. Jeder individuelle Favorit wird von den Jurymitgliedern mit Punkten von 5 (Favorit) bis 1 (fünftbester Comic) beurteilt.

Daraus ergibt sich dann die Shortlist, auf der alle Titel mit mindestens fünf Punkten oder mindestens zwei Nennungen landen. Diese Shortlist wird abschließend von allen acht Jurymitgliedern erneut mit Punkten bewertet – daraus ergab sich die Rangfolge der besten Comics des Jahres, die am 17. Dezember im Tagesspiegel veröffentlicht wird.

Die Favoriten von Tagesspiegel-Autor Ralph Trommer

Platz 5: Alcante, Laurent-Frédéric Bollée/Denis Rodier – Die Bombe

Vor dem Inferno: Eine Szene aus „Die Bombe“.Foto: Carlsen

Die beiden Atombomben, die 1945 über Hiroshima und Nagasaki abgeworfen wurden, leiteten das Ende des Zweiten Weltkriegs ein und markierten zugleich den Beginn des Kalten Kriegs. 75 Jahre später und fast 50 Jahre, nachdem Keiji Nakazawa in seinem autobiografischen Mangaepos „Barfuß durch Hiroshima“ eindrücklich die Perspektive der japanischen Bevölkerung auf das verheerende Ereignis widerspiegelte, wirft nun der Doku-Comic „Die Bombe“ einen vielschichtigen und geradezu analytischen Blick auf das Thema.

Beginnend in den frühen 30er Jahren in Europa, über Albert Einsteins Brief an Roosevelt kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs bis hin zur Entwicklung der Bombe im Rahmen des „Manhattan Projects“ und die Entscheidungsabläufe zum Abwurf über Hiroshima, zeichnet der Comic präzise und auf immens spannende Weise die politisch-wissenschaftliche Entwicklung der vom Militär gesteuerten Atomforschung dieser Ära nach. Das Uran selbst agiert dabei als finster raunender Erzähler.

Den belgisch-französischen Szenaristen Alcante und Laurent-Frédéric Bollée gelingen differenzierte Charakterporträts der wichtigsten Akteure wie etwa dem Atomphysiker Leo Szilard: parallel erzählen sie von unterschiedlichen Beteiligten in den USA, Deutschland, England und Norwegen, sowie von einer fiktiven Familie in Japan. Gezeichnet ist das in einem kontrastreichen realistischen Stil und vollkommen klischeefrei vom kanadischen „Superman“-Zeichner Denis Rodier.

Ein herausragendes Beispiel für packende, ausgefeilte Erzählkunst wie auch für die gelungene Darstellung komplexer Ereignisketten. Nach wenigen Seiten wird der Leser gefangengenommen und folgt einer historisch erhellenden Erzählung in grandios gezeichneten Bildern – „Die Bombe“ ist ein fulminanter Beleg, was die Kunstform Comic heute leisten kann.

Platz 4: Zep – The End

Die Natur schlägt zurück: Eine Seite aus „The End“.Foto: Schreiber & Leser

Der 1967 geborene Genfer Künstler Zep (mit bürgerlichem Namen Philippe Chappuis) ist vor allem durch seine seit den 90er Jahren laufenden Comic „Titeuf“ bekannt, in dem er in kurzen Strips die prä-pubertären Nöte eines zehnjährigen Jungen mit Knollennase und markanter Haartolle auf die Schippe nimmt. Schon der Look seiner neuen Graphic Novel „The End“ zeigt eine ganz andere, anspruchsvollere Seite des Künstlers.

Für seinen gezeichneten Öko-Thriller hat sich Zep vom populären Sachbuch „Das geheime Leben der Bäume“ des deutschen Försters und Autors Peter Wohlleben inspirieren lassen. Der Schweizer Zeichner denkt den heutigen Klimawandel mit seinen bedrohlichen Auswirkungen weiter und entwirft in feinen, realistischen Zeichnungen und unter Verzicht auf Panel-Rahmen eine intelligente wie beklemmende Zukunftsvision.

Der junge Öko-Aktivist Theodor ist Neuling in einer schwedischen Forschungsstation in einem Naturreservat. Anfangs hat er Schwierigkeiten, mit Professor Frawley, dem mürrischen Leiter des Teams, klarzukommen, der während der Arbeit geradezu zwanghaft den Doors-Song „The End“ hören muss. Dessen umstrittene These lautet, dass Bäume die DNA der Erdgeschichte in sich tragen, auf intelligente Weise miteinander kommunizieren und aktiv auf Bedrohungen reagieren. Die Natur scheint ihr „Verhalten“ tatsächlich geändert zu haben, es häufen sich seltsame Phänomene, die die Menschheit bedrohen…

Der unaufgeregte Erzählrhythmus von „The End“ zieht den Leser fast unmerklich in einen Sog und lässt ihm zugleich den nötigen Raum, um eigene Schlussfolgerungen zu ziehen. Zeps trügerisch schön gezeichnete und mit vorwiegend blau-grünen Farbflächen unterlegten Naturbilder wirken ebenso wie die vielschichtige Öko-Story lange nach.

Platz 3: Shigeru Mizuki – Kindheit und Jugend

Das Titelbild von Shigeru Mizukis “Kindheit und Jugend”.Foto: Reprodukt

Shigeru Mizuki lebte von 1922 bis 2015, gehört zu den wichtigsten Mangaka der Nachkriegszeit und war bis vor wenigen Jahren außerhalb Japans noch vollkommen unbekannt. Im letzten Jahr hat der Reprodukt-Verlag begonnen, seine Mangas auch hierzulande zugänglich zu machen („Hitler“, „Auf in den Heldentod“, „Tante NonNon“). Mizukis vielfältiges Werk umfasst sowohl phantastische wie auch realistische Werke mit meist historischen Bezügen.

Ästhetisch unterscheidet sich Mizukis Stil sehr vom Mainstream-Manga – rehäugige Teenager mit überlangen Beinen und grelle Effekte sind bei ihm nicht zu finden. Mizuki begann seine Karriere mit dem Zeichnen von Bilderfolgen für das japanische Kamishibai-Papiertheater, bis er erste Mangas für Leihbibliotheken zeichnete. Seine Charaktere sind ins Groteske überzeichnete Karikaturen, die oft vor fotorealistischen Hintergründen agieren. Seine Erzählweise ist vorwiegend humoristisch-satirischer Art, jedoch sind die Geschichten selbst meist ernst gehalten und anekdotisch.

„Kindheit und Jugend“ eignet sich hervorragend als Einstieg in Mizukis Universum. Es ist der erste von drei Bänden einer Autobiografie, die mit Mizukis Geburt in Osaka beginnt und mit dem Beginn seines Kriegsdienstes 1943 endet (Band 2, „Kriegsjahre“, ist gerade erschienen). Es erzählt zunächst vom behüteten Aufwachsen des kleinen Shigeru in bürgerlichem Milieu in der Kleinstadt Sakaiminato an Japans Westküste, sowie von einer fragilen Gesellschaft, die in den Nationalismus mündet.

Das deutet sich schon zu Beginn des Buches an, wenn der Erzähler sich erinnert, dass Soldaten bereits von kleinen Kindern als Helden verehrt wurden. Unterbrochen werden die aus Sicht Shigerus erzählten Episoden gelegentlich von Kommentaren des „Rattenmannes“ – einer bekannten Yōkai (Geister)-Figur aus Mizukis bekanntester Serienfigur „Kitarō“-, die hier als Alter Ego Mizukis fungiert – sowie Erläuterungen zu politischen Hintergründen im zunehmend imperialistisch-aggressiven Japan. Bei aller Historie ist die in den 2000er Jahren entstandenen Autobiografie stets unterhaltsam – mal derb-humorig, dann wieder nachdenklich und tiefsinnig.

Platz 2: Hervé Tanquerelle, Gwen de Bonneval, nach Jørn Riel – Grönland Odyssee

In der Finsternis der Polarnacht: Eine Seite aus „Grönland Odyssee“.Foto: avant

Der 1972 geborene französische Comiczeichner Hervé Tanquerelle (u.a. „Professor Bell“) ließ sich bereits für seinen 2017 erschienenen Comic „Grönland Vertigo“ von einer Schiffsexpedition durch Grönlands Fjorde inspirieren, auf der er unter anderem den bekannten dänischen Schriftsteller Jørn Riel kennenlernte. Daraufhin begann er mit dem Lesen von Riels urigen Grönland-Geschichten, die in Dänemark Bestseller sind, und holte einen Landsmann, Gwen de Bonneval (Jahrgang 1973) als Szenaristen für seine Adaption dieser Erzählungen ins Boot.

„Grönland Odyssee“ unterscheidet sich deutlich vom Vorgängerband: Dominierte dort noch die leuchtende Farbigkeit der nordischen Fjorde, so verwendet Tanquerelle in „Grönland Odyssee“ nur schwarzweiße Tusche und subtile Grauschattierungen; war „Vertigo“ auch formal als Hommage an Hergé („Tim und Struppi“) gedacht und ganz in dessen „Ligne Claire“-Stil gezeichnet, passt sich Tanquerelles Strich hier ganz den Stimmungen der Erzählungen an, erschafft etwa durch Schraffuren und Aquarellierung das schummrige Licht der Jagdhütten im polaren Winter.

Tanquerelle und de Bonneval lassen sich ganz auf ihr pointiert karikiertes Ensemble ein. Selten hat man solch eine urkomische Galerie verschrobener, kauziger Einsiedler gesehen. Abgesehen von einem raubeinigen Isländer sind es allesamt Dänen, die als Trapper, Jäger oder Fallensteller meist zu zweit in weit voneinander entfernt liegenden Hütten hausen. Abwechslung bietet sich nur, wenn sie sich ab und zu gegenseitig besuchen und im Alkoholrausch Geschichten erzählen. Doch gibt es auch interessante Liebesgeschichten – zu intelligenten Tieren oder imaginären Frauen. Tanquerelle und de Bonneval adaptieren Riels Stories kongenial, mit einer Mischung aus warmherzigem und grimmigem Humor. Die richtige Lektüre für einen langen, lichtarmen Winter.

Platz 1: Uli Oesterle – Vatermilch, Band 1

Wiedersehen: Vater und Sohn in einer Szene zu Beginn von „Vatermilch“.Foto: Carlsen

Mitte der 70er bei München. Rufus Himmelstoss gefällt sich in der Rolle des brillanten Markisen-Vertreters, der gerne seine Frau mit Kundinnen betrügt und sein Geld abends beim Spielen verprasst. Sein kleiner Sohn Victor bekommt ihn nur selten am Abend – in trunkenem Zustand – zu sehen. Doch ist der Westentaschen-Monaco-Franze hoch verschuldet und wird gefeuert. Seiner Frau bleibt nichts übrig, als ihn rauszuwerfen. Rufus verschwindet. Landet auf der Straße. Wird unsichtbar. Victor wird indes erwachsen und – Comiczeichner. Eines Tages wird er mit dem Leichnam seines Vaters konfrontiert. Wer war er eigentlich?

Mit „Vatermilch“ reduziert der Münchener Comiczeichner Uli Oesterle die phantastischen und grotesken Elemente früherer Geschichten („Kopfsachen“, „Hector Umbra“) auf ein Minimum, um seine authentische Geschichte möglichst glaubwürdig zu erzählen. Das München der 70er Jahre wird vor den Augen der Leser wieder lebendig, legendäre Schwabinger Discotheken wie das „Yellow Submarine“ werden von Typen mit Schlaghosen und Frauen mit Miniröcken bevölkert.

Als Schleifen gezeichnete Songtexte der Zeit (wie das perfekt zum Plot passende „Papa was a Rolling Stone“ oder „Kung-Fu-Fighting“) kommentieren das Geschehen über mehrere Seiten hinweg. „Vatermilch“ erscheint in Struktur und Erzählweise wie ein perfekt auf den Punkt komponiertes und zugleich improvisiert wirkendes, längeres Musikstück, irgendwo zwischen Jazz und Blues, das zwischen den Rufus- und den Victor-Episoden rhythmisch wechselt.

Oesterle verzichtet oft auf Konturierungen, um mittels nuancierter Licht- und Schattengestaltung feinste Stimmungen zu erzeugen und unterlegt seine sehr abwechslungsreichen Seitenlayouts mit ausgewählten, matten Farben. Er beherrscht nicht nur die differenzierte, abgründige und zugleich anrührende Charakterzeichnung, die zu einfache Schuldzuweisungen vermeidet. Es gelingt ihm auch, seine im Grunde tieftraurige Geschichte eines Absturzes auf leichtfüßige Weise und mit pointiertem Humor konsumierbar zu machen.