Die besten Comics 2020 – Moritz Honerts Favoriten

Auch in diesem Jahr fragen wir unsere Leserinnen und Leser wieder, welches für sie die besten Comics der vergangenen zwölf Monate waren – hier eine erste Auswahl der Ergebnisse – unter allen Einsendenden werden wertvolle Buchpakete verlost.

Parallel dazu istwie bereits in den vergangenen Jahren wieder eine Fachjury gefragt. Die besteht in diesem Jahr aus acht Autorinnen und Autoren der Tagesspiegel-Comicseiten: Barbara Buchholz, Birte Förster, Christian Endres, Julia Frese, Moritz Honert, Sabine Scholz, Ralph Trommer, Lars von Törne.

Moritz Honert.Foto: Tsp

Die Mitglieder der Jury küren in einem ersten Durchgang ihre fünf persönlichen Top-Comics des Jahres, die in den vergangenen zwölf Monaten auf Deutsch erschienen sind. Jeder individuelle Favorit wird von den Jurymitgliedern mit Punkten von 5 (Favorit) bis 1 (fünftbester Comic) beurteilt.

Daraus ergibt sich dann die Shortlist, auf der alle Titel mit mindestens fünf Punkten oder mindestens zwei Nennungen landen. Diese Shortlist wird abschließend von allen acht Jurymitgliedern erneut mit Punkten bewertet – daraus ergab sich die Rangfolge der besten Comics des Jahres, die am 17. Dezember im Tagesspiegel veröffentlicht wird.

Die Favoriten von Tagesspiegel-Redakteur Moritz Honert:

Platz 5: Serpieri-Collection Western

Überlebenskampf: Eine Seite aus dem dritten Band der Serpieri-Gesamtausgabe.Foto: Schreiber & Leser

Eingestaubt, totgeritten, abgehalftert: Es steht nicht zum Besten um das Image des Western. Wie zeitlos gut das Genre jedoch sein kann, lässt sich anhand der „Serpieri-Collection“ (Schreiber & Leser) nachverfolgen, deren dritter und abschließender vierter „Western“-Band im zurückliegenden Jahr erschienen sind. In kratzigen, meisterhaft naturalistischen, meist schwarz-weißen Panels erzählt der Italiener vom Aufeinandertreffen des „weißen Mannes“ mit den amerikanischen Ureinwohnern und zeichnet dabei ein ungeschöntes, schwarzhumoriges und ernüchterndes Bild jener Epoche.

Platz 4: Conan – Aus den Katakomben

“Aus den Katakomben” ist der siebte Band der noch nicht abgeschlossenen Reihe.Foto: promo

Ich wiederhole mich, was diese Reihe von „Conan“-Adaptionen angeht, aber ich wiederhole mich gerne: Sie ist grandioses Spektakel und „Aus den Katakomben“ (Splitter) ein weiteres erzählerisches und grafisches Highlight. Vordergründig liefert die Umsetzung von Robert E. Howards Erzählung „Red Nails“ ein blutiges Schlachtengemälde voller Drachen, Stammesfehden, Vampirismus und Intrigen. Aber am Ende geht es hier eben nicht nur um Blut und Brüste, sondern um den Widerstreit zwischen Barbarei und Zivilisation und die brandaktuelle Frage, was mit einer Gesellschaft geschieht, in der „das Abnormale normal wird“.

Platz 3: Lukas Jüliger – Unfollow

Öko-Influencer. „Unfollow“ handelt von einem jungen Mann namens Earthboi.Foto: Reprodukt

Die Welt ist kompliziert, die Sehnsucht nach einfachen Antworten groß. Lukas Jüliger berichtet in „Unfollow“ (Reprodukt) von dieser Sehnsucht und lässt eine anonyme Stimme vom Aufstieg des Heimkinds „Earthboi“ zum weltweiten Influencer und schließlich Guru einer Ökokommune erzählen. Doch nach und nach entsteht ein Unwohlsein beim Lesen. Wem hört man da eigentlich zu? Und was darf man glauben? Jüligers ist mit seinem Buch eine spannende Reflexion über die Klimakrise, die Generation Youtube und die schmale Grenze zwischen Überzeugung und Fanatismus gelungen – und eins der seltenen Werke, die mal zweimal mit Gewinn lesen kann. Denn wer das Ende kennt, wird nachher vieles mit anderen Augen sehen.

Platz 2: Martin Panchaud – Die Farbe der Dinge

Vogelperspektive: Eine Seite aus „Die Farbe der Dinge“.Foto: Edition Moderne

Ja, auch die tragisch-komische Coming-of-Age-Krimi-Groteske, die Martin Panchaud erzählt, ist originell. Doch vor allem grafisch ist sein Buch „Die Farbe der Dinge“ (Edition Moderne) ein Meisterwerk. Die Idee, den Comic komplett aus der Vogelperspektive zu gestalten und mit den Mitteln der Infografik zu abstrahieren, wirkt auf den ersten Seiten seltsam und gekünstelt. Doch schon nach wenigen Seiten hofft, leidet und freut man sich mit den Figuren, die nur aus bunten Kreisen bestehen. Mit seinem Buch beweist der Schweizer Künstler, dass das Medium Comic visuell noch lange nicht auserzählt ist.

Platz 1: James Sturm – Ausnahmezustand

Politik und Alltag: Eine Seite aus „Ausnahmezustand“.Foto: Reprodukt

Ist das Private politisch? Darüber kann man streiten. Doch dass die Politik immer mehr ins Private drängt, daran besteht spätestens seit Trumps Präsidentschaftswahlkampf kein Zweifel mehr. James Sturm erzählt in „Ausnahmezustand“ (Reprodukt) eine Geschichte aus dem Amerika des Jahres 2016. Der Handwerker Mark und seine Frau haben sich getrennt, er versucht Job sowie Erziehungsaufgaben unter einen Hut zu bekommen und scheitert dabei mal mehr, mal weniger. Sturm berichtet von Alltäglichkeiten, verpassten Überweisungen, Familienfeiern, Ehestreits und immer wieder von verletztem männlichen Stolz. Er tut das ohne große Aufregung, ohne Pathos, aber mit einer feinen Beobachtungsgabe, die nicht nur ein getreues Bild einer Ära einfängt, sondern auch das Große im Kleinen aufzeigt, das Tragische im vermeintlich Banalen.