Die besten Comics 2020 – Julia Freses Favoriten

Auch in diesem Jahr fragen wir unsere Leserinnen und Leser wieder, welches für sie die besten Comics der vergangenen zwölf Monate waren – hier eine erste Auswahl der Ergebnisse – unter allen Einsendenden werden wertvolle Buchpakete verlost.

Parallel dazu istwie bereits in den vergangenen Jahren wieder eine Fachjury gefragt. Die besteht in diesem Jahr aus acht Autorinnen und Autoren der Tagesspiegel-Comicseiten: Barbara Buchholz, Birte Förster, Christian Endres, Julia Frese, Moritz Honert, Sabine Scholz, Ralph Trommer, Lars von Törne.

Julia Frese.Foto: privat

Die Mitglieder der Jury küren in einem ersten Durchgang ihre fünf persönlichen Top-Comics des Jahres, die in den vergangenen zwölf Monaten auf Deutsch erschienen sind. Jeder individuelle Favorit wird von den Jurymitgliedern mit Punkten von 5 (Favorit) bis 1 (fünftbester Comic) beurteilt.

Daraus ergibt sich dann die Shortlist, auf der alle Titel mit mindestens fünf Punkten oder mindestens zwei Nennungen landen. Diese Shortlist wird abschließend von allen acht Jurymitgliedern erneut mit Punkten bewertet – daraus ergab sich die Rangfolge der besten Comics des Jahres, die am 17. Dezember im Tagesspiegel veröffentlicht wird.

Die Favoriten von Tagesspiegel-Autorin Julia Frese

Platz 5: Tsunami Miyazuki und Asu Futatsuya – „My roommate is a cat“

Titelbild des aktuelle dritten Bandes von “My Roommate is a Cat”.Foto: Carlsen

Am wohlsten fühlt sich Subaru in Gesellschaft von Büchern, Menschen hingegen machen den jungen Schriftsteller nervös. Seine Wohnung verlässt der 24-jährige nur selten, Besuche und Anrufe empfindet er als grobe Störung seiner Gemütsruhe. Einzig um am Grab seiner Eltern zu beten, die vor ein paar Jahren bei einem tragischen Unfall ums Leben kamen, zieht es Subaru doch mal hin und wieder freiwillig vor die Tür. Bei einem dieser Besuche begegnet ihm eine streunende Katze, die plötzlich aus dem Grab emporzuspringen scheint. Nach dem ersten Schreck fühlt sich Subaru von der Szene zu einem neuen Krimi inspiriert und nimmt das Tier für weitere Anregung vorerst aus ganz eigennützigen Motiven mit nach Hause. Doch nach und nach merkt Subaru, dass er in der Katze endlich ein Lebewesen gefunden hat, mit dem er sich ein Zusammenleben vorstellen kann. Wären da nur nicht all diese Menschen, mit denen er dafür plötzlich interagieren muss, wie der Tierarzt, die Verkäuferin aus dem Tierhandel oder sein Lektor, der einen Narren an der Katze gefressen hat und plötzlich ständig bei Subaru zu Hause aufkreuzt. Jede Episode des Manga wird zusätzlich aus Sicht der Katze erzählt, die genau wie Subaru schon einige schlimme Erfahrungen in ihrem Leben machen musste. Trotzdem entstehen durch die unterschiedlichen Perspektiven oft lustige Momente, ohne dass es albern oder übermäßig kitschig wird. Die Charaktere sind gut ausgearbeitet und man fühlt sich schnell in dieser schrägen Komödie zu Hause.

Platz 2: Yuki Urushibara – „Mushishi“

Zeichen und Wunder: Eine Seite aus „Mushishi“.Foto: Manga Cult

Mushi, das sind in diesem Manga Wesen aus der Natur, die den Menschen nützen, aber auch schaden können. Oft stellen sie eine Verbindung zur Welt der Geister und Toten her und manchmal lassen sie jene, die von ihnen besessen sind, krank oder verrückt werden. Die Hauptfigur des Manga ist Ginko, ein sogenannter Mushishi. Er kennt sich als einer von wenigen geschulten Experten mit den Mushi aus. Bei seinen Reisen durch ein vorindustriell-dörfliches Japan begegnet er unterschiedlichsten Menschen, die von Mushi besessen sind und hilft ihnen, mit den eigenartigen Mächten zu kommunizieren. Manga-Autorin Yuki Urushibara streut immer wieder philosophische Betrachtungen zum Verhältnis zwischen Mensch und Natur in die Geschichte ein, was ihr eine besondere Tiefgründigkeit verleiht. Das alte Japan, in dem sie spielt, hat etwas Märchenhaftes an sich und erinnert zuweilen an die idyllischen und zugleich ein wenig gruseligen Welten der Filme von Hayao Miyazaki. Besonders die ersten Seiten eines neuen Kapitels sind teilweise sehr detailreich gezeichnet. Bis man etwas mehr über die Motive der Hauptfigur erfährt, dauert es in diesem Manga eine gute Weile. Aber bis dahin spielt eben die spannende, mystische Atmosphäre die Hauptrolle.

Platz 3: Kei Ohkubo – „Arte“

Kampf um die Kunst: Eine Szene aus „Arte“.Foto: Carlsen

Im Florenz des 16. Jahrhunderts gab es für Töchter aus gutem Hause nur eine Bestimmung: einen reichen Mann zu heiraten und ihm viele Nachkommen zu schenken. Für die junge Adlige Arte kommt das allerdings nicht in Frage, sie möchte Malerin werden und ein unabhängiges Leben führen. Dafür rennt sie den männlichen Meistern ihrer Stadt so lange die Türen ein, bis sich tatsächlich einer von ihnen bereits erklärt, sie als Lehrling aufzunehmen. Beim grummeligen Meister Leo muss sie fortan in einer Bruchbude auf dem Dach hausen und seine Launen ertragen. Aber sie lernt auch einiges und manchmal kann Leo sogar ganz charmant sein. Der Manga von Kei Ohkubo ist in sehr detailfreudigem Stil gehalten, der einen schnell in die quirlige Atmosphäre des historischen Florenz eintauchen lässt. Gut ausgearbeitete Charaktere, stimmungsvolle Stadtpanoramen und die temperamentvolle Hauptfigur machen den Manga zu einer wirklich sogartigen Lektüre — auch wenn die Handlung noch so unrealistisch erscheinen mag.

Platz 2: Kann Takahama – „Der Liebhaber“

Das Titelbild von Kan Takahams Adaption von “Der Liebhaber”.Foto: Carlsen

Für ihre Version des Literaturklassikers “Der Liebhaber” von Marguerite Duras hat Manga-Autorin Kan Takahama gründlich recherchiert. Nicht nur kennt sie seit ihrer Jugend das gesamte Werk der französischen Schriftstellerin, sie reiste auch an die originalen Schauplätze ihres bekanntesten Romans. In Ho-Chi-Minh-Stadt streifte Takahama durch enge Gassen und spürte die träge machende Hitze und das Gefühl des Fremdseins am eigenen Leib. Sie fand Fotos des realen “Liebhabers”, mit dem Duras als Sechzehnjährige die tragische Liebesgeschichte im kolonialen Indochina erlebte, die sie später in mehreren ihrer Werke aufgriff. In Takahamas Manga-Version der Geschichte entsteht durch die intensive Beschäftigung mit der realen Vorlage eine überzeugende Wahrhaftigkeit. Takahama versteht die Figuren einerseits von innen, betrachtet sie andererseits aber auch mit einer gewissen analytischen Distanz von außen. Ihre Hauptfigur hat dadurch zugleich etwas Schroffes, aber auch etwas sehr Verletzliches an sich. Der “Liebhaber” wiederum, der in einer Filmadaption des Romans von einem jungen, schönen Schauspieler gemimt wird, kommt bei Takahama seinem realen Vorbild deutlich näher: Er hat ein durchschnittliches, kultiviertes, aber keineswegs hübsches Gesicht. Die angenehm unpathetisch erzählte Liebesgeschichte leuchtet dabei in wundervoll warmen Farben, in denen Takahama die flirrende Hitze des kolonialen Indochina einfängt. Besser kann ein Manga große Literatur kaum wiedergeben.

Platz 1: Yoshiharu Tsuge – „Der nutzlose Mann“

Sinnsucher: Eine Seite aus der „Der nutzlose Mann“.Foto: Reprodukt

Der Protagonist der episodenhaften Geschichte ist hauptberuflich Mangazeichner, aber so richtig will seine Karriere nicht in Schwung kommen. Immer wieder versucht er, Stabilität im sein Leben zu bringen: Er eröffnet ein Geschäft für Gebrauchtkameras, beginnt mit ungewöhnlichen Steinen zu handeln oder trägt Touristen für wenig Geld Huckepack über einen Fluss. Seine Mitmenschen jedoch, allen voran seine Ehefrau, empfinden seine Bemühungen als lächerlich und bezeichnen ihn als “Nichtsnutz”. In den nachdenklich stimmenden Episoden aus dem Leben eines Gescheiterten erfährt man als Leser viel über die japanische Gesellschaft und ihr Männerbild. Der Manga erschien erstmals 1987, wurde aber dieses Jahr erstmals auf Deutsch veröffentlicht. Auch wenn der Leistungsgedanke in Japan sehr viel deutlicher ausgeprägt ist als hierzulande, gerät man auch als deutscher Leser ins Grübeln: Was ist denn eigentlich nützliches Tun? Etwa nur solches, das gut bezahlt wird? Sollten Menschen, die sich so viele Gedanken um andere machen wie der Protagonist, nicht viel mehr dafür anerkannt werden?